Neue Limousinen Das Stufenmodell

Im Westen Europas steht das kompakte Stufenheckauto für Fahrer mit Hut auf dem Kopf und Klorolle auf der Ablage. In Süd- und vor allem Osteuropa sieht man das anders. Deshalb zeigen Opel und Fiat auf der Motorshow in Istanbul ganz neue Stufenheckmodelle.


Wenn kleine Kinder ein Auto zeichnen, ist das Ergebnis fast immer das gleiche: Vorne flach, die Mitte hoch – und hinten ein angesetzter Kofferraum. Dieses Bild haben die Käufer in Zentral-, Ost- und Südeuropa offensichtlich fest verinnerlicht. Während im Westen des Kontinents unterhalb der Mittelklasse das Schrägheck regiert, schwören Spanier, Türken, Polen oder Russen selbst bei kleineren Autos auf den stufigen Schnitt. Und weil vor allem die Märkte im Osten großes Wachstum versprechen, beachten die Autohersteller diese Vorliebe. Damit die in westlichen Augen eher biederen Modelle nicht das Image verwässsen, werden manche – etwa der Renault Thalia auf Basis des Clio, der VW Polo Sedan oder der Peugeot 307 mit Stufenheck – erst gar nicht in Deutschland angeboten.

Dieses Schicksal trifft auch die fünfte Variante der Astra-Baureihe von Opel, die Anfang November ihre Weltpremiere auf der Motorshow in Istanbul feiert. Nach Fünftürer und Kombi, Dreitürer und Cabrio-Coupé reichen die Rüsselsheimer nun eine Limousine nach. Die sieht zwar ganz ansehnlich aus, weil der Kofferraum in fließenden Linien angesetzt wurde und der Heckabschluss einen kessen Knick zeigt. Doch beißt sich das Image vom Opa-Opel so sehr mit dem Bemühen um einen jungen Anstrich, dass die GM-Tochter zumindest vorerst hierzulande auf den Verkauf des Stufenheckmodells verzichtet. Obwohl der Astra-Vorgänger Kadett als auch die beiden ersten Astra-Generationen stets auch in Deutschland als Viertürer angeboten wurden, bleibt die Limousine diesmal den "Wachstumsmärkten in Zentral- und Osteuropa" vorbehalten, teilt Opel im Vorfeld der Premiere mit.

Nur wenige Kunden in Westeuropa wollen ein Stufenheck

Gebaut wird das Auto denn auch nicht in Bochum oder Rüsselsheim, sondern im polnischen Gleiwitz. Es basiert auf der Plattform mit dem auf 2,70 Meter verlängerten Radstand, die auch den Kombi trägt, und ist insgesamt 4,62 Meter lang. Damit überragt der Vier- den Fünftürer um fast 40 Zentimeter, bietet etwas mehr Beinfreiheit für die Fondpassagiere und vor allem einen größeren Kofferraum: Der wächst um 120 auf exakt 500 Liter. Zum Start gibt es das Stufenheckmodell mit zwei Benzinmotoren und zwei Dieselaggregaten, die ein Spektrum von 90 bis 140 PS abdecken.

Dass es den Wagen in Westeuropa nicht geben wird, ist für Opel kein großer Verlust. Denn die Statistik ist eindeutig: Lediglich fünf Prozent aller Kunden in der Kompaktklasse entscheiden sich in Westeuropa für ein Stufenheck. Weiter im Osten sieht das ganz anders aus: In Südosteuropa und in Polen kommt diese Karosserievariante auf jeweils 15 Prozent Segmentanteil, in Russland sind es satte 65 und in der Türkei sogar 67 Prozent – nicht umsonst also feiert Opel die Premiere auf der Motorshow am Bosporus, von der man bei uns bislang noch kaum etwas gehört hat.

Und der Astra ist nicht die einzige Neuheit in Istanbul. Auch Fiat nutzt den Branchengipfel in der Türkei für eine Enthüllung mit Stufenschnitt und zeigt den neuen Linea. Der Viertürer, von dem die Italiener gemeinsam mit dem türkischen Kooperationspartner Tofas in Bursa pro Jahr bis zu 60.000 Exemplare bauen wollen, sieht auf den ersten Blick aus wie ein Grande Punto mit Happy-End. Allerdings wurde auch hier der Radstand um neun Zentimeter auf 2,60 Meter gestreckt. Nun macht sich der einstige Kleinwagen also lang und erreicht als Linea mit 4,56 Metern das klassische Maß der Kompaktklasse. Und auch der Kofferraum kann sich mit den anderen Limousinen messen. Wie beim Astra Stufenheck fasst er genau 500 Liter. Anders als Opel aber lassen die Italiener die eher konservativen Kunden in Deutschland nicht unberücksichtigt: Ab 2007 soll es den Linea auch bei uns geben.

Nach unten wird die Luft dünn

Er rollt bei uns in ein Segment, in dem man die Wettbewerber an einer Hand abzählen kann. Ein halbwegs sichtbaren Anteil am Straßenbild hat hierzulande nur der VW Jetta, der dem Golf seit Urzeiten beiseite steht und nach Auftritten unter den Namen Vento und Bora nun wieder den alten Namen trägt. Auch dieses Modell verkauft sich jedoch andernorts, vor allem in den USA, besser als in Deutschland, weshalb VW den Jetta auch ausschließlich in Mexiko baut.

Noch unauffälliger sind in Deutschland die viertürigen Versionen von Ford Focus, Renault Mégane, Hyundai Accent oder Kia Cerato. Und in der Klasse darunter wird die Auswahl noch kleiner und die Luft noch dünner. Dort gibt es bislang lediglich den Skoda Fabia und den Chevrolet Aveo als Viertürer. Einziger Image-Vorteil der Limousinen im Lilliput-Format: Die Ablage vor der Heckscheibe ist so klein, dass Hüte oder Häkelarbeiten dort nur mit Mühe hinpassen.



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