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11. November 2014, 09:38 Uhr

Trend zum Supersportler bei Motorrädern

Kein Grip, kein Grips

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Die Motorradhersteller gehen in die PS-Offensive und bringen Maschinen mit immer mehr Leistung auf den Markt. Doch am Ende nützt das Wettrüsten niemandem.

Was ist denn da los? Die Motorradhersteller rüsten auf, als gäbe es kein Morgen mehr. BMW hat auf der Intermot-Messe im Oktober vorlegt: Die S 1000 RR leistet im 2015er Modelljahr 199 PS bei einem Trockengewicht von knapp über 200 Kilogramm. Ducati hat sich bei der jüngst zu Ende gegangenen Eicma in Mailand für die 1299 Panigale mit 205 PS und 166,5 Kilo Trockengewicht feiern lassen. Aprilia knackt mit seiner RSV4 RR ebenfalls die 200 PS-Marke. Mehr als 200 PS - das war bisher ein Tabu.

Doch die ruhigen Jahre sind nun offenbar vorbei. Die Motorradhersteller verfallen in ein PS-Wettrüsten. Dabei sind die Verkaufszahlen in diesem Segment marginal, die Rendite tendiert gegen Null. Es geht den Herstellern um die Ehre, um eine Demonstration des Machbaren.

Da wollen auch die japanischen Hersteller nicht hinten anstehen. Auf der Eicma setzte Yamaha Altmeister Valentino Rossi auf die neue YZF R1, eine weitere elektronisch gesteuerte Boden-Boden-Rakete, die ebenfalls locker über die bisherige 200 PS-Schamgrenze springt.

Die Supersportler überfordern den normalen Motorradfahrer

Honda hatte aus Spanien den amtierenden Weltmeister Marc Marquez eingeflogen, damit er die RC213V-S, eine kraftstrotzende, aber straßenzugelassene Replika seiner MotoGP-Maschine, auf die Bühne pilotierte. Kawasaki vermeldet gar 300 PS für seine Kompressor befeuerte Spitzenkraft, die Rennmaschine H2R. Deren zahme Straßenversion Ninja H2 wiegt zwar 240 Kilogramm, für Supersportler ein Betongewicht, aber auch sie leistet mehr als 200 PS.

Doch die PS-Aufrüstung stellt die Hersteller vor massive Probleme: Ohne elektronische Hilfs- und Bremssysteme bringen die Asphalt-Granaten ihre Besitzer geradewegs um. Der durchschnittliche Motorradfahrer ist von der schieren Potenz der aktuellen Modelle bei Weitem überfordert, gäbe es nicht Traktions- und Rutschkontrolle, die das plötzliche Abschmieren verhindern, dazu Kurven-ABS und Wheelie-Begrenzung, die das Abheben des Vorderrads über einen bestimmten Winkel hinaus verhindert, schlaue und aktive elektronische Fahrwerke gehören inzwischen zur nötigen Mindestausstattung.

Das macht die Fahrzeuge sicherer, aber auch teurer, und inzwischen sieht es so aus, als ob das Ende der Fahnenstange in Sachen Preis längst erreicht ist: 20.000 Euro sind für einen gepimpten Supersportler schnell ausgegeben; für eine Kawasaki H2R werden wohl über 50.000 Euro verlangt werden. Für den Kunden ergibt die neue Generation von Straßensuperbikes fahrerisch, für den Hersteller ökonomisch keinen Sinn mehr.

Die Reiseklasse als Rettungsanker

In den vergangenen vier Jahren hat der Markt für rollende Großsportler extrem geschwächelt; außer der BMW S 1000 RR hat es kein Modell in die Top 10 der Zulassungsstatistik geschafft. Das Gros der Kunden kauft praktisch, träumt vom Verkaufsschlager R 1200 GS, und regelt mental bei einem Verkaufspreis von über 12.000 Euro automatisch ab. Deshalb beschleicht manchen Firmenvertreter angesichts der PS-Kriege das dumpfe Gefühl: Es könnte die letzte Schlacht der Supersportler sein.

Mehr Hoffnung setzen die Marketingstrategen zur Zeit in die Modelle, die vor einigen Jahren noch als Groß- oder Reiseenduros galten, inzwischen Sporttourer heißen und sich wie geschnitten Brot verkaufen.

Sporttouring passt auch viel besser zu der zahlungskräftigen, sprich älteren Kundschaft, bei der es inzwischen schon am Rücken zwickt: Die neue Ducati Multistrada, die BMW S 1000 XR haben beide ergonomisch viel zu bieten, fahren sich entspannt über lange Distanzen und decken zusammen mit der großen KTM Super Adventure mit jeweils 160 PS und Vollausstattung im kommenden Jahr das Premium-Angebot ab.

Der Tourer-Fahrer ist eine treue Seele

Eine Klasse tiefer um die 100 PS hat die neue KTM 1050 Adventure das Zeug, neuer Marktführer zu werden; gerade weil sie es mit ABS und 95 PS verkraften kann, im Elektroniksupermarkt Verzicht zu üben. Spannend wird auch, welchen Marktanteil sich gutgehende und günstige Straßenmaschinen wie die Yamaha MT-09 in der neuen Sporttourer-Version "Tracer" von den Softenduros wie der BMW F 800 GS oder den runderneuerten Triumph Tiger 800 XC und XR erobern werden.

Langfristig könnten sich die attraktiven Sporttourer zur wirtschaftlichen Katastrophe entwickeln. Während in der Vergangenheit der Supersportler-Fan regelmäßig Geld in die Hand genommen und seine Maschine alle zwei oder drei Jahre mit dem neuen Modell durchgetauscht hat, ist der Tourer eine treue Seele. Er behält sein Baby länger. Statistisch gesehen sehr lange. Aus der ökonomischen Perspektive der Hersteller: viel zu lange.

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