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Mercedes A-Klasse: Radikal und selbstverliebt

Foto: Daimler

Autogramm Mercedes A-Klasse Selbstherrlicher Neuanfang

Welch ein Wandel: Selten wurde ein Auto im Design so radikal verändert wie die A-Klasse von Mercedes. Keine Frage, das Modell ist viel attraktiver geworden. An einigen Stellen haben die Schwaben aber zu dick aufgetragen - und dabei den Blick fürs Wesentliche verloren.

DER ERSTE EINDRUCK: Wow, was für ein Design. Im Vergleich zur alten A-Klasse ist die neue Generation nicht wiederzuerkennen. Der Abschied von Hochdach und Sandwichboden erweist sich schon auf den ersten Blick als Segen. Die Karosserie scheint sich zu ducken, die Flanken wirken sehnig und das Heck satter und kräftiger als das eines Porsche Cayenne. Auch innen sieht die A-Klasse aus wie von einem anderen Stern: das Ambiente ist nobler und feiner als etwa jenes der C-Klasse. Und im Vergleich zum bisherigen Modell sitzt man fast 20 Zentimeter näher am Asphalt. So hat man das Auto besser in der Hand und leichter unter Kontrolle.

DAS SAGT DER HERSTELLER: Mercedes nennt die A-Klasse einen radikalen Neuanfang. Weltweit ist die Kompaktklasse ein gewaltiges Wachstumssegment, in dem Mercedes endlich punkten muss, wenn das Ziel von Vorstandschef Dieter Zetsche erreicht werden soll, bis 2020 der Primus unter den Premiumherstellern zu sein. Dafür wurde alles Alte beiseite gewischt und von vorne angefangen. "Die Chance, mit einem weißen Blatt Papier zu beginnen, gibt es in der Autoentwicklung nicht oft", sagt Zetsche und schwärmt, dass die Ingenieure und Designer diese Gelegenheit überzeugend genutzt hätten. So entstand ein für Mercedes überaus jugendliches und fesches Auto, dem Zetsche den "Pulsschlag einer neuen Generation" attestiert. Designchef Gordon Wagener sagt: "Wir wollten kein 'Me too'-Modell, sondern das aufsehenerregendste Auto in dieser Klasse." Und das Design ist nicht alles: Auch bei Fahrdynamik, Infotainment und Assistenzsystemen wollen die Schwaben Bestmarken setzen.

DAS IST UNS AUFGEFALLEN: Die neue A-Klasse lässt die alte wirklich meilenweit hinter sich. Man steigt ein und fühlt sich sofort wohl. Die Sitzposition passt, Lenkrad und Schalter fühlen sich gut an, und das Fahren macht tatsächlich Spaß. Wendig und forsch kreuzt der Wagen über die Landstraßen, auf der Autobahn rollt er ähnlich entspannt dahin wie ein großer Mercedes.

Schon der A 200 CDI, der mit 136 PS und einem Normverbrauch von 4,1 Litern Diesel wohl zu den meistverkauften Motoren zählen dürfte, macht eine gute Figur. Der Vierzylinder ist angenehm leise, hängt gut am Gas, beschleunigt ordentlich und harmoniert prima mit dem optionalen Sportfahrwerk. Das allerdings muss man mögen. Zwar liegt das Auto dann besonders satt auf der Straße, aber zumindest mit dem schweren Motor auf der Vorderachse wird der Wagen dann auch vergleichsweise hart. Wer es kommod mag, sollte sich die 330 Euro Aufpreis sparen.

Was auch auffällt ist, dass es Mercedes im Streben nach Chic und Sportlichkeit ein wenig übertrieben hat. Designvariationen wie "Urban" oder "Style" und Ausstattungspakete wie "Night" oder "AMG Exclusive" lassen den Wagen zwar besonders hip wirken und bieten Chancen zur Individualisierung. Doch die Preisliste ist dick wie eine Illustrierte und so kompliziert wie die Bedienungsanleitung eines Videorecorders. Dazu wirken Details wie das Karbonimitat auf der Verkleidung der Instrumententafel, die roten Leuchtringe in den Lüfterdüsen oder der Mercedes-Schriftzug in den Heckleuchten überdreht. Die fast durchgängig verbauten Schalensitze mit festen Kopfstützen opfern Ergonomie für Optik. Und die weit eingezogene Flanke samt dem abfallenden Dach macht den Zustieg zum Fond unnötig mühsam. Sitzt man erstmal auf der Rückbank, ist das Raumgefühl jedoch in Ordnung.

Trotz mancher Übertreibung waren die Entwickler nicht in jedem Fall konsequent. Wer das sportlichste und dynamischste Auto bauen will, darf nicht die bei der Konkurrenz längst üblichen Verstellsysteme für Fahrwerk und Lenkung vergessen und müsste das Zündschloss durch einen Starterknopf ersetzen. Und wer beim Infotainment führend sein will, sollte den Bildschirm im iPad-Design auch für die Touchbedienung programmieren.

DAS MUSS MAN WISSEN: Die A-Klasse ist das wichtigste von mindestens fünf Modellen, mit denen Mercedes die Kompaktklasse aufrollen will. Aus dem gleichen Modulbaukausten kommt bereits die etwa 2000 Euro teurere B-Klasse. Später sollen eine kleine Limousine, ein handlicher Geländewagen und ein weiteres Nischenmodell - entweder Cabrio oder Shooting Break - folgen. Technisch bietet die Plattform erstmals die Option auf Allradantrieb, und sogar AMG-Modelle sind in Vorbereitung.

Die A-Klasse startet im September und kostet zunächst mindestens 23.978 Euro. Drei Benziner vom A 180 mit 122 PS bis zum A 250, der es auf 211 PS bringt, sind im Angebot. Auf der Dieselseite stehen der A 180 CDI mit 109 PS, der von uns gefahrene A 200 CDI mit 136 PS und ein A 220 CDI (170 PS) parat. Alle Motoren sind neu und bieten bei spürbar mehr Leistung bis zu 26 Prozent weniger Verbrauch. Standard ist eine Sechsgang-Schaltung, gegen Aufpreis gibt es für die meisten Modelle aber auch eine Doppelkupplungsautomatik mit sieben Stufen und immer ein Start-Stopp-System. So kommt die sparsamste A-Klasse auf einen Normverbrauch von 3,8 Litern und die schnellste schafft 240 km/h.

Besonders stolz ist Mercedes auf einige Innovationen. Serienmäßig gibt es einen Notbremsassistenten, der nicht vor Bagatellschäden in der Stadt, sondern gegen Kollisionen bei Geschwindigkeiten zwischen 30 und 250 km/h schützen soll (siehe links: TECHNIK ERKLÄRT). Und gegen Aufpreis gibt es ein Infotainmentsystem mit Internetanschluss, eigenen Apps und einer Telefon-Integration fürs iPhone.

DAS WERDEN WIR NICHT VERGESSEN: Den Mut , mit dem Mercedes den Neuanfang in der Kompaktklasse wagt. So jung und modern waren die Schwaben seit der Einführung des Smart nicht mehr. Und so sportlich hat sich schon lange kein Auto aus Stuttgart mehr bewegen lassen. Aber selten war Mercedes auch so berauscht von sich selbst, so abgehoben und so vom eigenen Produkt angetan, dass der Blick nach links und rechts verschwimmt. Ja, die A-Klasse ist ein tolles Auto. Aber eine Revolution ist sie nur für Mercedes, nicht für den Markt. Denn tolle Kompaktmodelle mit ansehnlichem Design und gutem Fahrwerk gibt es auch von anderen Herstellern.

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