Verkehrswende Luxemburg macht Fahrten in Bus und Bahn kostenlos

Zahlen muss man nur noch in der ersten Klasse: In Luxemburg sollen Fahrten in Bus und Bahn ab März gratis sein. Das soll helfen, das Verkehrschaos in dem Land einzudämmen.
Tram in Luxemburg: Bald braucht man keine Fahrkarte mehr

Tram in Luxemburg: Bald braucht man keine Fahrkarte mehr

Foto: Harald Tittel/DPA

Den öffentlichen Personennahverkehr in Luxemburg kann man bald kostenlos nutzen. Ab dem 1. März braucht man für Busse und Bahnen keine Fahrkarten mehr. Fahrkartenschalter werden geschlossen, Kontrolleure bekommen neue Service-Aufgaben. "Das steht uns einfach gut zu Gesicht und trägt enorm zum Image und zur Attraktivität Luxemburgs bei", sagt der liberale Premierminister Xavier Bettel zu der Neuerung. Nur die erste Klasse der Bahn bleibt kostenpflichtig.

Die Gratisfahrten sind der besonders öffentlichkeitswirksame Teil eines größeren Bemühens um eine Verkehrswende. Denn Luxemburg - rund 2600 Quadratkilometer groß, 600.000 Einwohner - erstickt im Verkehr.

Großes Wirtschaftswachstum schafft Probleme - nicht nur auf einem völlig überhitzten Immobilien- und Wohnungsmarkt, der viele Bürger auf der Suche nach bezahlbarem Wohnraum in die Nachbarländer treibt. In 20 Jahren ist die Bevölkerung um gut ein Drittel gewachsen. Zusätzlich pendeln noch rund 200.000 Menschen aus Frankreich, Belgien und Deutschland täglich zur Arbeit nach Luxemburg: Ein Anstieg um 140 Prozent gegenüber dem Jahr 2000. Morgens und abends herrscht vielerorts Stau.

"Sahnehäubchen" der Verkehrsstrategie

Die Kosten für die Gratisfahrten übernimmt der Staat. Steuerzahler kommen schon jetzt für 90 Prozent der Kosten für die öffentlichen Verkehrsmittel auf, bislang rund 491 Millionen Euro. Die Gratisfahrten schlagen mit 41 Millionen Euro zusätzlich zu Buche.

Mobilitätsminister François Bausch von den Luxemburger Grünen hat wiederholt gesagt, er erwarte nicht, dass allein wegen der Kostenfreiheit viele Autofahrer auf den öffentlichen Verkehr umsteigen werden. Die Kostenfreiheit sei ein "Sahnehäubchen auf einer umfassenden multimodalen Verkehrsstrategie". Premier Bettel hat sich mit seinen Koalitionspartnern von Grünen und Sozialdemokraten auf ein Verkehrskonzept namens "Modu 2.0" geeinigt. Es sieht eine Reihe von Maßnahmen vor:

  • Die Investitionen in die Mobilität sollen von 501 Millionen Euro 2018 auf 806 Millionen Euro im Jahr 2021 steigen.
  • Die Hauptstadt wird mit einer hochmodernen Straßenbahn erschlossen. Im engen Stadtzentrum funktioniert sie ohne Oberleitung mit Batterie.
  • Neue Parkplätze und Bahnen sollen die Autopendler aus Lothringen, der Wallonie, dem Saarland und der Region Trier vor Erreichen der Stadt abfangen und auf Schienen schnell zur Arbeit bringen.
  • Die Zahl der Park-and-Ride-Parkplätze soll bis 2025 verdoppelt werden.
  • Eigene Pendlerspuren sind geplant, um Autos mit mindestens drei Insassen schneller vorankommen zu lassen. Derzeit sind laut Minister Bausch täglich 250.000 unbesetzte Autositze in die Stadt unterwegs.
  • Das Radwegenetz soll auf 1100 Kilometer ausgebaut werden - das wäre fast eine Verdopplung der Strecken. Zwischen den beiden größten Städten Luxemburg und Esch-sur-Alzette soll ein 28 Kilometer langer Radschnellweg entstehen.
  • Das Busnetz soll reorganisiert werden, eine Schnell-Straßenbahn mit Spitzentempo 100 wird bis 2035 als Verbindung der Ballungszentren Luxemburg und Esch angepeilt.

Trotz aller Verbesserungen ist die Verkehrsstrategie nicht unumstritten. Luxemburg betreibe nach wie vor eine "ganz stark Auto-orientierte Verkehrspolitik", sagt Verkehrsexperte und Stadtplaner Heiner Monheim in Trier. Vor allem das bessere Park-and-Ride-Angebot sieht er kritisch. "Das hilft dem öffentlichen Verkehr eigentlich nichts."

Besser seien "minimaler Autoverkehr und maximaler öffentlicher Verkehr." Dazu bräuchte es bei der Bahn aber deutlich mehr Haltepunkte. Er gehe von 50 bis 60 neuen Stopps aus, "dass aus dem Schienennetz etwas S-Bahn-ähnliches wird". Sinnvoll seien auch 70 bis 80 Leihrad-Stationen in Luxemburg. "Ein Tarifexperiment verändert noch nicht die Verkehrswelt als Ganzes", sagt Monheim.

ulz/dpa
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