Luxus-Automarkt Moskau Der Rubel rollt für Maybach und Mercedes
Die Straßen sind in bescheidenem Zustand, die Schlaglöcher selbst auf der Autobahn knöcheltief, und jetzt, am Anfang des Winters, starren die meisten Autos nur so vor Dreck. Doch der erste Eindruck täuscht: Natürlich fahren in und um Moskau Massen alter Kleinwagen, von denen die meisten einen russischen Markenschriftzug tragen. Aber dazwischen strahlen überraschend viele frisch gewaschene Luxuslimousinen und Prunkgeländewagen. Und wer einmal die Millionärsmeile Rubljowka zu den mit meterhohen Stacheldrahtzäunen eingepferchten Edel-Ghettos der Oligarchen befährt, hält die Elbchaussee in Hamburg für eine schäbige Vorortstraße. Wohl nirgends in Europa sitzt das Geld so locker wie in der russischen Metropole.
Kaum einer weiß das besser als Denis Parfenov, der für Mercedes den Verkauf in Russland leitet. Insgesamt reicht es den Schwaben mit 13.000 Zulassungen in den ersten zehn Monaten des Jahres zwar nur für einen Platz im Mittelfeld der Zulassungsstatistik, doch beim Geldadel spielen sie die Hauptrolle. "Die S-Klasse ist hier der Inbegriff der Luxuslimousine", sagt Parfenov und erklärt so, warum sie sich um mehr als 3000 Zulassungen besser verkauft als jede andere Mercedes-Baureihe.
Besonders hoch im Kurs steht jedoch nicht die prestigeträchtige Zwölfzylinder-Version, sagt Anastasia Zbarskaya, die den Verkauf beim größten der sieben Moskauer Mercedes-Händler leitet. Der Grund: "Für dieses Auto gibt es leider keinen Allradantrieb, deshalb ist er hier fast unverkäuflich." Stattdessen bestellen die Kunden die Langversion des S 500 4Matic und investieren noch einmal ein Drittel des Kaufpreises in die Individualisierung. "Bunte Farben, individuelle Hölzer und Leder sind sehr angesagt", sagt die VIP-Verkäuferin.
Gepanzerte Limousinen sind gefragt
Noch gefragter sind allerdings Extras, die man allenfalls auf den zweiten Blick sieht: das Panzerglas und die Spezialstähle der Guard-Modelle, die ihre Insassen vor allerlei ballistischer Gewalt schützen. "Jede zehnte S-Klasse liefern wir hier als Guard aus", schätzt Produktmanagerin Valentina Afonina. Immer wieder gerne genommen ist auch die gepanzerte Version der G-Klasse. Nur stockt in diesem Fall gelegentlich die Lieferung. Denn als gepanzerter Geländewagen fällt das G-Modell unter das Kriegswaffenkontrollgesetz, so dass jeder einzelne Kunde vom deutschen Außenministerium durchleuchtet wird.
Keine Probleme mit diesen Formalitäten hat offenbar Wahlsieger und Staatschef Wladimir Putin, der sich allabendlich für den Heimweg die Straßen sperren lässt und mit einem Tross aus vier Mercedes-E-Klasse-Modellen, einem halben Dutzend Mercedes G und einer verlängerten S-Klasse durch die Stadt chauffieren lässt. Mercedes ist seit 1905 Hoflieferant des Kreml. Bis heute zählt die sogenannte GOM-Garage, die den Regierungsfuhrpark unterhält, zu den Stammkunden der Schwaben. Allein vier gepanzerte S-Klasse-Typen stehen dort dem Präsidenten zur Verfügung, berichtet Afonina. Allerdings muss sich der Herrscher aller Reußen mit alten Modellen begnügen. "Es gibt von der aktuellen S-Klasse noch keine Stretchversion", klagt die Produktmanagerin und freut sich auf Ende nächsten Jahres. Denn dann lässt Mercedes den legendären Pullmann wieder aufleben.
Maybach-Hauptstadt Moskau
Bis diese XXL-Version der S-Klasse an den Start geht, müssen die Moskauer Magnaten ihre Geltungssucht mit anderen Fahrzeugen befriedigen. "Eine S-Klasse ist in diesen Kreisen nichts Besonderes", sagt Verkaufschef Parfenov und begründet so den Run auf den Maybach. Während der schwäbische Luxusliner überall sonst auf der Welt um Akzeptanz kämpft, hat sich Moskau zur Hauptstadt des Maybach entwickelt. Seit der Wiedergeburt der Marke 2003 wurden in den beiden Showrooms bereits mehr als 130 Autos verkauft, berichtet VIP-Verkäuferin Zbarskaya und das zu Preisen von 25 Millionen Rubel (700.000 Euro) aufwärts.
Auch wenn der Rubel am liebsten für Mercedes und Maybach rollt, sind natürlich längst auch alle anderen Luxusmarken in Moskau und St. Petersburg, dem zweiten Hot-Spot des Geldadels, präsent. So hat zum Beispiel Rolls-Royce erst vor kurzer Zeit einen neuen Showroom in unmittelbarer Nähe des Kreml eröffnet. Audi lockt in seinen acht Moskauer Niederlassungen neben dem Q7 und A8 natürlich auch mit dem Sportwagen R8, von dem bereits 30 Exemplare in der Hauptstadt verkauft wurden. Und Porsche hat vor wenigen Wochen ein neues Zentrum eröffnet, das sich die Schwaben 17 Millionen Euro kosten ließen. Bei fast 2000 Zulassungen pro Jahr in Russland sicher keine schlechte Investition.
Luxus-Kaufhaus für extra-teure Autos
Viele andere Luxusmarken laufen unter dem gemeinsamen Dach der Mercury-Group, die neben den VW-Pretiosen Lamborghini und Bentley und den italienischen Traumwagen von Maserati und Ferrari auch diverse teure Model- und Schmucklabels von Dolce & Gabbana bis Todds vertreibt. Mit dieser geballten Ladung luxuriöser Dekadenz beschickt die Mercury-Group zwei spektakuläre Einkaufszentren der Superreichen: In der Innenstadt haben die Haus- und Hoflieferanten des Geldadels fußläufig vom Roten Platz entfernt einen alten Palast zum Luxuskaufhaus ausgebaut. Und etwas außerhalb, am Ende der Rubljowka, steht seit kurzem das schillernde Barvikha Luxury Village.
Das Geschäft mit Sportwagen läuft etwas zäher als jenes mit Luxuslimousinen. Lamborghini bringt es auf gut 30 Autos pro Jahr, bei Ferrari sind es mehr als 150 und Bentley kommt laut Mercury-Sprecherin Tatiana Koroleva gar auf mehr als zehn Mal so viele Vertragsabschlüsse. In Moskau werden die rasanten Spielzeuge jedoch nur selten genutzt. Wozu hat der durchschnittliche Oligarch schließlich sein Feriendomizil in Monaco, Miami oder Malibu.