Mille Miglia Edelmetall auf Italienrundfahrt

Die Gegner schenken sich nichts: Die Mille Miglia ist keine zuckelige Oldtimer-Ausfahrt, sondern ein Rennen, obwohl jeder der knapp 400 teilnehmenden Wagen vor 1958 gebaut wurde. Da waren Autos noch rohe, laute und schwer zu bändigende Maschinen - keine rollenden Computer.

Tom Grünweg

Aus Brescia berichtet


Brescia-Rom-Brescia: Das ist die klassische Strecke der Mille Miglia, der tausend Meilen quer durch Italien. Seit der Wiederaufnahme des Rennens 1977 (die klassischen Vollgas-Veranstaltungen auf normalen Straßen wurden zwischen 1927 und 1957 gestartet) ist es eine Gleichmäßigkeits- und Orientierungsfahrt für Oldtimer. Doch im autoverliebten Italien, wo die Schulkinder in den Dörfern entlang der Strecke vom Unterricht befreit sind, sobald der Edelmetall-Konvoi naht, und Nonnen, Gemüsehändler, Hausfrauen und Polizisten die Straßenränder säumen, fühlen sich die Oldie-Lenker offenbar zu forscher Fahrweise animiert. Schon am Stadtrand von Brescia ignorieren die Piloten Ampeln und es zählt nur noch die Stoppuhr, nicht mehr der Tacho.

Wer hier antritt, hat ein großes Vorbild: Stirling Moss. Der legte die Strecke 1955 in einer Fabelzeit von 10 Stunden, sieben Minuten und 48 Sekunden zurück und stellte damit einen Rekord für die Ewigkeit auf. Moss' Durchschnittstempo von 157,62 km/h hat bis zum offiziellen Ende des Rennens 1957 niemand mehr erreicht.

Obwohl die Autos, ausnahmslos aus Baujahren bis 1957 stammen und viele Modelle extrem selten und wertvoll sind, werden sie nicht geschont. "Hier fährt man meistens Vollgas", sagt zum Beispiel Michael Plag, der für Mercedes als Mechaniker mit von der Partie ist. Fürs erste jedoch muss Plag nur polieren. Denn bislang wurde lediglich das erste Schaulaufen absolviert. Jetzt parken die Pretiosen auf dem Kies im Hof des Museo Mille Miglia vor den Toren Brescias. Während das Feld draußen auf der Strecke schnell auseinanderfällt, kann man die Boliden hier noch einmal im vollen Glanz ganz eng beieinander sehen.

Dabei fallen gewaltige Unterschiede auf. Hier die filigranen und zierlichen Vorkriegswagen wie der Bugatti Type 37, der Fiat 509 oder der La Salle 303, dort die schon muskulöseren Nachkriegsrennwagen wie der Mercedes 300 SL, der Porsche 356 oder der Maserati 150S. Dazwischen elegante Sportwagen wie ein Ferrari 250 GT, ein Lancia Aurelia oder ein Ford Thunderbird oder Prunkautos wie der Mercedes 710 SS. Und dann gibt es die Typen, denen man eigentlich keinen Rennen zugetraut hätte - VW Käfer, Mercedes 180 D, Citroën 2CV, DKW Monza oder Citroën DS.

Auch aus China, Südafrika oder Australien kommen Mille-Fans

Ringsherum tummelt sich dann alles andere, was die Autoindustrie in den letzten 75 Jahren zu bieten hatte. Denn viele Sportwagen und Oldtimer irgendwo zwischen London, Stockholm und Brindisi klinken sich an diesem Wochenende in den Trubel um die Mille Miglia ein. So wird selbst der Tross neben dem Rennen eine Schau. Wo sonst sieht man ein halbes Dutzend Mercedes SLR Stirling Moss auf einem Fleck, ebenso viele TVR oder De Tomaso und mehr als 200 Ferrari-Modelle, die zum Teil sogar aus China, Südafrika, Russland oder Australien eingeflogen wurden, nur um der Mille Miglia voraus zu fahren.

Besonders große Aufmerksamkeit gilt in diesem Jahr einem vergleichsweise zierlichen Sportwagen aus München: dem BMW 328. Das Auto gewann mit der windschnittigen Aluhaut der Carozzeria Touring einst die Wettfahrt und feiert zugleich in diesem Jahr 75. Geburtstag. "Die Mille Miglia ist das Rennen, das den Ruf des BMW 328 bis heute bestimmt", sagt BMW Classic-Chef Karl Baumer. "Deshalb sind wir mit einem Dutzend 328er-Modellen nach Italien gekommen." Mit von der Partie ist auch der Siegerwagen von 1940.

Während die Fans um die glänzenden Autos flanieren, steigt bei den Fahrern das Rennfieber. Viele blättern im Roadbook, rechnen und puzzeln in Vorbereitung auf die Sonderprüfungen, machen sich Notizen oder programmieren die nachgerüsteten Bordcomputer. Dann kommt der Moment, in dem die Motoren angelassen werden und sich der Konvoi in Richtung Altstadt in Bewegung setzt. Die Rennkommissare pappen den offiziellen Aufkleber hinter die Scheibe - und es geht über eine kleine Rampe zum Nacht-Prolog nach Bologna. Für viele beginnt damit ein Traum - für den sie immerhin rund 6000 Euro Teilnahmegebühr gezahlt haben.

Diesmal am Start: Juan Manuel Fangio - der Neffe des Vollgas-Idols

Nicht alle im Fahrerlager sind nervös und angespannt. Viel ruhiger sind die PS-Profis, die am Ende ihrer aktiven Laufbahn von diversen Herstellern immer wieder für derartige Oldie-Events engagiert werden. Formel-1-Veteran Mika Häkkinen ist ebenso Stammgast wie Jochen Maas, Klaus Ludwig oder Bernd Schneider. In diesem Jahr ist zudem ein Fahrer anwesend, dessen Namen noch heute nicht nur in seinem Heimatland Ehrfurcht gebietet: Juan Manuel Fangio. Nein, nicht der argentinische Vollgas-Heroe, der in diesem Jahr 100. Geburtstag feiern würde. Sondern der Neffe des fünfmaligen Formel-1-Weltmeisters, der ebenfalls Rennfahrer ist. Bei der Mille Miglia pilotiert er, gemeinsam mit Mika Häkkinen, einen Mercedes 300 SLR. Fangio sagt: "Ein schöneres und wichtigeres Rennen gibt es für mich nicht."

Mechaniker Michael Plag sitzt derweil im Servicewagen und wartet darauf, sich in den Tross einzuklinken, den Oldtimern zu folgen und wenn es nötig wird mit dem Werkzeug zur Stelle zu sein. Plag weiß, dass der Tag, oder besser die Nacht, sehr lang werden wird. Schon die Fahrer kommen am ersten Etappenziel erst weit nach Mitternacht ins Bett. Für die Mechaniker jedoch beginnt dann erst die Arbeit. Für einen kurzen Moment scheint Plag die Begeisterung für dieses Rennen vergessen zu haben. "Wenn's gut läuft, kriege ich vier Stunden Schlaf pro Nacht. Aber meist müssen zwei genügen."

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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
Wooster 13.05.2011
1. ... R. Atkinson ..
Zitat von sysopDie Gegner schenken sich nichts:*Die Mille Miglia*ist keine zuckelige Oldtimer-Ausfahrt, sondern ein Rennen, obwohl*jeder der*knapp 400 teilnehmenden Wagen vor 1958 gebaut wurde.*Da waren Autos noch rohe, laute und schwer zu bändigende Maschinen - keine rollenden Computer. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,762315,00.html
Und Rowan Atkinson ist dabei, und auch der Don (Alphonso, mit 'nem alten VW!)
plasmopompas 14.05.2011
2. ...
da würde ich auch gern einmal mitfahren. Am liebsten in einem 300 SL gullwing.
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