Neue Altfahrzeugverordnung Wie verschrotte ich mein Auto?

Ein Auto besteht aus rund 10.000 Einzelteilen und 40 verschiedenen Wertstoffen. Was mit ihnen geschieht, wenn ein Auto entsorgt wird, ist durch die Altfahrzeugverordnung geregelt. Ab 1. Januar 2007 tritt das erweiterte Regelwerk in Kraft.


Auf den Straßen Deutschlands fahren rund 46 Millionen Autos. Jedes dieser Fahrzeuge hat eine durchschnittliche Nutzungsdauer von 15 Jahren. Laut einer Statistik des Kraftfahrt-Bundesamtes sind heute rund vier Millionen Pkw zugelassen, die 15 Jahre und älter, also im statistischen Sinne überfällig sind. Wurde ein altersschwaches Auto bislang abgemeldet, landete es auf dem Schrottplatz. Ab 1. Januar wird das anders sein: Ab dann nämlich gilt die erweiterte Altfahrzeugverordnung, mit der die Rücknahmepflicht der Hersteller auf sämtliche Pkw ausgedehnt wird.

Altautoverwertung: Wie hier bei der Firma Retek im ostfriesischen Ihlow werden Pkw künftig sorgfältig zerlegt und weitgehend wiederverwertet
DDP

Altautoverwertung: Wie hier bei der Firma Retek im ostfriesischen Ihlow werden Pkw künftig sorgfältig zerlegt und weitgehend wiederverwertet

Die Altfahrzeugverordnung, ein Gesetzeswerk des Bundes-umweltministeriums, besagt, dass Automobilhersteller und Importeure ab dem nächsten Jahr alle Altfahrzeuge ihrer Marke kostenlos vom Letzthalter zurücknehmen müssen. Zudem ist geregelt, dass 85 Prozent des Altautos wiederverwertet werden müssen.

Weiterhin muss von den Herstellern sichergestellt werden, dass der Halter eines Fahrzeuges eine Altauto-Rücknahmestelle in einer maximalen Entfernung von 50 Kilometer erreichen kann. Bundesweit wurden zirka 250 Rücknahmestellen eingerichtet. "Bevor man jedoch mit seinem alten Wagen auf den Hof des Händlers fährt, sollte man dort vorher anrufen. Der Händler gibt dann Auskunft darüber, wo das alte Auto angenommen wird", empfiehlt Christian Schäfer vom ADAC in Hamburg.

Wird ein Fahrzeug endgültig stillgelegt, gibt man es also bei einem Verwerterbetrieb ab. Dort beginnt der Recyclingprozess mit der Entnahme der Batterie und dem Zünden der Airbags, damit die nicht dann explodieren, wenn Mechaniker gerade das Cockpit auseinanderlegen. Danach werden alle Betriebsflüssigkeiten entnommen und die Reifen demontiert, die mitunter als Gebrauchtreifen weiter verkauft werden. Auch Leuchten, Kühlergrill, Motoren und Getriebe sind häufig noch so gut erhalten, dass sich für diese Teile Abnehmer finden; sie werden dann auf dem Gebrauchtmarkt gehandelt.

Stoßfänger und Armaturentafel sind Problemteile

Problematisch sind die Stoßstangen. Sie bestehen zumeist aus lackiertem Kunststoff, ein Umstand, der das Recycling schwierig macht. Denn die Kunststoffe können nicht vollständig vom Lack getrennt werden. Deshalb entstehen aus ihnen - anstelle sortenreiner Rohstoffe - lediglich Recyklate, bei denen die Farbe des Kunststoffes unerheblich ist. Auch die Sitze und Armaturen sind schwer zu recyceln, denn sie bestehen aus unterschiedlichen Kunststoffarten. Zudem sind diese Bauteile aus vielen Einzelteilen zusammengesetzt, so dass sich ein komplettes Demontieren aufwendig und damit zu teuer ist. Die Folge: Solche "Mischbauteile" werden verbrannt.

Die restliche Karosserie wird zusammen mit den nicht recycelbaren Plastikteilen gepresst und in einem Schredder zerkleinert. Der dabei entstehende Mix wird nun in Metalle und Kunststoffe getrennt. Es ist jedoch nicht möglich, die unterschiedlichen Kunststoffarten voneinander zu unterscheiden. Deshalb ist das Recycling von Kunststoff auch so schwierig, denn nur selten werden Kunststoffe einer Art verbaut. Dieser Plastik-Cocktail wird entweder verbrannt oder auf Deponien gelagert. Einfacher ist die Verwertung der Metalle. Sie lassen sich voneinander trennen und dann sortenrein wiederverwerten.

Schon beim Autobau ans Ende denken

Die Altfahrzeugverordnung bewirkte unter anderem, dass die Automobilindustrie ihre Produktionsweise änderte. Inzwischen wird schon beim Bau eines Autos darauf geachtet, dass die Fahrzeuge leichter zu demontieren sind, und auf den Einsatz von Schadstoffen wird zunehmend verzichtet. Auch bei der anschließenden Verwertung lassen sich die Hersteller etwas einfallen. So hat Volkswagen beispielsweise zusammen mit der Sicon GmbH aus Hilchenbach ein Verfahren entwickelt, bei dem die Schredderrückstände mechanisch aufbereitet und anschließend weiterverwertet oder verkauft werden. Das besondere an diesem Prozess ist die sehr hohe Qualität der Rohstoffe und die gute Umweltbilanz bei der Aufbereitung. Der Ausstoß von Treibhausgasen wird, im Vergleich zu herkömmlichen Verfahren, um fast 30 Prozent reduziert.

Durch die neue Altfahrzeugverordnung kommt auf die Verwertungsbetriebe viel Arbeit zu - und als Resultat wohl große Mengen von Recyclingstoffen. Kenner der Szene behaupten, dass auch aus fast vollständig ausrangierten Autowracks noch Materialien im Wert von 50 bis 70 Euro herausgeholt werden können. Und auch der Verband der Deutschen Automobilindustrie (VDA) erklärt, aufgrund der "aktuell hohen Stahlpreise gibt es sogar viele Fälle, in denen der Fahrzeughalter noch Geld für sein altes Auto erhält". Die Höhe der Summe ist wohl eine Sache des Verhandlungsgeschicks. Immerhin: Die Entsorgung ist für den Fahrzeughalter nun auf jeden Fall kostenlos.



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