Mercedes-Designer auf Abwegen Schlag ins Wasser

Um ihre Designer bei Laune zu halten, lassen Autohersteller sie immer mal wieder auf andere Gefährte los, damit sie sich da so richtig austoben können. Jüngstes Beispiel ist Mercedes-Benz. Deren Kreative durften eine Luxusyacht entwerfen - mit Glaskuppeldach und ausfahrbarer Heckterrasse.

Silver Arrows Marine

Automobildesigner war mal ein Traumberuf. Wer gut war und Glück hatte, dem gelang ein Klassiker, ein Jahrhundertentwurf, dessen Aussehen Menschen auch Jahrzehnte später noch vor ihrem geistigen Auge aufrufen konnten. Mut und Kreativität war gewollt, außergewöhnliche Kreationen wurden gefeiert.

Heute bedeutet Autodesign vor allem, nicht anzuecken. Das sogenannte Markengesicht gibt einen engen Korridor vor, in dem man sich gestalterisch bewegen darf. Ob Monster-SUV oder Minimobil, alle Modelle einer Marke müssen als Familienmitglied sofort erkannt werden. Ausgetobt werden darf sich nur noch in Details wie Scheinwerfern oder Türgriffen. Denn ist ein Autodesign zu ausgeflippt und trifft nicht den Kundengeschmack, droht ein wirtschaftliches Fiasko. Mut und Kreativität sind nicht mehr gewollt, sie stehen fast auf einer Stufe mit Irrsinn.

Insofern ist es durchaus als beschäftigungstherapeutische Maßnahme zu sehen, dass Automobildesigner immer mal wieder auch auf andere Objekte, auch welche ohne vier Räder, losgelassen werden. Zuletzt ließ Mercedes seinen Kreativen Auslauf. Herausgekommen ist dabei: eine Yacht.

So wie einst Gottlieb Daimler

Die Mercedes-Stilisten entwarfen eine 14 Meter lange Luxusnussschale, die kürzlich bei der Monaco Yacht Show erstmals vorgestellt wurde. Maritime Romantik sucht man auf diesem obercoolen Boot allerdings vergeblich. Zwölf Personen passen für eine schnelle Sause durch die Bucht an Bord, sechs Gäste können zu einem Käpt'ns Dinner zu Tisch gebeten werden. Mehr passen nicht an die Tafel. Und Platz zum Übernachten haben nur zwei Passagiere.

Die glatte, schnörkellose Form des Seesterns soll nach Auskunft der Designer an aktuelle Mercedes-Coupés erinnern - gähn. Denkt man sich das Marketingsprech aber mal weg, hat die Schaluppe tatsächlich etwas. Wenn die Glaskuppel über dem Oberdeck geschlossen wird, lässt sich dort auch bei voller Fahrt von rund 30 Knoten (etwa 55 km/h) ein Sonnenbad genießen. Liegt das Boot vor Anker, kann am Heck eine Plattform ausgefahren werden, die der Hersteller kokett "terrace by the pool" nennt und die das Schwimmen gehen und wieder an Bord kommen erleichtern soll.

Derzeit wird in der eigens gegründeten Silver-Arrows-Marine-Werft in London der erste Rumpf gebaut. Außer den Maßen - 14 Meter Länge und 3,70 Meter Breite - sind nur der Tiefgang (0,80 Meter) sowie die Motorisierung des Bootes bekannt. Zwei je 350 PS starke Motoren sollen für Vortrieb sorgen.

Boote mit Stern haben übrigens eine lange Tradition: Schon Gottlieb Daimler schraubte in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts seinen schnelllaufenden Einzylinder-Viertakter zuerst in ein Schiffchen und tuckerte damit auf dem Neckar, ehe er den Motor in eine Kutschen-Chassis verpflanzte und den ersten vierrädrigen Motorwagen fertige. Daran werden die Benz-Stylisten aber wohl weniger gedacht haben. "Ein Boot zu entwerfen ist für einen Automobildesigner eine besonders reizvolle Herausforderung", freute sich Gordon Wagener, der Designchef von Mercedes-Benz. Was er wohl meinte, ist: Endlich mal wieder was zu tun.

jüp



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ratsch_bumm 10.10.2012
1. Bin mal gespannt, wie lange
Zitat von sysopSilver Arrows MarineUm ihre Designer bei Laune zu halten, lassen Autohersteller sie immer mal wieder auf andere Gefährte los, damit sie sich da so richtig austoben können. Jüngstes Beispiel ist Mercedes-Benz. Deren Kreative durften eine Luxusyacht entwerfen - mit Glaskuppeldach und ausfahrbarer Heckterrasse. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/mercedes-designer-entwerfen-luxusyacht-a-858878.html
Mercedes-Benz noch Geld hat, solche Ausflüge seiner Designer zu finanzieren. Der Markt wird enger, die Kunden kritischer und vor allem kostenbewußter. Da ist es nicht mehr so leicht einen Schuhkarton auf Rädern ( A-Klasse ) über 25.000 Oironen abzusetzen. Die Rentner, die sich einen Lebenstraum erfüllen wollten, einmal einen Mercedes zu fahren und dafür den Schuhkarton bekamen, sterben so langsam auch weg. Der Lauf der Dinge halt. Wie meinte Gorbatschow so treffend: Wer zu spät kommt den bestraft das Leben.
nice.rider 10.10.2012
2. GÄHN! Wie langweilig.
Dass es für Designer immer noch so reizvoll ist, den Jahrhunderte alten Ansprüchen nachzuhängen. Für viel, viel Kohle fette luxuriöse Yachten oder Autos zu bauen die auch noch gut aussehen - so what, wen interessiert es wirklich... Mit ausreichenden finanziellen Mitteln ist nahezu alles umsetzbar. Für begrenzten finanziellen Spielraum jedoch Umwelt verträgliche Vehikel in einem herausstechenden Design zu kreieren wäre doch mal ein zeitgemäßer Anspruch... Dazu wären dann aber auch wieder wirkliche Innovationen, Mut und Kreativität nötig um umfassend außergewöhnliche Kreationen zu schaffen. Fällt einem für diese Aufgabenstellung ein deutscher Automobilhersteller ein? Eher nicht.
sikasuu 10.10.2012
3. ....bei voller Fahrt von 30 Knoten etwa 55 km/h ein Sonnenbad genießen
Auf nem Kreuzfahrtschiff kein Problem, aber mit einem 14m Speed-Boot? . Bei dem Boot und dem Tempo ist Wasser hart wie Beton, wer da lässig (ohne Gurt) auf der Sonnenliege liegt, den kann man nach der 1. falschen Welle von Boden, Wand oder Decke abkratzen:-)) . Mal ausprobieren wie sich solch ein Speed auf so einem kleinen Bötchen anfühlt :-)) . rät Sikasuu
adam68161 10.10.2012
4. Naja....
Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn sich die Leute mit ihrem eigenen Thema beschäftigt hätten. Die rückläufigen Absatzzahlen zeigen doch recht deutlich, dass das jetzige Design von E- und S-Klasse nicht mehr ankommt. Es ist viel zu sehr auf China und die USA getrimmt.
catdoe 10.10.2012
5.
Zitat von adam68161Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn sich die Leute mit ihrem eigenen Thema beschäftigt hätten. Die rückläufigen Absatzzahlen zeigen doch recht deutlich, dass das jetzige Design von E- und S-Klasse nicht mehr ankommt. Es ist viel zu sehr auf China und die USA getrimmt.
Neue E- und S-Klasse kommen in 2013...
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