Mega-Tour mit Uralt-Auto Running down a Volvo

Von Kanada nach Mexiko und fast zurück, von den Highways Kaliforniens bis zu den Dirtroads Bajas: An Bord ein paar Reifen, Auspuffrohre, Surfbretter auf dem Dach und 50 Dosen Lucky Lager in der Kühlbox. Eine Danksagung an Victoria, den unglaublichen Volvo GLE.
Von Tim Maxeiner

Nach meinem traumatischen Abitur musste meine zarte Seele geheilt werden. Vergessen kann ich am besten beim Snowboarden und Surfen. Somit war mein Ziel klar: Kanada, die USA und Mexiko. Für die Reise träumten mein Freund Nathan und ich von einem stilvollen Altwagen, aber unser Geld reichte erstmal nur für den Flug. Deshalb organisierten wir uns einen Job als Lift-Operator in Jasper, in den kanadischen Rocky Mountains.

Die sogenannten "Lifties" sind traditionell Chaoten aus aller Welt, die sich hier als Saisonarbeiter verdingen. Die Aufgabe ist ziemlich überschaubar: Wenn mal wieder einer aus dem Lift kippt, sollte man die Anlage abschalten. Bedauerlicherweise waren meine Kumpels und ich öfter mal ohnmächtig. Entweder wegen übermäßigen Lucky (Lifty) Lagers oder aufgrund anderer technischer Defekte.

Wir hatten zwar noch kein Auto, aber schon den ersten Motorschaden. Die Heizung in der Lifthütte wird von einem Dieselgenerator vor der Tür angetrieben. Irgendwie wehte das Kohlenmonoxid in meine Hütte und anschließend in meine Lungen. Zusammen mit zwei anderen Lifties hatten wir schöne Träume und mussten dann mit einer Kohlenmonoxidvergiftung ins Krankenhaus. Die Abfahrt mit der Ski-Patrol war wirklich sehr psychedelisch.

Danke noch mal ans Jasper-Hospital für die köstliche Verpflegung (habe mein erstes kanadisches Eis bekommen, echt lecker). Nach rascher Genesung bin ich dann am gleichen Abend mit noch ein paar anderen Jungs durch die Stadt gezogen, um geeignete Objekte mit unseren Snowboards runter zu springen. Adams Ellbogen war damit nicht einverstanden und ist angebrochen. Alle gemeinsam kehrten wir in unseren Zweitwohnsitz, das Jasper-Hospital, zurück. Da es keine Verletzungsserie ohne Nathan gibt, hat der sich das Knie noch um einen Baum gewickelt.

Jasper oder: Fuck the Duck

Das Blackboard im Supermarkt war leider im Hinblick auf ein günstiges Gebrauchtwagenangebot ein Reinfall. Entweder die Kisten waren viel zu teuer oder nicht fahrbereit. Deshalb nahmen wir gezwungenermaßen als Fußgänger am örtlichen Straßenverkehr teil, was nicht ohne Tücke ist. Da der Ort in einem Nationalpark liegt, ist es nicht erlaubt, Salz auf die Straße zu streuen, denn dieses könnte Tiere anlocken, die dann einem Verkehrsunfall zum Opfer zu fallen könnten. Die Straßenverhältnisse führen dazu, dass die Dorfjugend schon früh die Fortbewegung auf Eis erlernt. Dadurch ist wenigstens der Nachwuchs für die Jasper Be(e)arcats, das örtliche Eishockeyteam, gesichert. Jedes Mal, wenn es mich richtig auf die Fresse gehauen hat, sagte ich mir: Das ist alles für die Umwelt, für die Tiere und besonders für die Elche, die aus mir unerklärlichen Gründen immer noch auf der Straße rumstehen.

Besonders nett ist es, wenn es dich auf der Hauptstraße hinhaut, wo dich auch ganz bestimmt jeder sieht. Als Dankeschön für den unfreiwilligen Umweltschutz versperrt dir dann so ein verfluchter Elch den Heimweg vom Pub. Ich kann nur jedem empfehlen, sich schlaf(be)trunken mit einem Elch anzulegen. Da packt man ganz schnell seine noch aus Kindertagen vorhandenen Schlittschuh-Skills aus - um dem Tod durch ein Geweih zu entgehen. Save the nature! Oder wie mein Freund Adam, der Biologie studiert, sagen würde: "Fuck the duck." Nach sechs Monaten in Jasper grüßten wir jeden Elch persönlich, was aber nicht auf Gegenseitigkeit beruhte. Ein Tapetenwechsel war fällig.

Victoria oder Toyota?

Unsere erste Station an der Westküste ist Victoria. Jetzt muss endlich ein Auto her. Mehr als 500 Dollar sind dafür nicht drin, schließlich sollen auch noch zwei Surfbretter (700 Dollar) angeschafft werden. In die engere Autoauswahl kommen ein alter Dreier-BMW sowie ein Mobil, das entfernt an einen Toyota erinnert. Außerdem ein verblichen goldbrauner Volvo GLE. Da wir keine Ahnung von Autos haben, entscheiden wir uns für den sympathischsten Verkäufer. Und das ist der Besitzer des Volvo, ein älterer Herr, der uns sogar einen Ersatzreifen zur Verfügung stellt.

Nach etwa 150 Meilen entdecken wir technische Raffinessen wie einen Overdrive. Nach weiteren 50 Meilen wissen wir auch, wofür der gut ist. Da die Elektronik ein bisschen launisch ist und sinnfrei herumpiepst, entscheidet Nathan, dass es sich beim Volvo um ein weibliches Wesen handeln muss. Mit Hilfe von zwei Dosen Lucky Lager taufen wir unser Gefährt feierlich auf den Namen seiner Heimatstadt: "Victoria". Nathan legt "Pee in the elevator" von "Plante Smashers" auf, und wir bekommen das richtige Roadtrip-Feeling.

Und jetzt ab in den Süden. Das Armaturenbrett von Victoria eignet sich hervorragend, um eine Take-away-Pizza warm zu halten. Sie hat keine Klimaanlage, und nur die linke hintere Scheibe lässt sich öffnen. Unterbrochen von zahlreichen Surf-Sessions geht es auf Higway One immer die Küste herunter Richtung Mexiko. Den Kontakt zur Außenwelt erhalten wir durch die Mitnahme von Trampern und Pilzesammlern, oh, what a magic ride!

Mex 1 oder: Hast du mal ’nen Peso?

Nach vier Wochen sind wir reif für Mexiko. Nach dem Überqueren der Grenze verfahren wir uns erstmal und nehmen statt der Mex1 die Straße nach Tijuana Centro, wo es an manchen Ecken ein bisschen krass aussieht. Ansonsten müssen wir uns erstmal an die mexikanischen Straßenregeln gewöhnen. Die sind ziemlich simpel. Der Stärkere gewinnt, du löhnst, wenn du zu schnell fährst, und du wirst von einem Truck überrollt, wenn du dich an die Geschwindigkeitsbegrenzung hältst. Mit unseren deutschen Drivingskills haben wir es dann aber durch ganz Mexiko ohne größere Zwischenfälle geschafft.

Unser kanadisches Nummernschild ist hilfreich, auch die Tatsache, dass wir Deutsche und somit Exoten sind. Als wir uns irgendwo im Treibsand festfahren, tauchen aus dem Nichts ein paar Mexikaner auf. Da wir aus Alemania kommen, entwickeln sie echt Ehrgeiz, um ihre "Dumme-Gringos-aus-dem-Sand-schiebe-Skills" unter Beweis zu stellen.

Selbst die Hardcore-Surfbums aus den USA, die hier überall an den Spots herumlungern, würden uns am liebsten adoptieren. Wir sind einfach ein lustiger Anblick mit unserem Einmannzelt, dem abgerissenen Auspuff, der uns als Sitzgelegenheit dient, und unserem Gaskocher, der wie ein bisschen zu groß geratenes Feuerzeug aussieht. Der Auspuff ist das Einzige, wovon wir uns auf den abenteuerlichen Dirtroads verabschieden mussten. Sie sind nicht mal beschildert und führen von der Mex1 als Stichstraßen zur Küste. Autowracks erinnern an all jene, die es nicht geschafft haben. An den meisten Spots werden wir mit wahnsinnigen Wellen belohnt, sie sind lang und perfekt brechend.

Die Mex1 ist hier die Haupt-Drogentransportstraße. Als Baja-Reisender muss man die aber nun mal entlangfahren. Alle Nase lang errichtet das mexikanische Militär Straßensperren, wo sie Fahrzeuge auf Drogen filzen. Prompt werden wir mit unserem Volvo gestoppt. Und dann folgt das volle Programm: Einer reißt liebevoll die Türinnenverkleidungen raus, ein anderer fängt an, den Motor auseinanderzunehmen, um sicherzugehen, dass ihm nicht der große Preis entgeht.

Dann werden sie endlich fündig. Stolz präsentieren die schwarz uniformierten Jungs, die nicht viel älter sind als wir, ihren Fund. Auf einem weißen Taschentuch zaubern sie hervor, was uns nach ihrer Ansicht in "The Hole" bringt. So nennen sie ihre sympathischen Gefängnisse. Die Jungs haben ein bisschen Staub, Sand oder Salatreste zusammengekehrt und wollen uns daraus glatt einen Strick drehen: lächerlich. Der schlechtgelaunte Typ kann noch nicht mal das Wort Marihuana buchstabieren, hat aber eine Kalaschnikow in der Hand. Später erzählt mir ein israelischer Kumpel, der sich gerade von seinem dreijährigen Militärdienst erholt, dass man vor den Jungs eigentlich keine Angst haben muss: "So falsch, wie die ihre Kalaschnikow halten, sind sie tot, bevor sie den Entsicherungshebel gefunden haben."

Im Grunde handelt es sich bei diesen Straßensperren um eine "Gegen-Geld-lassen-wir-dich-weiterfahren-Instutition". Nathan murmelt allerdings etwas von "korrupten Scheißlöchern". Deshalb gilt: Immer ordentlich Pornomagazine auf dem Armaturenbrett liegen haben. Die sind im mexikanischen Nirgendwo nämlich ziemlich rar und als Währung anerkannt. Ansonsten empfehlen sich 20 Dollar in der Hosentasche - alle anderen Barmittel bitte intelligent verstecken (vielleicht nicht gerade unterm Sitz). Wer wirklich im Sinn hat, Drogen zu transportieren, steckt sie einfach in die Hosentasche. Da haben die Vollidioten nicht nachgeschaut. Versteht mich nicht falsch, die Mexikaner sind ein unglaublich liebenswürdiges Volk. Hilfsbereit, freundlich, lustig. Nur die Regierung und alle untergeordneten Einrichtungen wie Polizei oder Militär sind schlicht ein korrupter Haufen. Es ist schade, dass diese Leute einfach nicht verstehen, dass es dem Land ohne sie viel besser ginge.

Von Tijuana bis zur Südspitze der Baja California in La Paz sind es rund tausend Meilen. Deshalb heißt das gleichnamige Rennen auch "Baja 1000". Ab und zu überholt uns so ein grollender Renn-Buggy und lässt uns im Staub zurück. Die Mexikaner buddeln große Löcher, damit das Zuschauen auch Spaß macht. Mexiko ist wunderbar.

San Diego oder: I am so sorry

Nathan muss zurück nach Deutschland. Endlich darf ich in "Victoria" alleine schlafen. Er fliegt von Oklahoma zurück, wo wir noch einen Freund besuchen. Macht 2000 Meilen Geradeausfahren. Doch "Victoria" ist immer für eine Abwechslung und Gespräche mit lokalen Mechanikern gut. Sie verlangt unter anderem nach einer neuen Lichtmaschine. Von Oklahoma fahre ich über Kansas, Colorado, Utah und Nevada zurück nach Kalifornien. Auf der Reise erklimmt "Victoria" den berühmten Pikes Peak und durchquert Death Valley.

In San Diego wache ich morgens durch ein merkwürdiges Geräusch auf. Durch die Windschutzscheibe erkenne ich im Halbschlaf ein aufgeregtes Blinklicht. Es stammt von einem Abschleppwagen, der gerade im Begriff ist, "Victoria" abzuschleppen. Ich muss wohl im Dunkeln das Halteverbot übersehen haben. Und der Fahrer des Abschleppwagens hat mich übersehen. Als ich ihm mit Schwung rückwärts vom Haken sause, guckt er wie ein Toyota: Nichts ist unmöglich.

Kaum dem Haken entkommen, will ich dann gemütlich auf meinem Skateboard ein bisschen durch die Gegend cruisen. Doch da taucht schon wieder ein Blinklicht auf. Ehe ich mich versehe, stehe ich mit gespreizten Beinen hinter einem Polizeiauto und lege die Hände auf dem Kofferraum. Ich versuche einfach mal, mich mit der Touristentour rauszureden. Ihr wisst schon, ich bin in Summerholiday, ich spreche nur ein little bit Englisch, und ich bin überhaupt so sorry. Leider findet der Cop mit Hilfe meiner Papiere schnell raus, dass ich nicht in Summerholidays sein kann, dass ich mich seit Monaten in Kanada, USA und Mexiko rumtreibe, daher mein Englisch auch ein little bit besser sein muss, als ich ihm vorspiele, und ich überhaupt nicht sorry bin, für was auch immer ich verbrochen habe. Meine Tat: Skateboarden ohne Helm. Das bringt mich dann aber doch zum Lachen. Bis mir der Strafzettel überreicht wird: 50 Dollar! Der Cop hat wahrscheinlich solche Aggressionen gegenüber Skatern, weil er als kleines Kind mit einem Board verprügelt worden ist.

Willow Creek oder: Fucking Sharks

In den nächsten Wochen knattere ich wieder nach Norden. Je weiter ich nach Norden komme, desto toleranter ist das Gesetz. Dafür lauern andere Überraschungen, zum Beispiel große weiße Haie. In Willow Creek treffe ich Gjert aus Norwegen. Jeder von uns beiden freute sich, noch jemanden in diesen gruseligen Gewässern an seiner Seite zu haben. Wir surften schon eine ganze Weile, als ich Gebrüll hörte. "I saw something, Tim!! I saw something!!" Ja, ja, dachte ich bei mir. Ich sehe auch "something". Ich sehe schöne, lange Wellen, die Sonne, den langen Strand. Und außerdem einen verdammt großen Schatten etwa 25 Meter von mir entfernt im Wasser. Scheiße! "Im going in, I saw something!!", höre ich nochmals. Jetzt weiß auch ich, was mit "something" gemeint ist. Wir waren beide froh, wieder am Strand zu sein, sage ich euch. Am selben Abend bin ich dann noch mal mit einem Local rausgepaddelt. Die Wellen wurden immer größer, unsere Laune immer besser, und das Bier zum Sonnenuntergang war ein wunderbares Ende eines guten Surftages.

Weiter nördlich in Carmel finde ich nach ein bisschen Rumsuchen eine wunderbare Left. Die einzigen Surfer sind zwei ältere Locals. Als sie hören, dass ich aus Deutschland komme, fragen sie mich ein bisschen abwertend, ob ich wirklich rauspaddeln will. Na klar, ihr Vollidioten, ist doch nicht so groß, denke ich bei mir. Na ja, ich ändere meine Meinung über das Riesending, als ich einen von diesen älteren Herren runterknallen sehe. Mit jedem Monstrum, das ich durchrollen sehe, bekomme ich ein flaueres Gefühl im Magen. Anpaddeln muss man die Welle direkt neben oder auch über einem Felsen, der plötzlich durch die Wasseroberfläche stößt, dann muss man nur noch einen verdammt steilen Dropin überleben, und dann ist es ganz einfach ... Irgendwann hat einer der Jungs Mitleid mit mir. Er zeigt mir ganz genau, wo ich sitzen muss (genau da, wo ich eigentlich nicht sitzen wollte), um das Ding zu erwischen. Dann kommt sie. Die Welle hebt mich an, ich schaue zum brechenden Teil der Welle (was man nicht tun sollte) und beschließe, dass es kein Zurück mehr gibt. Meine zwei älteren Herren teilen mir später mit, dass sie nicht geglaubt hätten, dass ich die Welle wirklich anpaddeln, geschweige denn surfen würde. Habe so getan, als ob ich das in Deutschland jeden Tag mache.

San Francisco oder: She is gone

Heute ging "Victoria" von mir. Ich weiß nicht, ob es sich um einen technischen Defekt oder Selbstmord in Folge meines sich ankündigenden Abschieds handelte. Jedenfalls ließ sich nur noch ein Gang einlegen. Unsere Beziehung dauerte sieben Monate und gefühlte 2000 Lucky Lager. Sie hat zwar öfter gezickt, mich aber nie wirklich im Stich gelassen. Sie war stets anspruchslos und wurde nur einmal aus Versehen gewaschen. Wenn sie mal liegenblieb, dann stets an einem Ort mit schöner Aussicht. Eigentlich wollte ich ihr eine Seebestattung spendieren. Da ich aber keine wirklich würdige Klippe finden konnte, musste der Parkplatz vom San Francisco Aquarium herhalten. Rest in Peace, Baby.