Moskau Motorshow Wie im Goldrausch

Motorshow in Moskau? Bis vor wenigen Jahren hätte man darüber noch gelächelt. Doch in diesem Jahr dürften in Russland erstmals mehr Neuwagen verkauft werden als in Deutschland. Deshalb ist es kein Wunder, dass die Messe zur Pflichtübung wird – Weltpremieren inklusive.

Aus Moskau berichtet


Es wird enger im Messekalender der Autoindustrie. Denn immer mehr regionale Motorshows drängen in die erste Reihe. Ganz vorne unter den Aufsteigern liegt die Messe in Moskau – schließlich ist Russland auf dem Weg zum größten Automarkt in Europa und der PS-Gipfel im tiefen Osten bald vielleicht wichtiger als die IAA in Frankfurt oder der Autosalon in Paris.

Ganz so weit ist es noch nicht. Während die Ausstellung bis vor wenigen Jahren den Charakter eines postkommunistischen Trauerspiels besaß, mit Lada & Co. in den Hauptrollen, ist die Stimmung jetzt heiter, ausgelassen und von ungeheurem Optimismus geprägt. "Die Industrie ist wie im Goldrausch", sagt Mazda-Chef James Muir mit Blick auf die zweistelligen Zuwachsraten, die Russland seit Jahren meldet und die nach Einschätzung von Marktforschern auch noch in den nächsten zehn Jahren zu erwarten sind.

Statt angegilbter Modelle stehen in den neuen Messehallen fast nur noch wirkliche Novitäten – darunter sogar einige Weltpremieren. Mazda zum Beispiel hat in der russischen Hauptstadt die Studie Kazamai enthüllt, die mit einer spektakulären Sneak Preview schon vorab gefeiert wurde. Dafür durfte die Marke in den Ballsaal der Moskauer Militärakademie einrücken, wo dann Tänzerinnen auftraten und außerdem noch einen erstaunlicher Chor der Roten Armee, der tags darauf auch die Premiere auf dem Messestand musikalisch begleitete.

Die Mazda-Studie Kazamai soll Realität werden

Zwar ist die Studie nur ein Modell aus Ton ohne Innenleben, doch für Mazda ist der Wagen doppelt wichtig. Denn zum einen gilt er als Vision für eine kleineres Fahrzeug nach Art des kompakten Geländewagens CX-7. Zum anderen rücke diese Studie das von Formen aus der Natur inspirierte Design wieder ein Stückchen näher an die Wirklichkeit, sagt Designchef Laurens van den Acker. Jörg Schreiber, Mazda-Chef in Russland, wird sogar konkret: "Ja, dieses Auto werden wir auch auf der Straße sehen."

Während bis dahin noch mindestens zwei Jahre vergehen werden, rollen die anderen Weltpremieren der Messe schneller an den Start: So zeigt Audi den gelifteten A6 und die Limousine des RS6, die man hierzulande beide schon in wenigen Wochen wird kaufen können. Lexus kommt der russischen Oberschicht für den nächsten Winter entgegen, und zwar mit einer Allradversion des Flaggschiffs LS; und BMW reagiert auf die zunehmende Gewaltbereitschaft auf den Straßen. In Moskau zeigen die Bayern erstmals den neuen X5 als Panzerwagen, mit dem SPIEGEL ONLINE bereits auf Erprobungsfahrt war.

VW mit laschen Zahlen auf dem russischen Markt

Mercedes baut auch in Moskau auf den kompakten Allradler GLK, Opel enthüllt ein weiteres Mal das Mittelklassemodell Insignia, und Ford sonnt sich mit dem vor Ort produzierten Focus und dem Debüt des Fiesta in der Rolle des Marktführers unter den Importmarken. Nur VW tritt in Russland ungewöhnlich bescheiden auf. Überall sonst auf der Welt rangieren die Niedersachsen weit vorn in den Zulassungsstatistiken, doch den russischen Markt müssen sie von hinten aufrollen. Gelingen soll das mit den Geländewagen. Der Touareg verkauft sich in Russland besser als der Golf, und nun geht auch der kleinere Tiguan an den Start, der übrigens im neuen Werk vor den Toren der russischen Hauptstadt produziert wird.

Anders als im Rest Europas sind es allerdings nicht nur die kleinen Kraxler, die in Moskau im Rampenlicht stehen. Auf einer Messe, auf der grüne Themen quasi keine Rolle spielen und wo angesichts von Benzinpreisen zwischen umgerechnet 60 und 70 Cent pro Liter nicht über den Verbrauch diskutiert wird, können die SUVs kaum groß genug sein. Hummer, Escalade, Range Rover, Infinti und Land Cruiser sind schon lange da, und immer mehr asiatische Typen folgen: Mazda holt den riesigen CX9 aus den USA nach Russland, Kia versucht es mit dem Siebensitzer Mohave (in den USA heißt das Auto Borego), Hyundai bietet den US-Giganten Veracruz als iX55 an, und Mitsubishi macht den Pickup L200 mit einer geschlossenen Karosserie und sieben Sitzen kurzerhand zum Pajero Sport.

Stufenheck-Clio Renault Symbol feiert Weltpremiere

Renault wiederum enthüllte als Weltpremiere in Moskau das Modell Symbol, einen Clio mit Stufenheckkarosserie. Und dann tummeln sich auf der Motorshow in Moskau noch ein gutes Dutzend chinesischer Marken, die als ersten Schritt auf dem Weg nach Europa den russischen Markt erobern wollen und sich in Moskau mit einem wirren PS-Panoptikum präsentieren. Miserabel zusammengedengelte Pickups, wacklige Geländewagen, windschiefe Cityflitzer, und jede Menge Designelemente, die verdächtig bekannt aussehen.

Angesichts dieser offenkundigen Billigware können selbst die russischen Hersteller noch hoffen – selbst wenn sie sich nicht wie die Firma Kombat die Nische der Panzerlimousinen oder das Projekt Z, also den Markt der Extrem-Offroader ausgesucht haben. Denn was chinesische Marken wie Geely, Cherry oder Build Your Dream in Moskau zeigen, das haben auch Lada, UAZ oder Wolga drauf – vor allem, wenn sie mit etablierten Herstellen kooperieren und etwa den Chrysler Sebring kurzerhand zum Wolga Sibir umbauen dürfen.



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