Marode Überführungen Über Bröckel-Brücken musst Du geh'n
Fachleute an der Hochstraße Elbmarsch, auf der die A7 entlangläuft: Aufgeplatzter Beton, Risse und immer wieder Roststellen - diese Schäden finden Brückenprüfer zurzeit unter der längsten Autobahnbrücke Deutschlands.
Foto: A3576 Maurizio Gambarini/ dpaHamburg - Eine leichte Berührung mit dem Zeigefinger genügt, und ein untertassengroßes Stück Beton stürzt in die Tiefe. Zurück bleibt ein Loch, stumpf-rötlicher Stahl ist zu erkennen. Matthias Berndörfler sieht den Rost und legt kurz die Stirn in Falten. Nicht weiter schlimm, ruft der Hamburger Brückenprüfer. Er muss laut sprechen, um das Verkehrsrauschen auf der Hamburger Hochstraße Elbmarsch zu übertönen. Bei dem Alter der Brücke sind derlei Verschleißschäden normal. Die Tragfähigkeit wird davon nicht beeinträchtigt. Trotzdem wird er den Schaden fein säuberlich notieren.
Unterhalb der Fahrbahn und zehn Meter über dem Erdboden steht Berndörfler auf einem Steg. Über ihm dröhnt der Verkehr. Die Hochstraße Elbmarsch ist die längste Straßenbrücke Deutschlands. Sie beginnt am Elbtunnel und führt vier Kilometer nach Süden durch das Hamburger Hafengebiet. Sie wurde 1974 hauptsächlich mit Spannbeton gebaut und ist ein typisches Beispiel für die deutschen Autobahn- und Fernstraßenbrücken. Wie der Hochstraße geht es vielen Brücken im Land. Ihr Zustand verschlechtert sich - wegen des Alters, dem wachsenden Schwerverkehr, den Reparaturstaus.
Von Rosenheim bis Flensburg - fast überall stufen Brückenprüfer die Bauwerke zunehmend schlechter ein. Eine aktuelle Studie der Bundesanstalt für Straßenwesen kommt zu alarmierenden Ergebnissen. Zwischen 2001 und 2007 sei der Anteil der Bücken in den unteren Zustandsnotenbereichen von 38,7 Prozent auf 46,1 Prozent gestiegen, heißt es darin. Fast jede zweite deutsche Autobahnbrücke hat demnach ernstzunehmende Mängel.
Schwindrisse, Kalkablagerungen, aufgeplatzter Beton
Berndörflers Team findet Kalkablagerungen, aufgeplatzten Beton und immer wieder Roststellen. Die Elbmarsch-Brücke hat die Zustandsnote 2,9. Noch ist sie in Ordnung, aber in ein paar Jahren "müssen hier Maßnahmen erfolgen", wie es der Experte ausdrückt. Die Sprache der Prüfer klingt technisch, den Ernst der Lage macht sie nicht ganz deutlich. Die Hochstraße kommt der 4,0 - der schlechtesten Zustandsnote - mit jeder Prüfung näher.
Die meisten Autobahn- und Fernstraßenbrücken sind nicht für die vielen Lkw- und Schwerlasttransporte gebaut worden, die sie heute aushalten müssen, sagt Hamburgs oberster Brückenprüfer, Thomas Hansen. Die vielen Staus, überladene Lkw und das Alter vieler Bauwerke seien keine gute Mischung.
Vor allem beim Fernverkehr hatten sich die Experten des Verkehrsministeriums Anfang des Jahrzehnts gründlich verschätzt. Bereits 2004 rollte fast so viel Güterverkehr über die deutschen Autobahnen wie für 2015 vorhergesagt. Einer neueren Studie zufolge soll sich das Lkw-Aufkommen bis 2025 fast verdoppeln. Für viele Brücken wird diese Entwicklung zum Stresstest. Besonders dann, wenn Lastwagen bald zwei von drei Spuren belegen. "Wegen der Schwingungen ist schon ein Lkw so schädlich wie 10.000 Pkw", sagt Hansen.
Horrorszenario Brückeneinsturz
Ein unangekündigter Brückeneinsturz ist für die Prüfer der schlimmste Alptraum. Immerhin vorstellbar wäre ein solches Szenario auch in Deutschland. Bei einer Vielzahl der Spannbetonbrücken, die vor 1979 gebaut wurden, kam mangelhafter Stahl zum Einsatz. Die können theoretisch zusammenbrechen, ohne dass man vorher etwas sieht.
Thomas Hansen kennt die Gefahr: "Wir achten daher besonders auf diese Brücken und kleinste Risse. Von 300 Spannbetonbrücken entlang der Hamburger Autobahnen sind rund 120 betroffen." Deutschlandweit sind es laut Verkehrsministerium 3300.
Was passieren kann, erfuhren die Berliner vor 25 Jahren. Mit lautem Knall stürzte damals die 600 Tonnen schwere Dachkonstruktion der Berliner Kongresshalle ein, die im Volksmund Schwangere Auster genannt wird. Ein Mensch starb in den Trümmern. Die Ursache der Katastrophe war genau jenes Szenario, das Brückenprüfern auch heute unruhige Nächte beschert. Wasser drang durch Risse in den Beton, und die tragenden Stahlelemente rosteten so lange vor sich hin, bis sie brachen.
Reparaturen würden Milliarden Euro kosten
Allein die großen deutschen Brücken zu reparieren würde fünf bis sieben Milliarden Euro kosten, schreiben die Experten der Bundesanstalt für Straßenwesen. Der geschätzte jährliche Erhaltungsbedarf sei gegenüber älteren Kalkulationen um 270 Millionen Euro gestiegen. Hinzu kämen Mehrkosten für versäumte Reparaturen der letzten Jahre. Auch der ADAC warnt vor dieser Entwicklung. Dessen Referent für Straßenverkehrsplanung, Jürgen Berlitz, sagt: "Wir leben von der Substanz und schieben trotzdem viele Reparaturen vor uns her."
Was passiert, wenn Reparaturen so lange aufgeschoben werden, bis sie unumgänglich sind, können Autofahrer von der A45 berichten. Auf 30 Kilometern zwischen Wetzlar und Haiger müssen in den nächsten Jahren gleich acht Brücken erneuert werden. Im Zuge der Sauerlandlinie, die von Hessen hinüber ins Ruhrgebiet führt, sind insgesamt sogar 20 Querungen betroffen. Laut ADAC behindern dort Geschwindigkeitsbegrenzungen und Lkw-Überholverbote auf Brücken schon jetzt den Verkehr.
Auch auf der Hochstraße Elbmarsch staut es sich regelmäßig. Schuld sind meistens Bauarbeiten im Elbtunnel. Aber die Hochstraße selbst könnte das Nadelöhr des Nordens demnächst weiter verengen und zum Frust der Autofahrer beitragen. Im Zuge der geplanten Erweiterung der A7 muss sie umgebaut werden. Trotz der nicht ganz so guten Zustandsnote kann es sein, dass dies funktionieren wird. Das hängt auch vom Ergebnis der Untersuchung ab, sagt Brückenprüfer Hansen.
Berndörflers Männer werden mehr als vier Wochen mit ihrem schweren Gerät zu Gange sein. Rund 300 Meter der Brücke schaffen sie am Tag. Jeden Zentimeter, jedes Bauteil der Brücke müssen sie erforschen, so will es die Vorschrift.
Chefprüfer Thomas Hansen bereitet unterdessen eine andere Hamburger Spannbetonbrücke viel größere Sorgen. Den Namen möchte er nicht nennen. "Dort werden jetzt detaillierte Bauwerksuntersuchungen durchgeführt", sagt er. "Vermutlich werden wir schnell handeln müssen."