Motorrad-Studie Unfälle passieren oft aus Unerfahrenheit

Die Frühlingssonne lockt die Biker wieder auf die Straßen, und gerade zu Beginn der Saison passieren viele Unfälle mit motorisierten Zweirädern. Eine Studie hat die Ursachen untersucht - besonders Roller-Fahrer achten nicht auf ihre Sicherheit.


Saarbrücken/Essen  - Seit Generationen müssen sich Motorradfahrer mit dem Image herumschlagen, dass sie gern mit überhöhter Geschwindigkeit unterwegs seien. Über schwere Unfälle sollten sie sich deshalb nicht wundern, heißt es dann auch oft. Vergessen wird dabei, dass ein Großteil der Unfälle in Städten bei geringem Tempo geschieht. Jetzt haben Experten sich in einer Pilotstudie die Unfälle mit motorisierten Zweirädern einmal genauer angeschaut. Zu ihren Entdeckungen gehört dabei, dass mancher Unfall vor allem auf Unerfahrenheit zurückzuführen ist. Junge Roller-Fahrer wären zudem besser beraten, wenn sie an ihren Gefährten nicht herumbasteln - und ein ABS könnte für viele Fahrer die Rettung sein.

Gefährdete Motorradfahrer: Viele der über 35-Jährigen haben wenig Fahrpraxis 
GMS

Gefährdete Motorradfahrer: Viele der über 35-Jährigen haben wenig Fahrpraxis 

"Unfallforschungsprojekt 2005 Motorisierte Zweiradunfälle" lautet der Titel der Untersuchung im Saarland. Dort wurden unter der Leitung der Landespolizeidirektion über die Saison hinweg mehr als 200 Unfälle unter die Lupe genommen. Sinn war es, möglichst viele Daten zu sammeln, um Ansatzpunkte für die Reduzierung der Unfallzahlen und auch die Minimierung der Unfallfolgen zu erhalten. Beteiligt an der Untersuchung waren das Institut für Rechtsmedizin an der Universität des Saarlandes sowie Unfallforscher.

Obwohl es sich bei der Pilotstudie lediglich um einen ersten Schritt handelte, konnte manche wichtige Erkenntnis gewonnen werden - etwa die, dass gerade Rollerfahrer nicht wirklich auf ihre Sicherheit achten. Das gilt sowohl für Jugendliche als auch für ältere Fahrer größerer Roller. "90 Prozent der Verletzungen hätten durch geeignete Schutzkleidung vermieden werden können", berichtet der an der Studie beteiligte Unfallforscher Johannes Priester aus Saarbrücken.

 Roller mindestens so gefährlich wie Motorrad

Das Problem ist Fachleuten nur zu bekannt - bisher ließ sich aber wenig daran ändern. "Während Schutzkleidung auf dem Motorrad heute durchweg akzeptiert ist, herrscht bei Rollerfahrern eine andere Mentalität", sagt Ruprecht Müller vom ADAC-Technikzentrum in Landsberg (Bayern). Die Roller-Klientel meine, durch niedrigere Geschwindigkeiten kein hohes Risiko einzugehen. "Man sieht die Fahrer vielfach mit Turnschuhen und Jeans. Tatsächlich ist aber ein Roller mindestens so gefährlich wie ein Motorrad", warnt Müller.

Das hat auch die Gesellschaft für technische Überwachung (GTÜ) in Stuttgart bei Crashtests festgestellt: "Bei einem Motorrad wirkt der Tank wie ein Katapult", erklärt GTÜ-Verkehrsexperte Hermann Schenk. Der Fahrer wird also über das Hindernis geschleudert und verletzt sich nicht schon an Teilen des eigenen Fahrzeugs. "Beim Roller prallt er dagegen auch gegen die Verkleidung."

Gerade bei den von Jugendlichen bewegten kleinen Rollern kommt noch ein weiteres Problem hinzu: "Bei 15 Prozent der untersuchten Rollerunfälle konnte die Ursache auf technische Veränderungen und technische Mängel zurückgeführt werden", sagt Priester. Bei weiteren 20 Prozent gibt es zumindest entsprechende Vermutungen. Hermann Schenk wundert das nicht: "Es gibt in diesem Bereich gleich zwei Extreme. Zum einen haben wir einen überdurchschnittlichen Anteil unzulässig getunter Fahrzeuge. Zusätzlich sind auch die nicht veränderten Fahrzeuge teils in einem schlechten technischen Zustand."

Insgesamt sorgen gerade die jungen Rollerfahrer dafür, dass unter 18-Jährige besonders häufig in Unfälle verwickelt sind. Die zweite große Gruppe der Beteiligten ist dagegen deutlich älter - es sind die 35- bis 54-Jährigen. "Gerade die über 35-Jährigen haben häufig eine geringe Fahrpraxis im Zweiradbereich", erklärt Matthias Haasper vom Institut für Zweiradsicherheit (ifz) in Essen. Schließlich finden sich in diesem Altersbereich verstärkt so genannte Wiedereinsteiger.

20 Prozent der Unfälle durch ABS vermeidbar

Denn viele der "älteren" Motorradfahrer haben zwar in ihrer Jugend mal eine solche Maschine bewegt, sind dann aber - unter anderem aus familiären Gründen - auf das Auto umgestiegen. Nun wollen sie sich ihren Zweiradtraum doch noch erfüllen, vertrauen dabei aber auf ihre Kenntnisse von einst. "Wir empfehlen daher auf jeden Fall Sicherheitstrainings zu absolvieren", rät Haasper. Dort werden die nötigen Kenntnisse in der Praxis neu vermittelt.

Die Studie zeigt aber auch, wie wichtig technischer Fortschritt bei Motorrädern ist. "Rund 20 Prozent der untersuchten Unfälle wären durch ein ABS vermeidbar gewesen", sagt Johannes Priester. Wobei laut Matthias Haasper auch hier gilt, dass Übung notwendig ist: "ABS ist kein Allheilmittel, der Umgang damit muss erlernt werden." Vielfach wird aus Angst vor blockierenden Rädern eher zaghaft gebremst - das ABS zeigt sein wahres Können aber nur, wenn stark gebremst wird.

Um noch genauere Kenntnisse über Zweiradunfälle zu gewinnen, soll die Untersuchung fortgesetzt werden. Und auch das ifz möchte mehr wissen: Dort wird nun laut Haasper eine eigene Studie vorgenommen, mit der man erfahren will, wie hoch eigentlich das Risikobewusstsein der Motorradfahrer ist. Ergebnisse sollen in Oktober 2006 vorliegen.

Von Heiko Haupt, gms



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