Dobrindt-Bericht Die Diesel-Affäre ist für alle da

Der lange geheime Untersuchungsbericht ist veröffentlicht - und bestätigt eine Vermutung. Nicht VW allein hat bei den Stickoxidemissionen getrickst. Eine ganze Branche hat ein Problem. Deutsche Hersteller rufen 630.000 Autos zurück.
Mercedes C-Klasse beim Abgastest

Mercedes C-Klasse beim Abgastest

Foto: DUH

Mehrere deutsche Hersteller müssen wegen Auffälligkeiten bei der Abgasbehandlung 630.000 Autos in Europa zurückrufen. Darunter sind nicht nur Fahrzeuge des VW-Konzerns, sondern auch Modelle von Opel, Mercedes und Porsche. Dies gab Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) am Freitag bekannt.

Auslöser für den Rückruf sind die von seinem Ministerium angeordneten Abgas-Nachmessungen infolge des VW-Skandals, deren Ergebnisse er nun am Nachmittag präsentierte.

Schon Tage zuvor war durchgedrungen, dass es bei zahlreichen Autos deutlich erhöhte Abgaswerte gegeben hat. Die Ergebnisse der Untersuchungen, die vom Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) überwacht wurden, blieben lange Zeit geheim. Die Fahrzeuge seien sowohl auf dem Rollenprüfstand - also quasi unter Laborbedingungen - getestet worden als auch unter realen Bedingungen auf der Straße.

"Jetzt kommt die Lawine ins Rollen"

Insgesamt hatte das Kraftfahrt-Bundesamt 53 beliebte Dieselmodelle verschiedener Hersteller getestet. 27 davon blieben bei den Untersuchungen im gesetzlichen Rahmen, der Rest fiel durch stark erhöhte Stickoxid-Werte auf. Den Grund für die Auffälligkeiten konnten die Hersteller technisch nicht plausibel erklären. Bis auf BMW sind alle deutschen Hersteller unter den Stickoxid-Sündern. Die betroffenen Motoren erfüllen sowohl die Euro-5 als auch Euro-6-Norm.

Diese Modelle waren beim KBA-Nachtest auffällig:

Hersteller Modell Motor Abgasnorm
Alfa Romeo Giulietta 2.0 Euro 5
Audi A6 V6 3.0 Euro 5
Chevrolet Cruze 2.0 Euro 5
Dacia Sandero 1.5 Euro 6
Fiat Ducato 3.0 Euro 5
Ford C-Max 1.5 und 2.0 Euro 6
Hyundai ix35 2.0 Euro 5
Hyundai i20 1.1 Euro 6
Jaguar XE 2.0 Euro 6
Jeep Cherokee 2.0 Euro 5
Land Rover Range Rover 3.0 Euro 5
Land Rover Range Rover Evoque 2.0 Euro 6
Mercedes V250 Bluetec 2.1 Euro 6
Nissan Navara 2.5 Euro 5
Opel Insignia 2.0 Euro 6
Opel Zafira 1.6 Euro 6
Porsche Macan 3.0 V6 Euro 6
Renault Kadjar 1.6 und 1.5 Euro 6

Bei den Modellen Beetle, Golf Plus, Passat und Polo entdeckten die Prüfer die von VW eingesetzte betrügerische Software zur Abgasmanipulation. Diese drückt die Werte für den Ausstoß von Stickoxiden im Testbetrieb künstlich, während die Autos auf der Straße deutlich mehr Schadstoffe ausstoßen.

Unabhängig davon stellen viele Hersteller die Abgasreinigung ihrer Fahrzeuge so ein, dass sie erst ab einer bestimmten Außentemperatur arbeiten - häufig erst oberhalb von zehn Grad. Diese sogenannten Thermofenster sind zwar ethisch fragwürdig, nach den EU-Richtlinien aber unter bestimmten Bedingungen erlaubt.

Die Autoindustrie vertritt die Auffassung, die Abschaltung bei tieferen Temperaturen diene dem Schutz der Motoren. Amerikanische Behörden halten diese Abschaltautomatiken per se für illegal. Auch Peter Mock von der Umweltschutzorganisation ICCT , die den VW-Skandal erst ins Rollen brachte, sieht das anders. "Bereits die heutige Regulierung verlangt ganz klar, dass die Abgase eines Fahrzeugs bei normalen Fahrbedingungen wirkungsvoll begrenzt werden müssen. Eine Außentemperatur von zehn Grad Celsius ist sicherlich keine Extrembedingung und kann damit keine Entschuldigung für hohe Emissionen sein", so Mock.

Als Konsequenz aus der Untersuchung wies Dobrindt nach eigenen Angaben das KBA an, bei künftigen Typengenehmigungen eine Erklärung zu verlangen, ob der jeweilige Autobauer "Motorschutzeinrichtungen" benutzt. Wenn ja, müssen "die konkrete Funktion der Software" und die genauen Gründe dafür offengelegt werden, bevor eine Zulassung erfolgen kann.

Außerdem werde sich die Bundesregierung dafür einsetzen, dass die EU-Richtlinie zum "Thermofenster" präzisiert wird. Bislang könnten die Vorschriften von den Autokonzernen sehr unterschiedlich interpretiert werden.

VW-Skandal löste die Nachmessungen aus

Die Vorsitzende des Umweltausschusses im Bundestag, Bärbel Höhn (Bündnis 90/Die Grünen), sagte zu den Ergebnissen: "Jetzt kommt die Lawine ins Rollen. Nicht nur VW hat jahrelang die Verbraucher betrogen und der Umwelt geschadet, sondern fast jeder Autohersteller. Das ist mit Wissen der Bundesregierung geschehen, die den Betrug jetzt nicht mehr unter der Decke halten konnte und reagieren musste."

Was viele in den vergangenen Wochen für grüne Polemik gehalten haben, hat sich nun bestätigt. Fahrzeuge nahezu aller Hersteller weisen viel zu hohe Stickoxid-Emissionen auf - nicht nur Modelle aus dem VW-Konzern. Darunter Autos von Alfa, Chevrolet, Dacia, Fiat, Ford, Hyundai, Jaguar, Jeep, Land Rover, Mercedes, Nissan, Opel, Renault und Suzuki.

Während sich die Marken Audi, Opel, Mercedes, Porsche, VW auf Druck des Kraftfahrt-Bundesamtes bereits auf einen sogenannten freiwilligen Rückruf eingelassen haben, liegen entsprechende Ankündigungen auch für erste ausländische Hersteller vor.

Im September des vergangenen Jahres musste VW in den USA einräumen, im großen Stil bei Abgastests manipuliert zu haben.

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