Mountainbike Möve Henry im Test Das Kraftei

Mit einem ovalen Kettenblatt stattet Möve Bikes aus Thüringen sein Mountainbike Henry aus - und verspricht 30 Prozent mehr Drehmoment. Unser Autor hat den seltsamen Antrieb getestet.

Stefan Weißenborn

Der erste Eindruck: Mann, fährt sich das eierig! Und das soll was bringen?

Das sagt der Hersteller: "Wir haben die Tretkurbel an die Biomechanik des Menschen angepasst", meint Marcus Rochlitzer, einer der Gründer von Möve Bikes. Die Kurbel soll besonders viel Trittkraft genau dann übertragen, wenn der Mensch sie am besten einbringen kann. Mit dem Ergebnis, dass der Fahrer mit demselben Aufwand schneller auf Touren kommt als mit einem herkömmlichen Rad.

Diese Theorie will zunächst kaum einleuchten angesichts des unrunden, scheinbar wenig ergonomischen Fahrgefühls, das der Cyfly-Antrieb erzeugt. Doch was ungewohnt ist, muss nicht schlecht sein.

Man habe beim Antrieb ein neues Technologiekapitel aufgeschlagen, sagt Rochlitzer. Herzstück ist die sogenannte Cyfly-Einheit, die das Kugeltretlager ersetzt. Sie besteht aus ovalem Kettenblatt, Planetengetriebe und Kurbeln, die versetzt zur Tretwelle angebracht sind. Die Idee mit dem ovalen Kettenblatt ist nicht ganz taufrisch. "Das gab es schon in den Zwanzigerjahren", sagt Rochlitzer. Die Kombination mit der um die Achse pendelnden Kurbel sei aber neu.

Die Antriebseinheit im Henry bedient sich mehrerer mechanischer Tricks, damit der Tritt in die Pedale so effizient wie möglich in Vortrieb umgewandelt wird. Unterm Strich soll das so viel Drehmoment zusätzlich bringen wie die unterste Fahrstufe eines E-Motors am Pedelec, sagt Rochlitzer. In dem Moment, in dem der Radler voll in die Pedale tritt, greife der Antrieb 30 Prozent mehr Drehmoment ab.

Cyfly-Antrieb mit ovalem Kettenblatt
Stefan Weißenborn

Cyfly-Antrieb mit ovalem Kettenblatt

Genau dann spielt der Kurbelarm seine bessere Hebelwirkung aus. Die hat er, weil er versetzt angebracht ist und die Kraft auf den längeren Durchmesser des ovalen Kettenblatts trifft. Der Effekt: Die zurückgelegte Strecke bei einer Tretkurbelumdrehung vergrößert sich, wie bei einem schwereren Gang. Fahrradexperten sprechen von größerer Entfaltung.

In den oberen und unteren Totpunkten, wenn die Kurbel also senkrecht steht, gibt es kaum etwas zu holen. Deswegen trifft die Kurbel in ihrer ovalen Laufbahn dann auf einen geringen Kettenblattdurchmesser - was einem kleineren Gang entspricht. Zusammengefasst: Wenn die Tretkraft am besten wirkt, wird dies durch einen längeren Pedalhebel unterstützt. "Anstiege sind dadurch leichter zu bewältigen", sagt Rochlitzer.

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Möve Henry: Der Trick mit dem ovalen Kettenblatt

Das ist uns aufgefallen: Ja, wir merken was. Es eiert. Vor allem auf den ersten Metern läuft es zwischen den Knöcheln unrund - wortwörtlich. Erst geht es schneller, dann dreht sich die Kurbel scheinbar langsamer, dann rotieren die Pedale wieder schneller und so weiter. Der Fahrer will sich einfach nur daran gewöhnen und denkt gar nicht an die physikalischen Vorteile dieses Mechanismus.

Doch das ändert sich mit den gefahrenen Metern. Das eierige Gefühl verschwindet zusehends. Der Antritt gelingt flotter, der Anstieg am Berg fällt leichter. Der mechanische Effizienzgewinn macht die knapp zwei Kilo Mehrgewicht durch den Antrieb mehr als wett. Das schmerzt nur, wenn man das 12,5-Kilo-Rad mal schultert.

Oval pedalierend rollen wir eine Straße entlang, vorbei an einer Gruppe junger Männer. Sie drehen sich nach dem Henry um. Obwohl es als Mountainbike mit Federgabel aber ohne Rahmendämpfer recht aufgeräumt konzipiert ist, sieht es doch ungewöhnlich aus. Dazu tragen die großen 29er-Laufräder bei, die ihm Laufruhe verleihen, aber auch der Antrieb. Man könnte das Henry auf den ersten Blick für ein E-Bike halten, denn das verkapselte Planetengetriebe sieht ein bisschen aus wie ein Mittelmotor und sitzt an dessen typischer Position.

Bergan macht das Modell Henry auch ohne E-Power eine gute Figur. Dafür hat der Hersteller den Cyfly-Antrieb zuletzt etwas verändert. Das ovale Kettenblatt hat nur noch 42 statt vorher 46 Zähne. Das reduziert die Übersetzung in allen Gängen leicht. Die zwölf Ritzel der geschmeidigen Sram-Kettenschaltung bieten eine gute Bandbreite, trotzdem liegen die Gänge angenehm nah beieinander. Vorn gibt es nur das eine Kettenblatt, mehrere Blätter ließen sich beim Cyfly-Antrieb nur mit hohem technischen Aufwand realisieren. Möve sieht keinen Nachteil - der Trend gehe bei Mountainbikes ohnehin zum Einfachantrieb.

Das muss man wissen: Die junge Manufaktur aus dem thüringischen Mühlhausen schreibt eine alte Tradition fort. Möve ist eine der ältesten Fahrradmarken Deutschlands, die allerdings in der DDR abgewickelt wurde.

Heute spricht das Unternehmen eine zahlungskräftige Kundschaft an. Für die knapp 4000 Euro, die Möve für das Henry (ohne Pedale) aufruft, gibt es auch ordentliche E-Mountainbikes. Andererseits kostet manches vergleichbare MTB ohne Motor nicht weniger. Um Kunden von dem neuartigen Antrieb zu überzeugen, können diese das Bike bis zu 14 Tage vorab testen - und die dafür fälligen 99 Euro später auf den Kaufpreis anrechnen lassen.

Fürs Geld bekommen Käufer ein Rad aus hochwertigen Komponenten. Das ist mit Blick auf den Antrieb auch geboten. Denn aufgrund des höheren Drehmoments verschleißen Kette und Kettenblatt schneller.

Wie die offenliegende Mechanik benötigt auch das Planetengetriebe Pflege. Die Zahnräder rotieren in einem Synthetiköl, das jährlich gewechselt werden sollte. Dazu muss der Kunde einen Fachhändler aufsuchen - oder besonders versiert sein. Auf den Cyfly-Antrieb wie auf den Rahmen gibt Möve fünf Jahre Garantie.

Das wird und in Erinnerung bleiben: Alles Gewöhnungssache - man muss nur lange genug mit dem Henry unterwegs sein, dann fühlt sich das Eirige als runde Sache an, die optimierte Kraftausbeute ist nicht nur blanke Theorie, sondern wirklich spürbar.



insgesamt 63 Beiträge
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suedniedersachse 14.05.2019
1. Ach kommt:
10.000 Euro gehen auch für das tolle Fahrrad. Oder 15.000 Euro ;-)
yeahbabiiee 14.05.2019
2.
Kann sich noch jemand an die Biopace Kettenblätter von Shimano erinnern? Ich glaube das war in den 80ern. Die sahen fast genauso aus.
verd8 14.05.2019
3. Neuheit?
Das "Ei" an der vorderen Kurbel gibt's schon seit 30 Jahren. Damals hieß es "Kettler Biopace".
Thagdal 14.05.2019
4. BioPace
Habe auch noch ein Rennrad mit BioPace aus den 90ern. Das hat sich damals auch nicht so recht durchgesetzt. Die variable Trittgeschwindigkeit empfinde ich immer noch als gewöhnungsbedürftig. Das dürfte bei dieser Mechanik auch nicht anders sein.
s.l.bln 14.05.2019
5. Kalter Kaffee
Sowas gabs früher von Shimano in weniger extremer Form. Das nannte sich Biopace und war Ende der Achziger, Anfang der Neunziger an praktisch jedem Neufahrrad montiert. Nach ein paar Jahren kam dann die ganz große Neuerung im Antriebsdesign: Roundtech. Runde Kettenblätter, die endlich (wieder) den für eine hohe Effizienz wichtigen runden Tritt ermöglichten. Das eierige Kettenblatt mag bei sehr hohem Kraftaufwand an steilen Anstiegen die Phasen hoher Hebelwirkung künstlich verlängern, im Normalbetrieb mit hoher Trittfrequenz ist es garantiert noch störender als die alten Biopacedinger.
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