Mercedes S-Guard Der Staatsapparat

Könige, Regierungschefs, Minister und Wirtschaftskapitäne dürfen sich demnächst über einen Neuwagen freuen. Bei Mercedes ist gerade die Produktion des S-Guard angelaufen, der gepanzerten Version der neuen S-Klasse. Die Karosse ist der beliebteste Panzer-Pkw weltweit.

Von Jürgen Pander


Irgendwo in der labyrinthischen Anlage des Mercedes-Werks in Sindelfingen geht es zwei Stockwerke in den Keller. Hinter einer roten Stahltür, die per Alarmanlage gesichert ist, öffnet sich ein enger Raum, der in einen zirka 30 Meter langen, mit Latten verkleideten Schlauch mündet. Die Szenerie wirkt wie eine renovierungsbedürftige Kegelbahn, jedoch kommen hier viel kleinere und wesentlich schnellere Kugeln ins Spiel. Ein Mercedes-Mitarbeiter legt an, zielt und feuert je drei Schuss Weichkernmunition des Kalibers 7,62 mal 51 Millimeter auf Stahl- und Glasplatten, die in zehn Metern Entfernung fixiert sind.

Die Demonstration im Beschusskanal des Autoherstellers soll zeigen, wie widerstandsfähig die Scheiben und die Karosserieteile sind, die bei der gepanzerten Version der neuen S-Klasse zum Einsatz kommen. "Dieses Auto schützt vor Angriffen aus militärischen Waffen, vor Handgranaten und Sprengsätzen", sagt Rainer Gärtner, der bei Mercedes den weltweiten Vertrieb der Guard-Modelle leitet. Gern verweist Gärtner auf die knapp 80 Jahre Erfahrung des Unternehmens mit den sogenannten Sonderschutzfahrzeugen, denn bereits 1928 wurde ein Modell des Typs 460 Nürburg ab Werk gepanzert.

Glänzendes Geschäft mit dick vermummten Karossen

Mercedes ist Marktführer im Segment der in Serie gebauten Schutzfahrzeuge, das ein Volumen von schätzungsweise 20.000 Fahrzeugen pro Jahr weltweit aufweist. Etwa zwei Drittel davon, so Gärtner, stammen von Mercedes. Rund 600 Mitarbeiter in Halle 15/2 in Sindelfingen kümmern sich um die Guard-Fertigung, wo in etwa 1000 Stunden Handarbeit ein Puzzle aus 500 Schutzteilen – speziell gehärteter, ballistischer Stahl, zentimeterdicke Scheiben-Sandwiches aus Glas und Polycarbonat sowie Aramidplatten – in die serienmäßige S-Klasse-Karosserie eingearbeitet wird.

"Sie werden hier keinen Roboter finden", sagt Gärtner, "die Mitarbeiter hier sind Spezialisten, ihre Arbeit grenzt an Kunsthandwerk." Mehr als 90 Königshäuser und Regierungen bestellen hier ihre Autos. Das neue Modell wurde vom Beschussamt Ulm zertifiziert, nachdem 250 Schuss auf einen Prototypen abgegeben worden waren und das gleiche Modell dann auch noch mit Handgranaten aufs Dach und unter den Fahrzeugboden sowie durch eine "große Besprengung" malträtiert wurde. "Die Sicherheitszelle hielt stand", berichtet Gärtner. Und die Belastung der Dummys im Innenraum hätte nie kritische Werte erreicht.

Beleuchteter Befreiungsknopf und spezielle Sprinkleranlage

Um den "Höchstschutz" der Widerstandsklasse B6/B7 zu erreichen, werden im S-Guard rund 1500 Kilogramm Panzermaterial eingebaut. Allein eine Tür, sonst 35 Kilogramm schwer, wiegt im S-Guard 130 Kilogramm. Um die buchdicken Scheiben zu bewegen, sind hydraulische Fensterheber nötig. Achsen und Antriebsstrang müssen dem Gewicht angepasst werden, an den Vorderrädern kommen zur Sicherheit je zwei Bremssättel zum Einsatz. Der S-Guard basiert auf dem S 600 mit langem Radstand und tritt ausschließlich mit dem 517 PS starken Zwölfzylindermotor an.

Neben dem üblichen Serienkomfort und der Spezialpanzerung bietet die Limousine unter anderem einen beleuchteten Notknopf im Kofferraum, mit dem sich auch dann von innen die Verriegelung lösen lässt, wenn der Kofferraum von außen abgeschlossen wurde. Der Tank trägt einen Kunststoffmantel, der sich bei einem Leck von selbst wieder schließt. Es gibt eine Sprinkleranlage mit zwölf Düsen im Unterboden, falls der Wagen über einem Brandherd zum Stehen kommt. Bei einem Gasangriff sorgt ein Atemluftbehälter im Kofferraum für Sauerstoff, während die Lüftung automatisch abriegelt, und es gibt eine Extra-Heckkamera, denn "unsere Kunden wissen immer gerne, was in ihrem Rücken geschieht", erläutert Gärtner.

Strenge Geheimhaltung bis auf den Preis: 383.000 Euro

Viel mehr erfährt man über die Kundschaft der S-Guard allerdings nicht. Diskretion ist wichtig im Geschäft mit der Sicherheit. Exakte Angaben zu Materialstärken, Gewichten oder Stückzahlen werden mit dem Hinweis "Das kommunizieren wir nicht" verweigert. Der Preis, immerhin, wird nicht geheim gehalten. 383.000 Euro kostet der S-Guard in Deutschland, Wartezeit etwa sechs bis acht Monate, wobei in dringenden Fällen Mercedes ein Auto ad hoc zur Verfügung stellt. Und jeder Kunde, der ein solches Schutzauto kauft, kann seinen Chauffeur kostenlos zu einem zweitägigen Intensivtraining anmelden.

Diese Trainings finden meist auf dem Mercedes-Gelände in Malmsheim statt, einem ehemaligen Militärflughafen, wo ausreichend Asphaltfläche zur Verfügung steht, um die gut 3,5 Tonnen schweren Panzerlimousinen durch Pylonengassen, über Schleuderflächen und um Schaumstoffhindernisse zu wuchten. Drei der insgesamt zwölf Trainingseinheiten stellte Mercedes jetzt im Rahmen der S-Guard-Präsentation vor.

Dabei beeindruckte vor allem die unerwartete Agilität des Kolosses, der nur beim Öffnen oder Zuziehen der Tür wirklich schwerfällig wirkt. Und auch die hurtige Fahrt durch die Slalomgasse mit einem luftleeren Reifen an der Vorderachse verblüffte: Die Notlaufreifen von Michelin hielten das Superschwergewicht stur in der Spur. Selbst in einer komplett plattfüßigen Karosse könnten Königin oder König noch würdig vorfahren.



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