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Vorbereitungskurs zur MPU: Gesprächstherapie mit Leidensgenossen

Foto: Ralf Hirschberger/ picture alliance / dpa

Vorbereitungskurs zum "Idiotentest" Führerschein fürs Leben

Jährlich müssen 100.000 Verkehrssünder zur medizinisch-psychologischen Untersuchung (MPU), zum "Idiotentest". Knapp die Hälfte fällt beim ersten Mal durch. Was macht sie so nervös?

Reinhard ist um die 50, ziemlich dick und hat keinen Führerschein mehr. Nach einer Feier erwischte ihn die Polizei mit 1,3 Promille am Steuer. Es war nicht das erste Mal, deshalb muss er nun so lange Bus fahren, bis er die Medizinisch-Psychologische Untersuchung (MPU) bestanden hat. Das ist nicht einfach - knapp die Hälfte der Verkehrssünder fällt durch. Also steht Reinhard heute in Osnabrück vor zehn Leidensgenossen und legt das hin, was der Volksmund einen Seelenstriptease nennt.

"I-I-ich b-b-bin f-f-früher m-mal geh-gehänselt worden, a-aber nie w-w-egen d-d-em Sto-Stottern."

Falls man ihn tatsächlich wegen seines Sprachfehlers hänseln würde, fände er das ganz furchtbar, sagt Reinhard.

Der Vorbereitungskurs auf den sogenannten Idiotentest ist im Grunde nichts anderes als eine Gruppen-Psychotherapie. Alles andere wäre auch wenig hilfreich, sagt Psychologe Ahmet Cabuk, der das Seminar leitet. Es gelte das Problem zu behandeln, das zu dem Verkehrsverstoß oder den Verstößen geführt habe - der Teilnehmer solle schließlich dauerhaft seinen Führerschein behalten.

Mehrere Teilnehmer melden sich und sagen, sie fänden Reinhards Stottern überhaupt nicht schlimm. Cabuk bittet die Teilnehmer, die Stärken zu nennen, die sie in den bisherigen 16 Kursstunden in Reinhard erkannt haben.

Soll man Reinhard wirklich glauben, dass er wegen seines Stotterns nie gehänselt wurde? "Natürlich nicht", sagt Cabuk. Selbstverständlich sei Reinhard wegen seines Stotterns gehänselt worden. Reinhard habe versucht, sein Stottern zu kaschieren, indem er immer noch mehr mitgemacht und somit auch mehr getrunken habe als die anderen. Nun habe er endlich darüber geredet. "Erfahrungsgemäß wird er in den nächsten Wochen das spiegeln, was hier thematisiert wurde und mit seinem Stottern im Alltag offener umgehen", sagt Cabuk.

"Alles erfüllt eine Funktion. Auch das Alkoholtrinken"

Der Kurs, für den jeder hier knapp 1000 Euro bezahlt hat, heißt "Avanti". Anbieter verlangen in der Regel zwischen 400 bis 2000 Euro. In 40 Stunden soll "Avanti" die Teilnehmer so weit bringen, dass sie mühelos die MPU bestehen. Der Anbieter des Seminars ist die Nord-Kurs GmbH, eine Tochter des TÜV Nord.

Dem Seminar "Avanti" liegt das psychodynamische Modell zugrunde, deshalb folgt der Kurs laut Cabuk der Annahme, dass kein Mensch etwas ohne Grund tut. "Und alles ist erst einmal richtig und erfüllt eine Funktion. Auch das Alkoholtrinken."

Mehr als die Hälfte aller MPU-Teilnehmer sind Alkohol-Sünder

Dass Alkoholtrinken spätestens dann zu einer Dysfunktion wird, wenn man sich sturzbetrunken noch ins Auto setzt, steht für Cabuk natürlich ebenso fest. Den Kursteilnehmern stellt er deshalb - direkt oder indirekt - im Grunde immer nur zwei Fragen: Welche Funktion hat das Trinken in deinem Leben? Und gibt es nicht eine Alternative, die für dich und deine Mitmenschen besser wäre?

Dass sich die MPU-Vorbereitung derart auf das Thema Alkohol konzentriert, ist keine Besonderheit des Anbieters, sondern der Kundschaft geschuldet. Mehr als die Hälfte der knapp 100.000 deutschen Autofahrer, die jährlich zur MPU verdonnert werden, saßen betrunken am Steuer, so eine Statistik der Bast.  Zum Test wird geschickt, wer einmal mit über 1,6 Promille oder zweimal mit mehr als 0,5 Promille erwischt wird.

Oft sind andere Drogen im Spiel, zum Beispiel Marihuana. Kokain- oder Amphetamin-Missbrauch kommt seltener vor. Aber noch seltener sind Kursteilnehmer, die ihr Punktekonto in Flensburg überzogen haben - so wie Bundestrainer Joachim Löw.

"Ich hätte ja jemanden totfahren können!"

In der Hauptgruppe der Alkoholfahrer liegt die Zahl der Frauen deutlich niedriger als die der Männer. Kursteilnehmerin Christel wurde nach einem Streit mit ihrem Ex-Mann mit 1,5 Promille erwischt. Weil die Führerscheinstelle zu dem Schluss kam, dass Christel während der langen Fahrt über 1,6 Promille gelegen haben muss, ordnete sie eine MPU an.

Das Ganze sei für sie ein riesiger Schock gewesen, sagt die 55-Jährige: "Ich hätte ja jemanden totfahren können!" Danach habe sie ihr Leben radikal geändert.

Auf die Frage, ob sie vor dieser Alkoholfahrt schon häufiger derart viel getrunken habe, antwortet sie: "Nein, eigentlich nicht."

Ahmet Cabuk sagt später, mit 1,6 Promille im Blut noch nach Hause zu fahren, das sei nicht so einfach zu schaffen. "Der ungeübte Trinker würde nach 300 Metern einen Unfall bauen und dann mit dem Kopf auf dem Lenkrad einschlafen." Die Gabe zur Verdrängung wohnt jedem Menschen inne.

Bislang gibt es keine festgelegten Qualitätsansprüche an die MPU-Vorbereitungskurse, es tummeln sich viele Abzocker auf dem Markt, die mit "100-Prozent-Erfolgschance" und "Geld-zurück-Garantie" werben. Wer Hilfe bei der Auswahl des Anbieters sucht, findet Tipps bei der Bundesanstalt für Straßenwesen (Bast).  Im März dieses Jahres verkündete die Bundesregierung, in Zukunft sollten nur noch spezielle Experten die MPU-Vorbereitung anbieten dürfen. Wann es so weit ist, steht noch nicht fest.

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