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Flusszellen-Batterie für Elektroautos: Die fabelhafte Welt des Herrn La Vecchia

Foto: nanoFlowcell AG

Flusszellen-Batterie für E-Mobile Elektro-Pop

1090 PS Leistung und 800 Kilometer Reichweite - das E-Mobil Quant F könnte ein Traumwagen werden. Hinter der automobilen Verheißung steckt ein Popsänger. Echte Experten zeigen sich aber skeptisch.

Nunzio La Vecchia gelingt anscheinend alles. Zwei Schallplatten hat der 1965 geborene Schweizer aufgenommen, ihre Titel lauten "Emotion" und "Club Soda". Außerdem hat er einen Durchbruch in der Solartechnik vermeldet und will die Lösung eines Problems gefunden, an dem sich etliche Automobilhersteller bislang die Zähne ausbissen. Der Mann ist offenbar vielseitig talentiert. Beim Autosalon in Genf (5. bis 15. März) wird er aber weniger seine Pop- als eher seine automobilen Qualifikationen präsentieren.

Doch die haben es in sich: An Stand Nummer 1224 nämlich präsentiert La Vecchia zwei Elektrofahrzeuge der Superlative: Zum einen den Quant F, ein 5,25 Meter langer, viersitziger Luxussportwagen mit mächtigen Flügeltüren, dessen vier Elektromotoren bis zu 1090 PS Leistung entwickeln. Dank einer Flussbatterie soll der Superflitzer zudem auf eine elektrische Reichweite von 800 Kilometern kommen.

Flussbatterie? Das ist eine Technologie, bei der die elektrische Energie in einer Flüssigkeit gespeichert wird. Von diesem energetischen Saft hat der der Quant F zweimal 250 Liter an Bord.

Reichweite - 1000 Kilometer

Das zweite Auto aus Nunzio La Vecchias Zauberlabor ist die Studie Quantino, ein rein elektrisch betriebenes Niedervoltfahrzeug mit 48 Volt Nennspannung und ebenfalls vier E-Motoren (Gesamtleistung 136 PS) sowie einer Flussbatterie mit zweimal 175 Liter ionischer Flüssigkeit an Bord. Die darin gespeicherte elektrische Energie reicht angeblich für mehr als tausend Kilometer Reichweite.

Die große Frage lautet: Kann das möglich sein?

Nunzio La Vecchia - der Tausend-Kilometer-Sassa

Nunzio La Vecchia - der Tausend-Kilometer-Sassa

Foto: Nanoflowcell

Forscht man bei der Nanoflowcell AG nach, deren "führender Kopf und Entwicklungsleiter" Nunzio La Vecchia ist und die in Liechtenstein sitzt, erhält man eher Ausflüchte als Antworten. Zum Beispiel, wenn man sich erkundigt, wie derartige Fabelreichweiten mit Hilfe von Flussbatterien zustande kommen sollen. In der Antwortmail war dies zu lesen: "Was wir zur hohen Energiedichte verraten können ist, dass die Transporteigenschaften von Ladungsträgern über die ionische Flüssigkeit zu der hohen Energiedichte beitragen. Mehr wollen wir aber dazu nicht sagen."

Möglicherweise gibt es auch nichts weiter zu sagen - weil da nichts weiter ist. Das vermutet jedenfalls Jens Noack, der am Fraunhofer Institut für Chemische Technologie (ICT) im baden-württembergischen Pfinztal seit Jahren an sogenannten Redox-Flow- oder Flussbatterien forscht und die Sensationsmeldungen aus Liechtenstein für optimistisches Marketing hält. "Das ICT verfügt über das zentrale Patent zu Redox-Flow-Batterien. Einen derartigen Durchbruch können wir aus wissenschaftlicher Sicht leider nicht bestätigen, wollen diesen aber auch nicht gänzlich ausschließen. Zu besseren Beurteilung der neuartigen ionischen Flüssigkeit müssten uns mehr Informationen vorliegen."

Strom im wahrsten Sinne des Wortes tanken

Die Idee, elektrische Energie in flüssiger Form in Tanks zu speichern und bei Bedarf in einer Batteriezelle daraus Strom zu erzeugen, wurde in den Vierzigerjahren von Walther Kangro an der Universität Braunschweig entwickelt; in den Siebzigerjahren konstruierte die NASA erstmals Stromspeicher nach diesem Prinzip, das mehrere Vorteile aufweist.

Etwa den, dass der Energiespeicher, also die Tanks mit den unterschiedlich geladenen Flüssigkeiten, und der Energiewandler, nämlich die eigentliche Batteriezelle, in der durch den chemischen Prozess elektrische Energie entsteht, voneinander getrennt sind.

Speicher und Batteriezelle können daher stets so gewählt werden, dass sie optimal auf den Einsatzzweck abgestimmt sind. Und: Es können praktisch beliebig viele Speichertanks miteinander verbunden werden - zum Beispiel, um regenerativ erzeugten Strom von Windanlagen zu "lagern".

Kein Ermüdungseffekt wie bei anderen Akkus

Das führt zum nächsten Vorteil: Eine Redox-Flow-Batterie kann Strom speichern, indem sie die Elektrolyt-Flüssigkeiten lädt, und sie kann ebenso Strom erzeugen, indem die unterschiedlich geladenen Elektrolyt-Flüssigkeiten in der Batteriezelle miteinander reagieren und dadurch elektrische Energie entsteht.

Zudem ist es so, dass die Flüssigkeiten beliebig oft ge- und entladen werden können, denn es gibt nahezu keinen Ermüdungseffekt. Ebenso wenig findet, wie bei herkömmlichen Batterien, eine Selbstentladung statt. Die elektrische Energie kann zeitlich unbegrenzt gespeichert werden.

Es klingt wie ein Traum. Eine solche Batterie würde das Ladeproblem von Elektroautos auf einen Schlag lösen. Statt stundenlang am Ladekabel zu hängen, bräuchte man lediglich die entladenen Elektrolyt-Flüssigkeiten aus den Tanks zu pumpen und geladene einfüllen - das würde kaum länger dauern als das Nachfassen von Sprit.

Das geheime Wunder-Elektrolyt

"Für Pkw wird die Redox-Flow-Batterie noch auf absehbare Zeit untauglich sein", bremst Fraunhofer-Forscher Noack die Euphorie. "Um den Energiegehalt von einem Liter Benzin zu speichern, wären aktuell mindestens 100 Liter Elektrolyt nötig", sagt Noack. Anders gesagt: Jedes Auto müsste einen Tankanhänger hinter sich herziehen, um eine einigermaßen brauchbare Reichweite zu haben.

Und eine Redox-Flow-Batteriezelle, die ausreichend Strom produziert, um einen Automotor anzutreiben, müsste nach aktuellem Stand der Technik so groß sein wie ein Chefschreibtisch. Fraunhofer-Forscher Noack hält deshalb den momentanen Entwicklungsstand der Redox-Flow-Batterie für ungeeignet, um die Technik in einem Pkw einzusetzen.

Nanoflowcell-AG-"Entwicklungsleiter" Nunzio La Vecchia als Popsänger:

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Der Schlüssel zur Weiterentwicklung ist der Elektrolyt, also die Speicherflüssigkeit. Weltweit forschen Chemiker an Mixturen, die möglichst große Mengen elektrischer Energie aufnehmen können. Derzeit sind etwa 30 solcher Elektrolyt-Cocktails bekannt - es gibt Flüssigkeiten auf Lithium-Basis, auf Vanadium-Basis oder solche auf Brom-Basis. Manche sind hochgiftig und schon deshalb für den Einsatz in Fahrzeugen ungeeignet, andere benötigen seltene und teure Metalle, wieder andere sind feuergefährlich.

Expertise durch ein "vierjähriges Selbststudium"

Die Nanoflowcell AG verweigert jede Auskunft zu den Elektro-Prototypen Quant F und Quantino verwendeten Elektrolyten. Die Flüssigkeit sei "nicht brennbar und zudem toxikologisch unbedenklich" heißt es lediglich; alles weitere sei geheim.

Jedenfalls bis zum Autosalon in Genf.

Dort, so teilt das Unternehmen aus Liechtenstein mit, werde Nunzio La Vecchia höchstpersönlich für Fragen zur Verfügung stehen. Ob er dann wirklich mehr erzählt über die geheimnisvollen Fortschritte, die so märchenhaft klingen und zugleich so fragwürdig erscheinen? Fest steht bislang nur dies: Nunzio La Vecchia, der "sich sein Wissen in einem vierjährigen Selbststudium" aneignete, wie es auf der Webseite seiner Firma heißt, hat das Ziel, "die Elektromobilität in neue Dimensionen zu führen". Der Zeitpunkt wäre gerade günstig.