Messerundgang Pariser Autosalon Die Stop-Automatik

Auch aller Glamour auf dem Autosalon von Paris kann nicht verbergen, dass die Krise die Autobranche erreicht hat. Sie kämpft mit Überkapazitäten und Verkaufseinbrüchen - und reagiert mit einem unguten Reflex: Sie vertraut auf Altbewährtes, statt mit frischen Konzepten die Kunden zu begeistern.

DPA

"Le Futur, Maintenant" verspricht das Plakat der Mondial d'Automobile. Die PS-Show in Paris (bis 14. Oktober) will schon jetzt die Zukunft des Autos zeigen. Falls das zutreffen sollte, bleibt im Prinzip alles wie gehabt. Es scheint, als habe die Industrie eine Stopp-Automatik in Sachen Innovationen eingebaut. Denn unter den Fahrzeugen, die sich auf den Präsentiertellern drehen und die mit großem Bohei als Weltpremieren enthüllt wurden, sind nur sehr wenige, die zumindest schon mal auf der Abbiegespur in Richtung Morgen unterwegs sind.

Die breite Masse der rund hundert Messeneuheiten hingegen fährt stur geradeaus. Die Technik dieser Modelle ist weit gehend bekannt, die Optik moderat modifiziert. Jedenfalls lösen sie nicht einen spontanen "Den-muss-ich-haben"-Impuls aus.

Ob die Limousine Skoda Rapid oder der von Opel als Lifestyle-Kleinwagen beworbene Adam (gesprochen: Ädäm), ob Ford Mondeo oder Renault Clio, ob Seat Leon oder Toyota-Kombi Auris Touring Sports, ob Citroën DS3 Cabrio oder Kia Carens - das sind alles grundsolide Autos, und einige sehen sogar recht ansprechend aus. Doch um die Kunden in Scharen zu den Händlern zu locken, reicht das wohl nicht aus.

Selbst die in Paris noch als Konzeptautos vorgestellten Modelle Audi Crosslane Coupé, Peugeot 2008 oder Suzuki S-Cross, die aller Voraussicht nach schon bald als Serienmodelle antreten werden, sind nicht so sensationell frisch und visionär, wie es das Marketing vorgibt.

Neue Idee nur im Detail

Wer auf dem Autosalon in Paris nach neuen Ideen sucht, landet zum Beispiel an der Tankklappe des Skoda Rapid, in der ein Eiskratzer versteckt ist, der sogar als Lupe dient, damit man die Angaben für den Reifenluftdruck, die dort aufgeklebt sind, besser lesen kann.

Oder auf dem Stand von BMW in Halle 1. Dort rotiert das Concept Active Tourer, ein Minivan, der in zweifacher Hinsicht mit bislang ehernen BMW-Prinzipien bricht. Erstens verfügt das Auto über Frontantrieb, weil die Technik von der Marke Mini stammt. So etwas gab es unter dem Markennamen BMW noch nie. Zweitens wird der Wagen offensiv als praktisches Familienauto beworben, und auch das war bei den weiß-blauen Autobauern, die bisher immer auf Obersportskanone machten, undenkbar.

Gut getarnt hat auch der VW-Konzern eine technisches Statement in Paris vorgefahren. Nämlich in Form des Porsche Panamera Sport Turismo. Äußerlich handelt es sich um einen aufgebuckelten Panamera, quasi die Kombiversion des Zuffenhausener Luxusschlittens. Unterm voluminösen Blechkleid aber steckt ein Plug-In-Hybridantrieb. Das Auto kann also mit Benzin, mit Strom sowie mittels der Kombination beider Antriebe fahren, die Systemleistung liegt bei 416 PS. Und die Akkus lassen sich an der Steckdose aufladen, was eine rein elektrische Reichweite von 30 Kilometer ermöglicht.

Bewährtes in Krisenzeiten

Warum diese Neuheit wichtig ist? Weil VW-Boss Martin Winterkorn sagt, man wolle "diese Technologie intensiv vorantreiben". Dann zählt der Konzernlenker die Autos auf, die demnächst mit Plug-In-Hybridantrieb kommen werden: "2013 die Porsche-Modelle Panamera und Cayenne, 2014 der VW Golf, der Passat, der Audi A3 und der Q7" und ab dann gehe es erst so richtig los.

Das klingt zumindest ein bisschen visionär. Allerdings verfolgt beispielsweise Toyota schon länger diese Strategie; die Japaner zeigen in Paris mehrere fahrbereite Modelle mit Plug-In- Hybridantrieb, bei Mitsubishi wird der neue Outlander mit einem solchen Antrieb vorgestellt. Trotzdem gilt: Wenn VW sich jetzt des Themas annimmt, wird es wohl zügig aus der Nische herausfahren, in der es jetzt noch steckt.

Streift man durch die Messehallen, fragt man sich, warum die meisten Hersteller derzeit so verzagt sind? Vielleicht deshalb, weil es in Krisenzeiten ganz normal ist, sich auf Bewährtes zu besinnen. Und dass es kriselt in der Autobranche, bestreitet niemand - ausgenommen die Repräsentanten jener Hersteller, die ohnehin nur Produkte im sechsstelligen Preisbereich anbieten.

In Europa werden in diesem Jahr voraussichtlich weniger als zwölf Millionen Autos verkauft, 2013 dürfte die Nachfrage noch weiter sinken - so mau waren die Absatzzahlen zuletzt vor 20 Jahren. Die Folge: Fiat, Opel, Peugeot, Ford und auch Mercedes drosseln die Produktion. Dazu werden Werksschließungen immer wahrscheinlicher. Der französische Hersteller Peugeot hat bereits angekündigt, seine Fabrik in Aulnay nahe Paris 2014 zu schließen, und wie lange Opel noch in Bochum produziert, weiß auch keiner außer der General-Motors-Führungsspitze.

Zuversicht trotz Krise

Während die Überkapazitäten hausgemacht sind, hat die Autoindustrie mit den Ursachen der gegenwärtigen Finanz- und Schuldenkrise in Europa kaum etwas zu tun, wohl aber bekommt sie deren Wirkung zu spüren. Und die ist offenbar so heftig, dass sogar der nagelneue VW Golf VII, der erst Anfang November auf die Straße kommen wird, schon jetzt von Internet- Autohändlern mit Rabatten von rund zwanzig Prozent feilgeboten wird. "So etwas gab es in dieser Form noch nicht", sagt der Automobilwirtschaftler Ferdinand Dudenhöffer. Wenn schon der fabrikfrische Bestseller der volumenstarken Kompaktklasse praktisch verramscht wird ist klar, dass magere Zeiten angebrochen sind.

Wobei VW-Konzernchef Winterkorn jetzt in Paris betonte, das Unternehmen halte an "den Zielen für 2012 fest". Die Wolfsburger vertrauen auf ihre Mehrmarkenstrategie und ihre Marktmacht als größter Fahrzeughersteller Europas. "In den ersten acht Monaten dieses Jahres haben wir mehr als sechs Millionen Autos verkauft, so viele wie noch nie in diesem Zeitraum", verkündete Winterkorn. Da passt es ganz gut, dass in Paris unter anderem auch der neue Golf GTI debütiert, sozusagen der Leit-Golf mit künftig bis zu 230 PS. Technisch ist der Wagen zwar auch konsequent old-school, doch er vermittelt allein wegen der GTI-Aura wenigstens einen Hauch jenes Aufbruchwillens, den die Autoindustrie so dringend bräuchte.



insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
hgm2 27.09.2012
1. wo bleibt die Innovation?
Wenn der VW Nils käme, würde ich mir auch wieder ein neues Auto kaufen. So erfreu eich mich an meinem gottseidank noch in Japan gebauten zwölf Jahre alten Toyota Yaris, der noch imemr wie neu fährt und noch nie eine Reparatur benötigt hat. Wenn nur der hohe Benzinverbrauch (7 Liter / 100km) nicht wäre… Autos werden unausweichlich elektrisch fahren, wenn nicht hier dann eben in China. Dann ist das Gejammer bei Audi ] Co. groß, und man ruft nach Staatshilfe.
anbue 27.09.2012
2. Habe mir vor 1 1/2 Jahren
Zitat von sysopDPAAuch aller Glamour auf dem Autosalon von Paris kann nicht verbergen, dass die Krise die Autobranche erreicht hat. Sie kämpft mit Überkapazitäten und Verkaufseinbrüchen - und reagiert mit einem unguten Reflex: Sie vertraut auf Altbewährtes, statt mit frischen Konzepten die Kunden zu begeistern. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/messerundgang-autosalon-paris-a-858328.html
(zum ersten Mal in meinem Leben) einen Gebrauchten gekauft, damit der Wertverlust, wenn die alternativen Antriebe ihren Durchbruch haben, nicht so groß ist. Inzwischen befürchte ich, ich hätte mir doch noch mal einen Neuen gönnen sollen.
mythreecents 27.09.2012
3. Erst am Anfang
Schauen Sie sich einfach mal die Stellenanzeigen von VW und BMW an. Man versucht erst seit relativ kurzem Wissen im Hybrid-Bereich in größerem Umfang einzukaufen. Ein zügiges Herausfahren ist mit einem derartigen Rückstand wirklich nicht zu erwarten—besonders wenn man sieht, wie hervorragend Toyota die Technik bereits umgesetzt hat. Etwas vorzuzeigen hat in Deutschland eigentlich nur der Zulieferer ZF Friedrichshafen.
nurmalso2011 27.09.2012
4. Viel Show wenig Substanz
wie, war die Merkel schon da
mitbestimmender wähler 27.09.2012
5. Teilgeklautes Q2 Projekt?
Front von NISSAN GTR Seite vom alten LANCIA Delta Ecken und Kanten von CADILLAC So Könnte ihr Neuer Chinese aussehen
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