Mini Countryman Landluft macht moppelig

Hier kommt der Maxi-Mini: Mit dem Countryman erweitert die BMW-Tochter ihr Angebot um ein viertüriges Modell mit Querfeldein-Optik. Das recht wuchtige Lifestyle-Wägelchen hat mit dem namensgebenden kleinen Stadflitzer nicht mehr allzu viel gemein. Ob das funktioniert?

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Der Passant stutzt, guckt. Guckt noch einmal. "Das ist jetzt aber kein Mini, oder?" Aber ja doch: Dieser Viertürer hat die typische Mini-Silhouette und das unverwechselbare Retro-Innenraumdesign. Nur ist er etwas stämmiger geraten als seine kleinen Brüder Mini One und Mini Clubman. Exakt 4,11 Meter misst der Wagen - das ist eher Maxi denn Mini.

Der 2001 reanimierte Cityflitzer Mini ist eine Goldgrube für BMW, er gilt als das erfolgreichste Lifestyle-Automobil der jüngeren Automobilgeschichte. Allerdings hatte er aufgrund seiner zierlichen Gestalt stets zwei Mankos: Auf den Rücksitzen geht es eng zu. Und hinten passt nichts rein.

Das Laderaumproblem kann man seit 2008 lösen, indem man statt des normalen Mini die Variante Clubman (der mit den Lieferwagentüren) ordert. Das Defizit, dass im Fond höchstens Hobbits kommod sitzen können, soll nun der Countryman ausräumen.

Tadelloses Fahrverhalten, gewöhnungsbedürftige Optik

Was die Abmessungen angeht, entspricht der Countryman fast einem Golf. Der Innenraum ist aber cleverer konzipiert als der des Wolfsburgers. Selbst mit einem langbeinigen Fahrer vor der Nase sitzt es sich im Countryman hinten äußerst bequem. Auch der Kofferraum, beim normalen Mini auf vier Becher Magermilchyoghurt und ein Gucci-Täschchen ausgelegt, ist beim Countryman recht üppig. 350 Liter - auch das sind Golf-Dimensionen.

Am Fahrverhalten ist wenig auszusetzen. Die Lenkung könnte etwas präziser sein. Der Countryman hat eine Start-Stopp-Automatik sowie weitere Spritspar-Technologien an Bord und weist etwa in der Kraftmeier-Variante Cooper S (184 PS) einen Normverbrauch von 6,1 Litern auf.

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Goodwood Revival Festival: 50 Jahre Mini
Das wäre okay. Auf unserer Testfahrt lag der Verbrauch jedoch im Schnitt bei unrühmlichen 8,4 Litern - woran auch die Klimaanlage schuld gewesen sein mag, die verzweifelt gegen die Bullenhitze ankämpfte.

Ansonsten bewegt sich der moppelige Landmann sehr ordentlich, ob auf der Autobahn oder im Stadtverkehr - wo der Wagen wohl meist unterwegs sein wird. Warum aber heißt ein Stadtauto für Lifestyle-Kunden dann Countryman? Und nicht etwa Cityboy?

Automobile Entsprechung von "Landlust"

Zwei Deutungen sind denkbar. Zum einen ist der Wagen wohl eine Reminiszenz an den Austin Mini Countryman, der von 1961 bis 1969 produziert wurde. Auch bei dem handelte es sich um eine Art XL-Version des Mini. Der britische Hersteller streckte den Countryman-Radstand damals gegenüber der Kurzversion - von 2,04 auf raumgreifende 2,14 Meter.

Die zweite Deutung wäre, dass mit der Rustikaloptik die Sehnsucht der verstädterten Mini-Kundschaft nach etwas Landluft bedient werden soll. In der Medienbranche kennt man das Phänomen: Dort reüssiert seit einiger Zeit ein Hochglanzmagazin namens "Landlust", das mit Reportagen über Terracotta-Töpfe oder die Renovierung verfallener Bauernhöfe eine Auflage von über 700.000 Heften erzielt.

Die "Landlust"-Leserschaft rekrutiert sich vor allem aus Stadtmenschen, von denen die meisten noch nie auf einem Bauernhof waren, geschweige denn einen besitzen. Vielleicht ist es mit dem Countryman ähnlich. Man fährt mit ihm nicht aufs Land, aber man könnte. Wer tatsächlich auf die Schotterpiste will, kann übrigens gegen Aufpreis die Allradvariante ALL4 ordern.

Dicke tragen keine Karos

Das beste an den SUV-Genen, die BMW dem Countryman eingepflanzt hat, ist die erhöhte Sitzposition, die dem Fahrer erfreulich viel Übersicht verschafft. Auch an den Allradantrieb kann man sich schnell gewöhnen.

Am Design hingegen scheiden sich die Geister. Viele Details, die beim kleinen Mini verspielt und spritzig rüberkommen, wirken bei dem rund 30 Zentimeter längeren und 15 Zentimeter höheren Countryman deplatziert. Vor allem der wuchtige, steil abfallende Kühlergrill ist nicht gerade very British. Eher very American, denn sie erinnert an einen Dodge Ram.

Am Ende unserer Ausfahrt treffen wir während der Parkplatzsuche in der Hamburger Innenstadt auf einen alten englischen Mini in Racing Green. Stehen die beiden Autos nebeneinander, wirkt der Countryman noch größer, als er ohnehin schon ist - wie ein Audi Q7 neben einem Polo.

Wir probieren einen kleine Zaubertrick und parken unseren Countryman in der zweiten Reihe, direkt vor dem Austin. Und tatsächlich: Wenn man von der Seite schaut, verschwindet der Oldtimer-Mini komplett hinter der Silhouette des pummeligen Landmanns.

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insgesamt 17 Beiträge
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sternenfan 15.07.2010
1. Alte Mini 2 Meter lang?
Redakteure aufgepasst! Der alter Mini hatte höchstens einen Radstand von 2,13 Meter. Der alte Mini war jedoch bis zu 3,40 Meter lang. Dafür bot er aber doppelt so viel Fahrspaß wie die aktuellen Pseudo-Retro-Plastik-Hightec-Lifestyle-Gefährte. Ob höher, breiter, schneller und lifestyliger. Es kann halt nur einen Mini geben – den alten und echten.
Hercules Rockefeller, 15.07.2010
2. Gefällt nicht
Mir gefällt er nicht. Ich sehe auch nicht so recht den Unterschied zum Clubman. Wer einen "richtigen" Kombi braucht, hat in der Preisklasse vielfache Auswahl an ausgereiften und schicken Modellen. Spricht mich überhaupt nicht an, weder vom Design, noch von den Funktionen. Ich denke jedenfalls, dass sich das Modell nicht gut verkaufen wird, aber man muss es sich vielleicht einfach mal in natura anschauen, um den richtigen Eindruck zu gewinnen.
prophet46 15.07.2010
3. Bandscheibenkiller
Zitat von sternenfanRedakteure aufgepasst! Der alter Mini hatte höchstens einen Radstand von 2,13 Meter. Der alte Mini war jedoch bis zu 3,40 Meter lang. Dafür bot er aber doppelt so viel Fahrspaß wie die aktuellen Pseudo-Retro-Plastik-Hightec-Lifestyle-Gefährte. Ob höher, breiter, schneller und lifestyliger. Es kann halt nur einen Mini geben – den alten und echten.
Ich kenne den alten und den neuen Mini. Der neue ist dem alten haushoch überlegen. British Elend gegen BMW Hightec. Der alte war weder vollgasfest, mehr als 100 km war auf Dauer nicht drin, der Crashschutz war gleich Null, der Komfort lausig. Es war ein Bandscheibenkiller. Ich wollte ihn nicht mehr geschenkt. Klar, das technische Konzept ist 60 Jahre alt, da kann man nicht mehr viel erwarten. Aber ihn heutzutage noch in den Himmel zu loben bedarf schon einer gewissen masochistischen Veranlagung.
sternenfan 15.07.2010
4. Eine Frage des Stils und der Zuneigung…
Zitat von prophet46Ich kenne den alten und den neuen Mini. Der neue ist dem alten haushoch überlegen. British Elend gegen BMW Hightec. Der alte war weder vollgasfest, mehr als 100 km war auf Dauer nicht drin, der Crashschutz war gleich Null, der Komfort lausig. Es war ein Bandscheibenkiller. Ich wollte ihn nicht mehr geschenkt. Klar, das technische Konzept ist 60 Jahre alt, da kann man nicht mehr viel erwarten. Aber ihn heutzutage noch in den Himmel zu loben bedarf schon einer gewissen masochistischen Veranlagung.
Sicher ist der neue Mini ein Auto von heute, ABS, Klima, ESP usw. Ein Auto wie viele andere auch. Wer einen Alltagswagen sucht, soll ihn kaufen. Aber ihn ständig mit dem alten zu vergleichen. Warum, nur weil die Scheinwerfer rund sind und der Tacho in der Mitte sitzt? Mein Cooper hatte rund 80 PS durch Auspuff, Nockenwelle, Luftfilter usw. Das ganze Gefährt wog um die 800 kg und es machte einfach Spaß durch enge Kurven und Bergstraßen zu fahren. Ein scharfer Cooper ist auch nichts für 6 Stunden Vollgas Autobahn und den Familienurlaub. Er war aber immer ein Auto, dass nur wenigen vorbehalten war. Und alle die einen fuhren, und ich kenne viele, bekommen noch heute glänzende Augen beim Sound des Motors und dem Duft des Öls. Und wenn einer einen verschenken möchte… nur her damit. Zuverlässig waren sie schon. Alte Minis brauchen halt Pflege. With TLC, (Tender Lovin Care) they live longer – Alte Weisheit eines alten Minifahrers.
wakaba 15.07.2010
5. Cooper guut
Zitat von sternenfanSicher ist der neue Mini ein Auto von heute, ABS, Klima, ESP usw. Ein Auto wie viele andere auch. Wer einen Alltagswagen sucht, soll ihn kaufen. Aber ihn ständig mit dem alten zu vergleichen. Warum, nur weil die Scheinwerfer rund sind und der Tacho in der Mitte sitzt? Mein Cooper hatte rund 80 PS durch Auspuff, Nockenwelle, Luftfilter usw. Das ganze Gefährt wog um die 800 kg und es machte einfach Spaß durch enge Kurven und Bergstraßen zu fahren. Ein scharfer Cooper ist auch nichts für 6 Stunden Vollgas Autobahn und den Familienurlaub. Er war aber immer ein Auto, dass nur wenigen vorbehalten war. Und alle die einen fuhren, und ich kenne viele, bekommen noch heute glänzende Augen beim Sound des Motors und dem Duft des Öls. Und wenn einer einen verschenken möchte… nur her damit. Zuverlässig waren sie schon. Alte Minis brauchen halt Pflege. With TLC, (Tender Lovin Care) they live longer – Alte Weisheit eines alten Minifahrers.
Meine Kusine hatte einen mit Goldflakelack. Der Mini konnte was. 70-80 PS ware ausreichend um Porsches über die kurvigen Landstrassen zu jagen. Wenn fett sein Kult ist dann hat der "Maxi" von BMW sicher seine Berechtigung. Nur Mini solltens das Dickschiff nicht nennen.
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