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Gepanzerte Luxuslimousinen: Kugelsicher und granatenfest

Foto: Dieter Rebmann / Daimler

Gepanzerte Luxuslimousinen Bunker auf Rädern

Mit stinknormalen Crashtests hält man sich hier nicht lange auf: Die Limousinen von Mercedes Guard werden mit Granaten beschossen. Die Spezialabteilung des Autoherstellers verdient ihr Geld mit der Angst - wer dort eine S-Klasse bestellt, will sie bombensicher.

Es herrscht fast meditative Ruhe in der großen Halle. Nur alle paar Meter arbeitet ein Monteur leise vor sich hin; kein Roboter weit und breit. Eine Autofabrik stellt man sich eigentlich belebter vor. Aber auf den zwei Etagen der abgeschirmten Halle des Mercedes-Stammwerks Sindelfingen entstehen keine gewöhnlichen Luxuslimousinen: Hier bauen die Schwaben vornehme Panzerwagen - die Sonderschutzfahrzeuge auf Basis der S-Klasse.

Mercedes Guard heißt die Spezialabteilung des Herstellers. Markus Nast arbeitet dort als Produktmanager. Zum Fertigungsstart der neuen S-Klasse mit Panzerschutz öffnet er ausnahmsweise mal die Türen der Produktionshallen. Es ist eine sprichwörtliche Manufaktur, denn die Blechteile werden nicht von Maschinen gestanzt und von Pressen gebogen, sondern von Monteuren mit Hochdruck-Wasserstrahlern ausgeschnitten und von Hand in Form gebracht. Geschweißt oder geschraubt wird von Menschen statt Maschinen.

Der hohe Aufwand hat einen einfachen Grund: Die Materialien sind zu hart und die Konstruktionen zu kompliziert, als dass man die Arbeit Maschinen überlassen könnte. Denn um die künftigen Besitzer möglichst gut vor Angriffen und Attentaten zu schützen, bekommt die S-Klasse eine Schale aus Panzerstahl, Kohlefaser-Matten und Spezialglas, die Kugeln und Sprengstoff standhalten muss.

Eine Behörde eröffnet das Feuer

"Dabei geht es aber nicht allein um die Materialstärke", sagt Nast. Dass die Frontscheibe zehn Zentimeter dick ist und 135 Kilo wiegt oder die Türen mit Stahlplatten ausgekleidet werden, versteht sich praktisch von selbst. Wichtig sei vor allem aber die Feinarbeit, das heißt, jeden noch so kleinen Spalt zu schließen und den Innenraum abzukapseln. Weil Schweißnähte, Bohrlöcher, Türfugen und Fensterdichtungen Schwachstellen sind, wird jede Lücke durch Überlappungen, Verschränkungen oder U-Profile dicht gemacht.

Ob das wirklich gelingt, prüft eine Behörde mit seltsamem Namen: das Beschussamt in Ulm. Bevor dort ein Sonderschutzfahrzeug Brief und Siegel erhält, wird der Wagen übel zugerichtet. Zwischen 400 und 500 Kugeln feuern die Experten auf das Auto ab. Die Karosserie mag danach aussehen wie ein Schweizer Käse und die Fenster sind blind vor Rissen - doch solange der Innenraum unversehrt bleibt, sind die Prüfer zufrieden.

Aber Kugeln sind laut Nast gar nicht so problematisch: Die aktuell größte Bedrohung gehe von Sprengstoffen, Handgranaten und Minen aus. Deshalb musste die S-Klasse auch je zwei Granaten auf dem Dach und unter dem Wagen überstehen. Eine neue Sonderausstattung in Form einer durchgehenden Unterbodenpanzerung machte es möglich. Kein Wunder, dass der Wagen am Ende über vier Tonnen wiegt - doppelt so viel wie eine normale S-Klasse.

Die Nachfrage nach Privat-Panzerwagen wächst

Zwar betreibt Mercedes einen immensen Aufwand, doch ansehen darf man den Limousinen ihre Schutzausstattung nicht. "Das Beste, was einer Zielperson passieren kann, ist dass man sie und ihr Fahrzeug gar nicht erkennt", sagt Nast. Auch aus diesem Grund ist Diskretion für ihn das oberste Gebot. Dass Nast ausnahmsweise trotzdem ein wenig ins Plaudern kommt, liegt vor allem an der verschärften Konkurrenz.

Mit dem Typ Nürburg für den japanischen Kaiser war Mercedes zwar 1935 der erste Hersteller, der ab Werk Sonderschutzfahrzeuge umgebaut hat, doch längst mischen auch Audi und BMW mit; von Dutzenden Um- und Nachrüstern ganz zu schweigen. Da kann ein bisschen Offenheit nicht schaden. Schließlich wollen die Schwaben mit den Guard-Fahrzeugen auch Geld verdienen - kein Wunder bei Aufschlägen, die schnell mal das Doppelte des Fahrzeugpreises übersteigen.

Aber es geht auch preiswerter: Mercedes bietet in unterschiedlichen Schutzklassen das G-Modell, die M- und die E-Klasse als Guard an und verlangt dort für die Panzerung rund 50.000 Euro. Damit reagieren die Schwaben auf einen Trend: Denn der Markt für Sonderschutzfahrzeuge ist im Vergleich zu den Vorjahren gewachsen, auf geschätzte 30.000 Autos pro Jahr. Während die Nachfrage von Regierungen, Behörden und Königshäusern relativ konstant sei, wachse sie vor allem in den niedrigeren Schutzklassen. "Immer mehr Menschen wappnen sich gegen Zufallskriminalität", sagt Nast und meint damit nicht nur Verbrechenshochburgen wie Mexiko, Brasilien oder Osteuropa - auch in unseren Breiten definiert man Sicherheit im Auto offenbar nicht mehr allein über Airbags oder ESP.

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