Busunglück auf der A9 "Die Brandschutzvorschriften sind auf niedrigem Niveau"

Die genauen Hintergründe des Busunglücks mit 18 Toten auf der A9 sind zwar noch unklar - doch wie sich heftige Brände künftig vermeiden lassen könnten, darauf gibt es eine Antwort. Ein Überblick zur Sicherheit von Reisebussen.

Das Wrack des verunfallten Reisebusses auf der A9 bei Münchberg
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Das Wrack des verunfallten Reisebusses auf der A9 bei Münchberg


"Was wir gesehen haben, ist erschreckend, wie man es sich kaum vorstellen kann." Das sagte Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU), nachdem er am Montag den Ort des schweren Busunglücks auf der A9 nahe Münchberg besucht hatte. Bei dem Unfall war ein Reisebus bei sich stauendem Verkehr auf einen Sattelzug geprallt, laut Angaben der Feuerwehr stand er sofort in Flammen. 18 der 48 Insassen kamen dabei ums Leben, 30 wurden verletzt.

Wie kam es zu dem Unglück - und wie hätte es verhindert werden können? Ein Überblick zu den wichtigsten Fragen.

Wie kam es zu dem Unfall?

Fest steht: Der Bus fuhr auf einen Sattelzug auf. Um kurz nach 7 Uhr soll der Notruf bei der Feuerwehr eingegangen sein. Um diese Uhrzeit hatte sich der Verkehr an der Stelle auf der A9 gestaut. Als die Rettungskräfte die Unfallstelle erreichten, stand der Bus laut Angaben von Rettungskräften bereits vollständig in Flammen. Was zu dem Auffahrunfall geführt hat, ist bislang nicht bekannt.

Die Überlebenden der Katastrophe sollten - soweit das möglich ist - befragt werden, sagte ein Sprecher des Polizeipräsidiums Oberfranken am Dienstag. Darunter ist auch einer der beiden Busfahrer. "Das wird sicher nicht am Dienstag abgeschlossen werden", sagte der Sprecher.

Wann und warum brach das Feuer im Bus aus?

Darüber gibt es momentan nur Spekulationen. Das Wrack, das nur noch ein verkohltes Gerippe des Busses ist, wird nach Angaben des Polizeisprechers kriminaltechnisch untersucht und von einem Gutachter besichtigt. Ob die Brandursache jemals endgültig geklärt werden kann, ist derzeit noch offen. Die Erstellung des Gutachtens, für das am Montag ein Unfall- sowie ein Brandsachverständiger vor Ort waren, werde auf jeden Fall noch einige Zeit dauern, sagte der Sprecher.

Von Experten gibt es verschiedene Erklärungsansätze für den Brand:

  • Ein Kraftfahrtexperte des TÜV Rheinland hält eine abgerissene Kraftstoffleitung für eine mögliche Ursache: "Im Fall eines Unfalls kann es sein, dass eine Kraftstoffleitung abreißt und der Kraftstoff auf heiße Fahrzeugteile gelangt und das Ganze anfängt zu brennen", sagte Hans-Ulrich Sander in Köln. Der Tank befinde sich bei den meisten Bussen in der Mitte oder im hinteren Bereich und könne 400 bis 500 Liter Kraftstoff enthalten. "Wenn der Kraftstoff dann unter dem Bus ausläuft und alles brennt, geht es rasend schnell."
  • Eine weitere mögliche Erklärung lieferte Johannes Hübner, Sicherheitsexperte vom RDA Internationaler Bustouristik Verband in Köln: Im Armaturenbrett eines Busses sei die Elektrik des Fahrzeugs zusammengefasst; dort könnte es zu einem Kurzschluss gekommen sein. Auch wenn die Materialien in einem Bus feuerhemmend seien, breite sich der Brand schnell aus, wenn er nicht sofort gelöscht werde. "Die Beeinträchtigung ist nämlich vor allem der Rauch, der in den Innenraum dringt", sagte Hübner. Wenn der Fahrer nicht mehr in der Lage gewesen sei, die hintere Tür zu öffnen, könne das einer der Gäste gemacht haben. Meist würden aber Fenster eingeschlagen - doch tue man dies, ziehe der Rauch noch schneller durch den Bus. "Mit anderen Worten: Die Situation ist sehr schnell außer Kontrolle", sagte der Sicherheitsbeauftragte.
  • Siegfried Brockmann, der Leiter Unfallforschung der Versicherer, hält es für wahrscheinlich, "dass der Unfall gar nicht der Auslöser des Brandes war, sondern der Brand möglicherweise zuerst da war". Dem Bayerischen Rundfunk sagte er: "Dafür gibt es Präzedenzfälle, dass ein Brand im Motorraum beginnt und dort vom Fahrer zunächst nicht wahrgenommen wird, bei den Niederflurmotoren im Heck. Der ist sehr weit weg von ihm. Der Fahrtwind drückt das Feuer auch zunächst nach hinten, sodass man lange braucht, um so einen Brand wahrzunehmen."

Diese These wird von den Sachverständigen, die das Busunglück untersuchen, mittlerweile ausgeschlossen. Sie hätten keine Hinweise darauf gefunden, dass der Reisebus bereits vor dem Aufprall gebrannt habe: "Vieles spricht dafür, dass bei dem Bus erst aufgrund der Kollision mit dem Anhänger Feuer ausgebrochen ist", hieß es.

Wie steht es um die Sicherheit von Reisebussen?

"Der Reisebus ist eines der sichersten Transportsysteme, die wir haben", sagte Hans-Ulrich Sander vom TÜV Rheinland am Montagabend im ZDF. "Brände sind höchst selten." In einem solchen Fall könnten sich die Passagiere meist selbst retten. In dem Unglücksbus in Münchberg hätten allerdings Senioren gesessen, die in ihrer Beweglichkeit eingeschränkt gewesen seien.

Die Statistik scheint diese Einschätzung zu stützen. Betrachtet man die Zahlen des Statistischen Bundesamts zu verunglückten Insassen von Reisebussen von 1995 bis 2015, fallen vor allem starke Schwankungen auf: In drei Jahren gab es gar keine Toten, in neun Jahren fünf oder weniger, in fünf Jahren sechs bis neun.

Dazwischen gibt es Jahre mit hohen Opferzahlen, was sich in der Regel auf einzelne schwere Unglücke zurückführen lässt: 2010 starben insgesamt 22 Insassen von Bussen bei Unfällen; alleine 14 bei einem Unglück bei Berlin, als ein Bus von einem Auto gerammt wurde und gegen einen Brückenpfeiler krachte. Im Juni 2007 kamen auf der A14 zwischen Magdeburg und Dresden 13 Insassen ums Leben, ein Lastwagen war auf den Bus aufgefahren. Insgesamt starben 2007 18 Insassen von Bussen.

Die jüngsten Zahlen stammen aus dem Jahr 2015: Ein Toter Businsasse wurde gezählt. Zum Vergleich: Insgesamt starben in dem Jahr der Erhebung 3475 Menschen bei Verkehrsunfällen.

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Münchberg in Bayern: Schwerer Busunfall auf der A9

Welche technischen Sicherheitsvorschriften gelten für Reisebusse?

Seit November 2015 müssen Busse (und Lkw) mit einem Notbremssystem ausgestattet sein. Das gilt allerdings nicht für Fahrzeuge, die vor diesem Zeitpunkt zugelassen wurden. Das Hilfssystem erkennt durch Kameras und Radarsensoren Hindernisse auf der Fahrbahn, macht mit Warnlicht und Warnton auf die Gefahr aufmerksam und bremst automatisch, wenn der Fahrer nicht reagiert.

Das Notbremssystem bringt viel zusätzliche Sicherheit - es hat aber auch Tücken und Einschränkungen: So kann es zum Beispiel deaktiviert werden, was viele Verkehrsexperten kritisieren. Hinzu kommt, dass ältere Notbremsassistenten nur auf sich bewegende Hindernisse reagieren und die Geschwindigkeit des Fahrzeugs gegebenenfalls um lediglich 10 km/h reduzieren. Damit lässt sich ein Aufprall lediglich abmildern. Ab November 2018 gilt die Vorgabe, dass die Geschwindigkeit um 20 km/h verringert werden muss. "Die meisten Hersteller haben unseres Wissens schon mit den heute verbauten Systemen diese Vorgaben erfüllt", sagt ein Sprecher der Prüforganisation Dekra dem SPIEGEL.

Moderne Systeme können aber auch auf stehende Hindernisse reagieren und den Bus dann sogar vollständig zum Stillstand bringen - allerdings sparen sich manche Busunternehmen, was gesetzlich nicht zwingend vorgeschrieben ist.

Was die Kontrolle von Bussen durch Prüfbehörden betrifft, sind die Vorschriften strenger als bei Privat-Pkw: Nach Angaben der Dekra wird bei Bussen ein Jahr nach der Zulassung die erste Hauptuntersuchung (HU) durchgeführt und findet anschließend jährlich statt. Bei Bussen, die zwischen 12 und 36 Monate alt sind, ist außerdem eine halbjährliche Sicherheitsprüfung vorgeschrieben, die einen geringeren Umfang als die HU hat. Ist der Bus älter als drei Jahre, muss die Sicherheitsprüfung vierteljährlich durchgeführt werden.

Laut dem Bundesverband Deutscher Omnibusunternehmer war der Unglücksbus drei Jahre alt und zuletzt im April vom TÜV ohne Beanstandung überprüft worden.

Was ist mit dem Brandschutz?

Siegfried Brockmann, der Leiter Unfallforschung der Versicherer sagte im ARD-Brennpunkt: "Das große Problem liegt in den Innenraummaterialien der Busse: Sie sind deutlich leichter entflammbar als die, die die Deutsche Bahn verbauen muss."

Diese Einschätzung wird von einer Untersuchung der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM) aus dem Jahr 2014 gestützt. Die Wissenschaftler der BAM kamen ebenfalls zu dem Schluss, dass die Sicherheitsstandards bei Bussen im Vergleich zu den Vorschriften für Züge lascher sind. "Die Brandschutzvorschriften für Busmaterialien sind verglichen mit den Vorschriften anderer Transportbereiche (Schienenverkehr, Schifffahrt und Luftfahrt) auf einem sehr niedrigen Niveau", heißt es in der Studie.

Die in Bussen verbauten Kunststoffe seien zum einen "leicht zu entzünden" und zum anderen wegen ihrer starken Hitzeentwicklung bei Bränden gefährlich. "Die brennbare Decke und die Fahrgastsitze", heißt es weiter, seien "Hauptprobleme bei der Brandausbreitung in einem Bus". Die Empfehlung der Wissenschaftler lautete deshalb, strengere Brandschutzvorschriften einzuführen. "Ohne weitere Prüfung" könnten beispielsweise auch Materialien, "die bei der Bahn bereits zugelassen sind, auch für Busse eingesetzt werden, denn sie haben bereits strenge Sicherheitstests bestanden".

Hier habe der Gesetzgeber - in diesem Fall müsse auf Europäischer Ebene entschieden werden - noch nicht reagiert, sagte Dr. Anja Hofmann-Böllinghaus, eine Autorin der Studie, dem SPIEGEL. Andere Forderungen der Brandexperten für Busse seien dagegen in den letzten Jahren verbindlich festgelegt worden: zum Beispiel Rauchmelder in den vom Fahrer nicht einsehbaren Bereichen sowie Motorlöschanlagen. Das gilt allerdings nur für ab 2015 ausgelieferte Busse. Ältere Modelle mussten nicht nachgerüstet werden.

Welche Faktoren sind bei solchen Unfällen außerdem wichtig?

Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) beklagte, dass Autofahrer nach dem Unfall auf der A9 keine Rettungsgasse gebildet und dadurch das Eintreffen der Feuerwehr verzögert hätten. "Das ist einfach wirklich unverantwortlich", sagte er am Dienstag im Deutschlandfunk. Herrmann forderte deshalb ein konsequenteres Vorgehen: So müsse künftig bei Staus vorsorglich kontrolliert werden, ob eine Rettungsgasse gebildet werde. Wenn es erst um Menschenleben gehe, habe die Polizei dafür keine Zeit mehr. "Jeder von uns muss das kapieren", sagte er.

Auch Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) kritisierte Autofahrer. "Das Bilden der Rettungsgasse hat nicht einwandfrei funktioniert. Da sind die Helfer in unverantwortlicher Art und Weise behindert worden", sagte er der "Passauer Neuen Presse". Als Konsequenz will er die Behinderungen von Rettungskräften schärfer ahnden. Bilden Autofahrer keine Notgasse, sollen statt der bisherigen Geldbuße von 20 Euro künftig mindestens 200 Euro und zwei Punkte in der Verkehrssünderdatei in Flensburg drohen.

"Wir werden die geplante Erhöhung der Bußgelder noch einmal deutlich verschärfen", sagte Dobrindt der "Bild"-Zeitung. Im schwersten Fall mit Sachbeschädigung sollen nach Angaben des Ministeriums bis zu 320 Euro, zwei Punkte sowie ein Monat Fahrverbot fällig werden.

Der Minister kündigte außerdem an, Einsatzkräfte auf Autobahnen bundesweit mit mobilen Sichtschutzwänden auszustatten. Am Freitag wird der Bundesrat in Berlin über höhere Bußgelder für Gaffer beraten. Die Diskussion darüber läuft schon länger.

Im Video: Rettungsgasse - so geht's

Freiwillige Feuerwehr Gräfelfing

cst/dpa/Afp



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