Mercedes SLR McLaren und Actros Duell der Giganten

Beide haben zwei Sitze, acht Zylinder und mehr als 600 PS. Sie tragen beide den Mercedes-Stern. Und sie sind extrem teuer. Dennoch lassen sich der SLR und der Actros "Black Edition“ kaum vergleichen. Oder doch? SPIEGEL ONLINE bat die Giganten zum Duell.


Wer beim Autoquartett den Mercedes SLR auf der Hand hat, der fühlt sich unbesiegbar. Kaum ein Auto in Deutschland ist so stark, so teuer und so schnell wie die moderne Interpretation des Silberpfeils. Doch Vorsicht! Es gibt einen Mercedes, der dem Flügeltürenstürmer das Wasser reichen kann und ihn beim Kartenspiel in manchen Disziplinen locker aussticht. Den Actros "Black Edition". Er ist das Flaggschiff in der schwäbischen Nutzfahrzeugpalette und die auf 250 Exemplare limitierte "Black Edition" so etwas wie der Maybach unter den Lastern.

Beim eigens für SPIEGEL ONLINE arrangierten Titanentreffen machen beide Kontrahenten schon auf dem Parkplatz eine imposante Figur: Der beinahe 450.000 Euro teure SLR wirkt flach wie ein Tiefflieger, der immerhin gut 180.000 Euro teure Actros hoch und aufrecht wie ein Fels in der Pkw-Brandung. Während der Sportwagen mit der endlos langen Motorhaube, dem giftigen Gesicht und den großen Kiemen schon im Stand den Rausch der Geschwindigkeit erahnen lässt, ist der Truck ein Monolith. Schwarz, stark und beinahe rechteckig ragt er fast vier Meter über dem Asphalt auf. Und auch wenn die 295er-Walzen auf den 18 Zoll großen Turbinenfelgen des SLR schon mächtig Eindruck schinden, wirken sie gegenüber den mehr als hüfthohen Reifen auf den Alufelgen des Actros wie die Rädchen an einem Einkaufswagen.

Angetrieben werden beide Kraftmeier von einem Achtzylindermotor, der im SLR auf 626 PS und im Actros auf 612 PS kommt. Allerdings finden die Gemeinsamkeiten danach schnell ein Ende. Verkappte Rennfahrer müssen sich mit 5,5 Litern Hubraum begnügen, wo die Könige der Landstraße aus dem Vollen schöpfen können und mit fast 16 Litern Brennraum punkten. Damit hat jeder einzelne Zylinder mehr Volumen als der ganze Motor einer A-Klasse. Entsprechend imposant ist das Drehmoment. Denn gegen die maximal 2700 Nm des Actros wirken die in Sportwagenkreisen mehr als respektablen 780 Nm des SLR wiederum relativ bescheiden.

Ein Riesenfass mit 1200 Liter Diesel sorgt für Reichweite

Doch muss der mit viel Kohlefaser abgespeckte SLR damit ja lediglich rund 1,9 Tonnen bewegen, während allein die Actros-Zugmaschine fast das Dreifache auf die Waage bringt. Da kann die Automatik des Trucks noch so geschickt die 16 Gänge wechseln: Während er noch im gehobenen Schritttempo die Autobahnauffahrt hinaufkriecht, fliegt der SLR bereits mit mehr als 200 Sachen dem Horizont entgegen. Und wenn beim Actros bei 89 km/h elektronisch das gesetzliche Limit gesetzt wird, verliert der Sportwagen den Kampf mit dem Fahrtwind erst bei 334 km/h.

Wer so viel Kraft hat, der hat auch einen großen Durst. So stehen den 14,5 im Normzyklus ermittelten Litern des SLR beim Actros mehr als das Doppelte gegenüber. Trotzdem ist sein Fahrer klar im Vorteil: Weil die Tanks bis zu 1200 Liter fassen, kommt man ohne Boxenstopp von Frankfurt nach Florenz, während es der SLR vom Main nicht einmal bis Basel schaffen würde.

In der Regel wird man mit dem SLR natürlich schneller am Ziel sein. Aber bequemer sicher nicht. Hier liegt der Fahrer in einer engen Karbonschale, die auch durch Lederpolster nicht so richtig bequem wird. Dort thront man auf einem luftgepolsterten Sessel, wie man ihn sich auch im Wohnzimmer wünschen würde. Außerdem ist das Platzangebot nicht zu vergleichen. Auf der einen Seite ein knapp geschnittenes Sportstudio und auf der anderen eine Einzimmer-Wohnung auf Rädern.

Schließlich bietet der Actros seinem Fahrer eine fünf Quadratmeter große Kabine, in der man aufrecht stehen kann. Statt einer einfachen Pritsche gibt es ein 2,20 Meter langes Bett, über dem auf Knopfdruck ein künstlicher Sternenhimmel erstrahlt. Zum Schutz der Privatsphäre ziehen Elektromotoren die Rollos herunter, die Gute-Nacht-Geschichte kommt vom DVD-Player, fürs Frühstück sind Kaffeemaschine und Mikrowelle eingebaut, und gegen das integrierte Faxgerät verliert die Freisprechanlage des SLR schnell ihren Reiz.

Wenn Brummi-Kapitäne herzhaft lachen

Auch die Laderaumkapazität ist kaum vergleichbar. Zwar ist der SLR für einen Sportwagen mit 272 Litern Kofferraumvolumen und 240 Kilogramm Zuladung ganz ordentlich unterwegs. Aber ein Actros-Fahrer kann darüber nur lachen. Den richtigen Auflieger vorausgesetzt, zieht der Actros 40 Tonnen und schleppt bis zu 88 Kubikmeter Ladung. Da würden dem Sportwagen auch kein Dachgepäckträger und keine Anhängerkupplung helfen.

So unterschiedlich die Fahrzeuge auch sind, gibt es selbst hier genügend Raum für Gemeinsamkeiten: Etwa das Clubambiente im Innenraum mit Leder und Zierteilen aus Karbon im SLR oder Vogelaugenahorn im Actros. Und natürlich den nicht ganz unkomplizierten Zustieg. Denn beim Sportler muss man gelenkig sein, um sich durch die Flügeltür zu fädeln. Und beim Schlepper darf man keine Höhenangst haben, wenn man die Leiter zur Schwellenhöhe von 1,70 Metern hinaufsteigt. Als Fazit des Vergleichs bleibt in beiden Fällen die Faszination von schierer Leistung, die aber ganz unterschiedlich eingesetzt wird.

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.