Mercedes SL Sportlich und luxuriös

Schlicht, sachlich und gerade präsentierte sich der SL - schlicht grässlich fanden nicht wenige Mercedes' Neuheit des Jahres 1971: Die Stuttgarter hatten für das Modell so gut wie alle Design-Richtlinien des Hauses umgekrempelt. Die kantige Frontpartie sollte die typische Mercedes-Linie des Jahrzehnts werden.


SL mit langem Atem: Diese Version des offenen SL hielt sich acht Jahre länger am Markt als das SLC-Coupé, das seit 1981 nicht mehr hergestellt wurde
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SL mit langem Atem: Diese Version des offenen SL hielt sich acht Jahre länger am Markt als das SLC-Coupé, das seit 1981 nicht mehr hergestellt wurde

Stuttgart - Normalerweise läuft die Sache so: Wenn ein Automodell seine Karriere als Neuwagen hinter sich hat, verwittern die verbliebenen Exemplare über die Jahre auf den Gebrauchtwagenplätzen. Und wenn kaum noch eines übrig ist, wird das Auto vielleicht zum Klassiker. Beim Mercedes SL der intern R 107 genannten Baureihe allerdings sollte alles ganz anders kommen. Als das Modell 1971 erschien, fanden es nicht wenige schlicht und einfach grässlich. Doch als sein Dasein als Neuwagen nach sagenhaften 18 Jahren endete, war er im Grunde schon längst zum Klassiker avanciert.

Im Jahr 1971 hießen sportlich kompakte BMW noch 02, rollte bei Opel der Kadett B vom Band und schauderten VW-Käufer beim Anblick des langnasigen VW 411. Bei Mercedes galten die Limousinen der so genannten Strich-Achter-Baureihe als aktueller Stand der Technik. Im Frühjahr jenes Jahres also schob Mercedes ein Auto ins Rampenlicht, das den bisherigen Pagoden-SL ersetzen sollte. Dieser besaß seinen Spitznamen wegen des in der Mitte nach unten gewölbten Hardtops.

Fahrspaß seit mehr als 30 Jahren: Die intern R 107 genannte Mercedes-SL-Baureihe kam 1971 auf den Markt
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Fahrspaß seit mehr als 30 Jahren: Die intern R 107 genannte Mercedes-SL-Baureihe kam 1971 auf den Markt

Wer nun für den neuen SL eine behutsame Pflege des bekannten und beliebten Erscheinungsbildes erwartete, wurde enttäuscht. Was blieb, war die ungewöhnliche Wölbung im Hardtop. Ansonsten wurden so gut wie alle Design-Richtlinien des Hauses umgekrempelt. Zu diesem Zeitpunkt war ein Mercedes in der Regel an aufrecht stehenden Scheinwerfern zu erkennen - beim neuen SL waren sie quer liegend installiert. Und während die übrige Modellpalette noch mit rundlich bauchigen Kotflügeln umherfuhr, war hier alles sachlich, schlicht und gerade.

Aus heutiger Sicht erinnert der SL stark an die S-Klasse der siebziger Jahre. Die allerdings kam erst ein Jahr später auf die Straßen. So war es der SL, der die typische Mercedes-Linie des Jahrzehnts einführte. Das gilt für die kantig schlichte Frontpartie ebenso wie für das Heck mit den geriffelten Leuchten.

Angetrieben wurde der Roadster anfangs von einem V8-Motor mit 3,5 Litern Hubraum und 147 kW/200 PS. Genug Leistung, um den 350 SL auf 210 Stundenkilometer (km/h) zu beschleunigen. Im Oktober 1971 hatte Mercedes die nächste Überraschung bereit: Dem offenen SL folgte mit dem SLC genannten Coupé eine neue Idee. Bisher hatte man die Oberklasse-Coupés immer auf Basis der entsprechenden Limousinen entworfen. Nun musste der Roadster dafür herhalten.

Innenraum des Mercedes SL: Beim Komfort war die Baureihe R 107 mit Oberklasse-Limousinen vergleichbar
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Innenraum des Mercedes SL: Beim Komfort war die Baureihe R 107 mit Oberklasse-Limousinen vergleichbar

Allerdings wuchs der Radstand des SLC um 36 Zentimeter, so dass drinnen bis zu vier Personen Platz finden konnten. Dass die Entwickler einen Teil des hinteren Seitenfensters mit einer Art Lamellengardine versahen, um ungünstige Proportionen des Coupés zu tarnen, ließ so manchen stärker noch als beim SL die Nase rümpfen.

In den folgenden Jahren ging bei den Schwestermodellen die Entwicklung parallel weiter. So gab es ab 1973 einen stärkeren V8-Motor mit 4,5 Litern Hubraum und 165 kW/225 PS. Im Jahr darauf drehte sich die Leistungsspirale um: In Zeiten der Ölkrise verlangte die Kundschaft nach sparsameren Aggregaten - also hielt ein Reihensechszylinder mit 2,8 Litern Hubraum und 136 kW/185 PS Einzug.

Dass sich Leistungs-Wünsche schnell wieder ändern können, zeigte sich 1977: Im 450 SLC 5.0 fand sich ein 5,0-Liter-V8-Motor mit 176 kW/240 PS. Im SL kam er erst 1980 zum Einsatz. Das Jahr brachte Roadster und Coupé außerdem eine neue Innenausstattung im Stil der S-Klasse-Limousinen ein. Wovon Coupé-Käufer nicht lange profitierten, denn der SLC wurde 1981 eingestellt.

Coupé SLC: Mercedes stellte zum ersten Mal ein Oberklasse-Coupé auf die Basis eines Roadsters
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Coupé SLC: Mercedes stellte zum ersten Mal ein Oberklasse-Coupé auf die Basis eines Roadsters

Beim SL war dagegen noch lange nicht Schluss. Neben neuen Motorisierungen stand 1985 sogar ein Facelift an - das auch zur Rückkehr einer klassischen Modellbezeichnung führte: Ein Dreiliter-Sechszylinder gab Mercedes die Möglichkeit, das Schild 300 SL an den Kofferraumdeckel zu schrauben, wie einst bei dem legendären Flügeltürer. Unter dem Blech zog vieles von der Technik ein, die heute noch ein aktuelles Auto ausmacht. So konnten später SL mit ABS, Katalysator und Fahrerairbag geordert werden.

Das Aus der Baureihe R 107 kam erst an der Schwelle zur automobilen Neuzeit im Jahr 1989. Selbst wer ihn zu dem Zeitpunkt noch nicht für einen Klassiker hielt, glaubte daran, dass er das aber bald werden würde. Der Autor Fritz Busch schrieb zum Abschied vom SL: "Erst in fünf Jahren sehen wir klar, in zehn Jahren glasklar, und in 15 Jahren sind wir bereit, uns stundenlang dafür zu ohrfeigen, dass wir ihn damals, als er noch zu einem ganz normalen Preis zu haben war, nicht begriffen haben." Das war vor 15 Jahren.

Von Heiko Haupt, gms

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