Firmenchef droht Millionenstrafe Geben und kleben

Michael Stoschek ist Unternehmer und "Wohltäter der Stadt Coburg". Doch nun droht ihm dort eine Strafe von 1,65 Millionen Euro - er hatte unerlaubt Klebekennzeichen an seinen Porsche angebracht.

Michael Stoschek: "Völlig überzogen"
Brose

Michael Stoschek: "Völlig überzogen"


Michael Stoschek ärgert sich über deutsche Autokennzeichen. Genauer gesagt regt ihn die Form der Blechschilder auf. "Sie sind zu groß und haben zu viel Luftwiderstand, das erhöht den Spritverbrauch", sagte der 67-Jährige SPIEGEL ONLINE. Nach eigenen Angaben hat er deshalb bereits vor sieben Jahren eine eigene Lösung für das Problem gefunden: An seinem Porsche 911 Cabrio brachte er ein sogenanntes Klebekennzeichen an. Dabei handelte es sich um eine Folie, die im Vergleich zum Schild um etwa 20 Prozent kleiner war, aber die vollständigen Angaben des normalen Kfz-Kennzeichens enthielt.

Diese Folie könnte Michael Stoschek jetzt 1,65 Millionen Euro kosten.

Die Staatsanwaltschaft hat Strafbefehl gegen Stoschek erlassen, weil er für Klebekennzeichen keine Genehmigung hatte. Der Vorwurf: Urkundenfälschung und Kennzeichenmissbrauch. Außerdem ist "aufgrund der geringen Größe (…) ein Ablesen des Klebekennzeichens auf der Fotografie einer Geschwindigkeitsmessung nicht möglich", wie es in dem Strafbefehl heißt.

Bundesverdienstkreuzträger im Clinch mit der Justiz

Die 1,65 Millionen Euro ergeben sich aus 55 Tagessätzen zu je 30.000 Euro. Die Tagessätze werden im deutschen Strafrecht auf Grundlage des Nettoeinkommens des Angeklagten ermittelt - 30.000 Euro ist der Höchstsatz. Michael Stoschek ist erfolgreicher Unternehmer aus Franken, das "manager magazin" führt den Chef eines Automobilzulieferers auf der Liste der reichsten Deutschen.

Der "Wohltäter der Stadt Coburg" - diese Ehrung wurde ihm 2013 zuteil - ist in seiner Heimat als so spendierfreudig wie eigenwillig bekannt. Er ist Träger des Bundesverdienstkreuzes und hat nach einem Feuer in der Coburger Altstadt die Brandopfer mit fünf Millionen Euro unterstützt. Dafür scheint er sich gerne mal über das Gesetz zu stellen: Es existieren Fotos von ihm, wie er vor kurzem in einem Amphibienfahrzeug durch den Fluss Regnitz schipperte. Wegen ähnlicher Touren ohne Genehmigung hat die Wasserschutzpolizei laut einem Bericht des Bayerischen Rundfunks schon zuvor gegen ihn ermittelt. Auch in diesem Fall hat er Ärger mit der Justiz.

Es wäre also nachvollziehbar, wenn es der Staatsanwaltschaft bei der Nummer mit dem Kennzeichen auch um das Prinzip ginge: um einen Schuss vor den Bug für Stoschek.

Eine Privataufnahme Stoscheks von dem Porsche mit dem Klebekennzeichen
Stoschek

Eine Privataufnahme Stoscheks von dem Porsche mit dem Klebekennzeichen

Die 1,65 Millionen Euro für das Klebekennzeichen will Stoschek jedoch auf keinen Fall bezahlen. Er hält das Strafmaß für "völlig überzogen". Von Urkundenfälschung kann in seinen Augen nicht die Rede sein: Auf dem Klebekennzeichen seien genau die gleichen Angaben wie auf dem normalen Blechnummernschild. Das bestreitet die Staatsanwaltschaft nicht - allerdings habe der Zulassungsstempel gefehlt. Deshalb: Urkundenfälschung.

Stoschek ist verwundert: "Seit der Porsche 2008 zugelassen wurde, war daran immer ein Klebekennzeichen angebracht. All die Jahre ist es nicht beanstandet worden, obwohl der Wagen oft mitten in der Stadt parkte."

Tatsächlich wurde Stoschek erst im April 2013 das erste Mal von der Polizei auf die ominöse Folie angesprochen. Ein Beamter entfernte sie damals vom Wagen, woraufhin Stoschek die normalen Kennzeichen aus dem Kofferraum holte und sie an den Porsche schraubte. Später brachte er wieder ein neues Klebekennzeichen an.

Behörden mieten Porsche und sperren Bundesstraße

Mit dem von der Polizei beschlagnahmten Klebekennzeichen unternahm ein Sachverständiger im Auftrag der Staatsanwaltschaft unterdessen einen aufwendigen Test: Die Behörde wollte herausfinden, ob das Nummernschild bei einer Geschwindigkeitskontrolle ablesbar ist.

Dazu sperrte sie laut Stoschek den Teil einer Bundesstraße südlich von Coburg. An einen gemieteten Porsche Cabrio sei im Beisein von Stoscheks Anwalt das beschlagnahmte und angeblich beschädigte Klebekennzeichen angebracht worden. Beim Test wurde dieses Auto dann geblitzt - mit dem Ergebnis, dass das Kennzeichen auf den Beweisfotos schlecht zu erkennen gewesen sei. Das gleiche Ergebnis habe jedoch auch ein anschließender Test ergeben, bei denen ein neues Klebekennzeichen sowie ein normales Nummernschild an dem Porsche angebracht waren, sagt Stoschek. Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE wollte sich die Staatsanwaltschaft dazu nicht äußern.

Eine Erklärung wäre interessant gewesen: Denn offenbar kann das Klebekennzeichen durchaus nach einer Geschwindigkeitskontrolle ausgewertet werden. Das beweist ein Knöllchen, das Stoschek im Jahr 2009 zugestellt worden war - mitsamt einem Foto, das der Blitzer von ihm im Porsche gemacht hatte.

Man sieht sich wohl vor Gericht

Die Posse um den Milliardär mit dem Faible für windschnittige Nummernschilder und der Staatsanwaltschaft mit Hang zu kostspieligen Testaufbauten landet jetzt wohl vor einem Coburger Gericht. "Hätte ich statt des Klebekennzeichens überhaupt kein Nummernschild am Wagen gehabt", sagt Stoschek, "wäre das nur eine Ordnungswidrigkeit und kein Straftatbestand gewesen." In so einem Fall werden 60 Euro fällig.

Sollte Stoschek die 1,65 Millionen Euro also wirklich zahlen müssen, wäre der durch die Folie gesparte Sprit teuer erkauft.

cst

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insgesamt 99 Beiträge
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Seite 1
p-touch 28.08.2015
1. Kümmelspalterei...
die Dinger darf man in Ausnahmefällen benutzen. Nur halt nicht eigenmächtig selber anbringen, dazu braucht´s eine Genehmigung. Das mit dem Schwimmwagen im Naturschutzgebiet geht natürlich nicht.
coxeroni 28.08.2015
2.
Als hätten die deutschen Gerichte nichts besseres zu tun. Wenn die Zeit für so eine Posse verblödelt wird, dann habe ich für das ständige Gejammer aufgrund der chronischen Arbeitsüberlastung null Verständnis.
TomRohwer 28.08.2015
3.
Sollte er 1,65 Millionen Euro zahlen müssen, werden die Spenden für Coburg und andere Empfänger in Bayern vermutlich drastisch reduziert werden...
sprecher1968 28.08.2015
4. Haben sonst wohl nichts zu tun
Die Strafe ist völlig überzogen. Natürlich darf das nicht sein - aber bei dem Strafmaß spielt wohl auch Neid eine Rolle. Bewundernswert ist auch noch der Aufwand, der Geschwindigkeitsmessung. Die Staatsanwaltschaft sollte schämen. Eine normale Strafe wäre angebracht und bei Nichtbefolgung ein Fahrverbot oder Punkte. Alles andere ist doch Nonsens.
l/d 28.08.2015
5. Lesefehler
Die Staatsanwaltschaft hat hier das Problem, dass sie offensichtlich den Begriff föderalistisches System falsch als feudalistisches System liest und sich so auch gemerkt hat. Und in einem feudalistischen System wäre ihr Verhalten, dem Wohltäter einmal harte Grenzen aufzuzeigen und den nötigen Respekt vor der Obrigkeit per Büttel einzufordern, völlig normal.
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