Mercedes SLR "722 Edition" Für Jäger und Sammler

Genug ist nicht genug. Das haben die Verantwortlichen für den SLR gelernt. Nicht, dass ihnen der Sportwagen aus den Händen gerissen würde. Doch viele der wenigen Kunden wünschen den Silberpfeil sportlicher und vor allem seltener. Für sie gibt es nun die "722 Edition".


Der Raum ist weich und der Teppich flauschig. Das Licht strahlt sanft, die Musik tönt meditativ. Dann wird die Klangkulisse hymnisch, und auf der Leinwand jagen schemenhafte Autos durch ewige Landschaften. Und endlich kommt der große Moment, in dem sich die Schiebetüre öffnet, Bodennebel aufsteigt und sich ein SLR aus dem Scheinwerferlicht schält.

"Das sind die Augenblicke, in denen selbst gestandenen Männern die Tränen in die Augen schießen", sagt Klaus Nesser. Er verantwortet bei Mercedes den Verkauf des modernen Silberpfeils und beobachtet solche Szenen immer wieder, wenn den Kunden beim Kooperationspartner McLaren mit diesem Showakt die Schlüssel für ihren neuen Spitzensportler ausgehändigt werden.

Mercedes Silberpfeil 300 SLR: Mit diesem Auto - die Startnummer verweist auf die Startzeit um 7.22 Uhr - gewann Stirling Moss 1955 die Mille Miglia in der Fabelzeit von 10 Stunden, 7 Minuten und 48 Sekunden

Mercedes Silberpfeil 300 SLR: Mit diesem Auto - die Startnummer verweist auf die Startzeit um 7.22 Uhr - gewann Stirling Moss 1955 die Mille Miglia in der Fabelzeit von 10 Stunden, 7 Minuten und 48 Sekunden

Seit der Premiere des SLR im Herbst 2003 haben für dieses Spektakel allerdings nur etwas mehr als 1000 Gäste eine Einladung bekommen. Denn bis heute wurden von dem Spitzensportler in jeweils rund vierwöchiger Handarbeit gerade einmal 1200 Exemplare gebaut. Künftig aber wird Klaus Nesser der Zeremonie etwas häufiger beiwohnen können: Zur Belebung des Geschäfts und zur Befriedigung besonders exklusiver Kundenwünsche legen die Schwaben nun eine limitierte Sonderserie auf, die ihre Rennsport-Wurzeln noch deutlicher zur Schau stellt.

Sie hört auf den Namen "722 Edition" und erinnert an den legendären Sieg eines Mercedes 300 SLR bei der Mille Miglia 1955, als Stirling Moss die 1000 Meilen durch Italien in zehn Stunden, sieben Minuten und 48 Sekunden absolvierte und damit weiter am Mythos der Silberpfeile strickte. Weil er damals um 7.22 Uhr ins Rennen geschickt wurde, trug der Wagen die Startnummer 722, die nun auch die Flanken der SLR-Edition ziert, die in vier Wochen Weltpremiere auf dem Pariser Salon feiert.

Wenn Kritiker spotten, dabei handele es sich um ein Sondermodell, mit dem üblicherweise der Absatz von Ladenhütern angekurbelt wird, bleibt Klaus Nesser gelassen. Er weiß es besser. "Wir haben mehr als 300 Teile verändert und dem SLR einen deutlich anderen Charakter gegeben", sagt der Manager und umreißt damit die Entwicklungsarbeit im Schulterschluss mit den Formel-1-Ingenieuren bei McLaren, die man auf einen einfachen Nenner bringen kann: Unter ihrer Hand ist der Silberpfeil stärker geworden, schneller, sportlicher – und teurer. Statt der 440.800 Euro rufen die Schwaben für Extra-SLR nun 464.000 Euro auf. Auch das ist für ein klassisches Sondermodell eher ungewöhnlich.

Bei der "722 Edition" haben die Entwickler vor allem an fünf Stellschrauben gedreht. Die Motorleistung wurde angehoben, das Getriebe neu abgestimmt, das Gewicht reduziert, die Aerodynamik optimiert und das Fahrwerk neu getrimmt.

So leistet der 5,5 Liter große V8-Kompressormotor nun 650 statt 626 PS, und das maximale Drehmoment steigt um 40 auf 820 Nm. Neue 19-Zoll-Räder sparen 18 Kilogramm und zusätzliche Carbon-Elemente in der Karosserie weitere 26 Kilogramm Gewicht. Die jetzt mit Paddeln hinter dem Lenkrad bedienbare Schaltung wechselt die Gänge noch schneller, die vergrößerten Bremsscheiben packen fester zu, und das um zehn Millimeter tiefer gelegte und sehr viel strammer abgestimmte Fahrwerk erlaubt deutliche höhere Kurvengeschwindigkeiten. Außerdem erhöhen ein neuer Frontspoiler, kleine Luftleitklappen vor den Hinterrädern und ein steilerer Winkel des ausfahrbaren Heckspoilers den Abtrieb um rund ein Drittel.

Schon auf dem Prüfstand zeigen diese Maßnahmen an dem auch optisch leicht modifizierten SLR ihre Wirkung: Den Sprint auf Tempo 100 schafft die Sonderserie in 3,6 statt in 3,9 Sekunden, bei 200 km/h steht die Nadel nach 10,2 statt 10,6 Sekunden, und 300 Sachen erreicht der SLR nun in 28 statt 28,8 Sekunden. Außerdem steigt die Höchstgeschwindigkeit auf 337 km/h. Doch das ist alles graue Theorie, sagt einer der Testfahrer aus dem Rennstall und bittet stattdessen zur Proberunde auf dem Kurs von Le Castellet: "Dort liegen zwischen beiden Modellen bis zu drei Sekunden pro Runde – und das sind im Rennsport Welten."

Die Sonderserie soll endlich auch Sportfahrer befriedigen

Mit der "722 Edition" will Mercedes die drei Zielgruppen des SLR künftig noch besser ansprechen, erläutert Nesser. Zwar konnten die Schwaben den "Gentleman Driver" mit ihrem Gran Tourismo schon jetzt erreichen. Doch ambitionierte Sportfahrer hatten sich immer wieder etwas mehr Härte erbeten. "Und für Sammler war der Wagen wegen der großen Stückzahlen nicht interessant", sagt Nesser, der diese beiden Ansprüche mit dem Sondermodell nun erfüllen kann. Aber egal ob Jäger oder Sammler – wer einen SLR aus der "722 Edition" haben möchte, der sollte sich beeilen. Nicht nur, weil der Sportler mit der Mehrwertsteuererhöhung um den Preis eines Kleinwagens teurer wird. Sondern auch, weil die ersten Kaufverträge für die 150 Exemplare bereits unterschrieben sind. "Spätestens nächsten Sommer", schätzt Nesser, "ist die Edition ausverkauft."

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