Milner Air-Car Suppenhuhn im Steigflug

Er war Linienpilot und hatte selbst zwei Airlines. Und auch im Ruhestand lässt James Milner nicht die Finger von der Fliegerei. Im Gegenteil: Weil er jetzt genügend Zeit hat, arbeitet er an einem Flugauto. Bald soll sein Lebenstraum flügge werden.


James Milner hat ein einfaches Motto: "Wenn es einen juckt, dann muss man kratzen." Und es juckt den rüstigen Mittsechziger schon lange. Denn den Traum vom Fliegen lebt er bereits mehr als sein halbes Leben. Nachdem er jahrelang für die US-Fluglinie United im Cockpit saß, selbst Piloten ausgebildet und zwei eigene Airlines gegründet hat, hält ihn auch im Ruhestand nichts am Boden. Und so ringt er im US-Staat Washington mit einem anhaltenden Juckreiz und tüftelt an seinem Lebenswerk – einem Gefährt, das in der Luft ebenso unterwegs ist wie auf der Straße.

Die Idee vom Flugauto ist nicht neu, und manch ein Entwickler hat tatsächlich schon den Boden verlassen. Doch durchsetzen konnten sich diese Zwitter nicht. Ob Milner gelingt, woran seine Erfinder-Kollegen scheiterten, ist ungewiss. Fürs Erste wäre er schon froh, wenn er sein Air-Car überhaupt zum Fliegen brächte. Denn das Vehikel, das jetzt bei der Motor Show in New York vorgestellt wurde, kann bislang lediglich fahren und ist damit von einem Flugzeug so weit entfernt wie ein Suppenhuhn von einem Adler.

Immerhin mangelt es Milner nicht an Zuversicht. "Nächstes Jahr wird ein Prototyp abheben, und in zwei Jahren kann man das Air-Car vielleicht schon kaufen", sagt der Tüftler und prognostiziert einen Preis von 500.000 Dollar. "Soviel kostet auch ein normales Flugzeug mit diesen Leistungsdaten." Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE reklamiert er für sein Konzept allerdings einen entscheidenden Vorteil: Er hat den senkrechten Start aus dem Forderungskatalog gestrichen. So muss man vor dem Abheben zwar weiten Abstand zum Vordermann halten, wenn man aus dem Stau tatsächlich in die Luft entfliehen will. Doch ist die Technik dafür vergleichsweise unkompliziert, weil das Air-Car keine schwenkbaren Turbinen oder Rotoren benötigt.

Stattdessen treiben den Viertürer mit fünf Plätzen zwei Propeller an, die dort befestigt sind, wo andere Autos einen Kofferraumdeckel haben. Sie entwickeln genug Schub für eine Reisegeschwindigkeit von 320 km/h und kommen mit dem Treibstoffvorrat an Bord immerhin 1600 Kilometer weit. Damit die Reise am Flughafen nicht zu Ende ist und keiner auf einen Leihwagen oder ins Taxi umsteigen muss, kann das 800 Kilo leichte Air-Car an Land seine Flügel anlegen wie ein Hase die Ohren.

Die Flügel klappen auf Knopfdruck ein

Weil Milner in die hinteren Tragflächen zwei Scharniere eingebaut hat, klappen sei auf Knopfdruck nach oben und dann in der Mitte wieder zusammen. Auch die kurzen Stummel am Vorderwagen werden auf dem Boden kleiner. Zwar ist das Air-Car dann ein wenig höher als andere Autos. "Doch ist der Wagen nicht länger oder breiter als ein Honda Civic", sagt Milner und beteuert, dass eine Straßenzulassung kein Problem sei. Die Propeller am Heck haben auf der Straße freilich ausgedient. Stattdessen wird das Air-Car im Pkw-Modus von einem Benzinmotor mit 40 PS angetrieben, der 140 km/h ermöglicht.

Weil Milner bei der Arbeit am Air-Car viel Energie in Leichtbau und Stromlinienform investiert hat und dabei der Zauberformel für ein sparsames Auto ein gutes Stück näher gekommen ist, plant der Erfinder ein zweites Projekt mit mehr Bodenhaftung: Schon ein Jahr vor dem Air-Car soll es das Rumpfmodell auch als normales Auto geben. Dabei denkt Milner - ähnlich wie die Ingenieure bei General Motors & Co. - an ein so genanntes Plug-In-Hybrid-Konzept mit Range Extender.

Bei leerer Batterie liefert der Benziner Strom

Im Klartext heißt das: Das Electricar bekommt einen 40 PS starken Elektromotor, der aus Lithium-Ionen-Batterien gespeist wird und eine Geschwindigkeit von ebenfalls 140 km/h ermöglicht. "Dabei reicht eine Akkuladung für zwei Stunden oder 120 Meilen", rechnet Milner vor. Danach muss das Electricar für drei Stunden an die Steckdose. "Für 95 Prozent der Alltagsfahrten sollte der Aktionsradius im Elektrobetrieb reichen", erwartet der Erfinder.

Wer weiter fahren möchte, startet den eingebauten Benziner. Der Motor hat zwar nur 125 Kubikzentimeter und 15 PS. Doch reicht das für den Antrieb eines Generators, der aus einer Tankfüllung Sprit den Strom für weitere 1000 Meilen macht. "Sparsamer kann man kaum fahren", sagt Milner und argumentiert in der gleichen Tonlage wie GM-Chefentwickler Bob Lutz, wenn es um den Prototypen Chevrolet Volt geht. Doch während Lutz hinter Aussagen zu Preis und Marktstart noch viele Fragezeichen macht, wird der Luftfahrt-Rentner konkreter: Schon im nächsten Jahr soll das Auto auf den Markt kommen, und nicht mehr als 40.000 Dollar kosten. Wenn bis dahin die Akkus billiger werden, will Milner den Preis sogar noch senken. Da kann man nur hoffen, dass er bis dahin keine Bruchlandung fabriziert.



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