Neue Transport- und Logistiksysteme Klingt einladend

Hersteller von Transportern und Lastwagen arbeiten daran, dass weniger ihrer eigenen Fahrzeuge gebraucht werden. Selbst abschaffen wollen sich Konzerne wie Mercedes Vans oder MAN natürlich nicht - aber neu erfinden.

Jürgen Pander

Die Zustellerbranche boomt. Für die Hersteller von Kleintransportern eine gute Nachricht: Mercedes Vans beispielsweise, die Daimler-Sparte, die Autos der Baureihen Citan, Vito und Sprinter bis 5,5 Tonnen Nutzlast baut, verkaufte im ersten Halbjahr 2016 so viele Fahrzeuge wie noch nie. 176.200 insgesamt - im Vergleich zum Vorjahreszeitraum ein Plus von 21 Prozent. Der Rekord hat mit dazu geführt, dass Mercedes sich in diesem Bereich neu erfinden will.

Man wolle den Schwung nutzen, um sich vom Fahrzeughersteller zum Systemdienstleister zu entwickeln, kündigte Mercedes-Vans-Chef Volker Mornhinweg kürzlich an. "Der Van wird zum intelligenten, vernetzten Datenzentrum auf Rädern."

Der Van spuckt bei jeder Station das passende Paket aus

Was das genau heißt: Sowohl in den Logistikzentren als auch im Fahrzeug soll anhand von Algorithmen die optimale Auslieferungskette berechnet werden. Der Mensch wird nur noch dazu gebraucht, die Transportgüter ins Auto zu laden und auszufahren. Nach dem Willen von Mercedes soll sich das aber ändern: Davon abgesehen, dass der Konzern schon längst an selbstfahrenden Autos arbeitet, soll nun auch das Beladen automatisiert werden.

"Bislang muss ein Zusteller während der Auslieferung in einem Wohngebiet die durchschnittlich rund 180 Pakete seiner Ladung zehn Mal neu sortieren und rund neun Minuten pro Empfänger einplanen", heißt es in einer Mitteilung von Mercedes Vans. Das soll in Zukunft effizienter werden - mithilfe eines Roboters.

Wie Mercedes und der Kooperationspartner Serva Transport Systems aus Oberbayern sich das vorstellen, ist in diesem Video zu sehen:

Jürgen Pander

"One Shot Loading" heißt dieses System, bei dem ein Gabelstapler-Roboter fertig bestückte Regale mit Paketen innerhalb kurzer Zeit ins Auto lädt. Ist alles an Bord, schließt die Heckklappe automatisch, und die Auslieferungstour kann beginnen. An den einzelnen Stationen übergibt das System dann das jeweilige Paket aus dem Laderaum direkt an den Kurier, und der kann es abgeben.

"Durch eine effiziente Be- und Entladung sowie die optimale Konfektionierung der Regale lässt sich beim Zustellen reichlich Zeit einsparen", sagt Stefan Maurer, der bei Mercedes Vans die Abteilung "Future Transportation Systems" leitet. "Eventuell muss das Transportunternehmen dann nur noch acht statt zehn Mercedes Sprinter auf Tour schicken."

Ein Stück weit würde der Hersteller seine Fahrzeuge also selbst abschaffen, die Einbußen aber durch den Verkauf der neuen Belade- und Logistiksysteme kompensieren. Und während für Mercedes und Serva wohl zuallererst die Gewinnmargen im Vordergrund stehen, hätte eine Reduzierung der Lieferflotten den schönen Nebeneffekt von weniger Verkehr und einer Vermeidung des CO2-Ausstoßes.

Laut Angaben der Kooperationspartner sind die Laderoboter keine ferne Zukunftsvision, sondern bereit zum Praxistest. Angeblich gibt es auch bereits Unternehmen, die Interessenten am "One Shot Loading" gemeldet haben.

Volkswagen will ein Betriebssystem für möglichst viele Lkw schaffen

Die Strategie, sich vom Fahrzeughersteller zum Systemanbieter zu wandeln, verfolgt auch die Konkurrenz von Mercedes. Der Volkswagen-Konzern hat dazu "Rio" geschaffen. Dabei handelt es sich um eine IT-Plattform, die als eine Art gemeinsames Betriebssystem für alle Beteiligten der Lieferkette dienen soll: Also für Versender, Spediteure, Verlader, Disponenten, Fahrer und Empfänger.

"Die Transportmittel sind nicht mehr das Problem", glaubt Joachim Drees. Er ist Vorstandschef der Lkw-Marke MAN, die zum Volkswagen-Konzern gehört. "Aber es fehlt an Kommunikation", sagt Drees, "und dieser Mangel führt zu Ineffizienz." Die neue Plattform soll diese Kommunikation ermöglichen und vereinfachen - und zwar unabhängig davon, "wie der Fuhrpark aussieht, welches Fahrzeug mit welchem Aufbau den Kundenauftrag fährt und welche Logistik-Software eingesetzt wird".

Wo der Laderoboter von Mercedes Zeit sparen soll, geht es bei "Rio" vor allem um eine Optimierung der Auslastung. Je mehr Lkw miteinander vernetzt sind und ihren Beladungszustand und ihre Routen in ein System einspeisen, desto mehr Daten stehen zur sofortigen Verarbeitung zur Verfügung. Dadurch, so Drees, lasse sich zum Beispiel Lastwagen-Sharing oder eine rasche Ausnutzung noch freier Ladekapazitäten von Lkw in der Nähe organisieren. Zudem könne eine Vernetzung des Fahrers mit dem Versender der Ware oder deren Empfänger jederzeit hergestellt werden.

Ab dem Frühjahr 2017 soll "Rio" an den Start gehen. Wer das System in welchem Umfang nutzt, ist jedem Nutzer selbst überlassen. Im Prinzip kann jeder Lkw mit der nötigen Technik nachgerüstet werden. Wie das Projekt von Mercedes würde auch der Plan von Volkswagen zur Folge haben, dass unterm Strich weniger Fahrzeuge gebraucht werden. Der Konzern muss also davon ausgehen, dass das neue Geschäftsfeld mehr Geld in die Kasse spült als der reine Lkw-Verkauf.

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Stäffelesrutscher 19.10.2016
1.
Lastwagen-Sharing? Dann würden wir uns ja einem Zustand annähern, bei dem nicht mehr im Abstand von einer halben bis zwei Stunden nacheinander DHL, Hermes, ups, dpd und wie sie alle heißen durch die Wohngebiete cruisen, sondern EIN Dienstleister alles ausliefert - oh wait, das hatten wir ja schon mal, nannte sich Post, war staatlich und damit böseböseböse ...
premstar_pill, 19.10.2016
2.
Zitat von StäffelesrutscherLastwagen-Sharing? Dann würden wir uns ja einem Zustand annähern, bei dem nicht mehr im Abstand von einer halben bis zwei Stunden nacheinander DHL, Hermes, ups, dpd und wie sie alle heißen durch die Wohngebiete cruisen, sondern EIN Dienstleister alles ausliefert - oh wait, das hatten wir ja schon mal, nannte sich Post, war staatlich und damit böseböseböse ...
Also ich bin jetzt 47 Jahre alt und habe somit die "goldenen Zeiten" der deutschen Bundespost noch erlebt und ich will ganz bestimmt nicht dorthin zurück!
nici_d 19.10.2016
3. @#1 Stäffelesrutscher und #2 premstar_pill
#1: You made my day! Das gleiche ist mir auch schon so manches mal durch den Kopf gegangen wenn ich die vielen Paketdienste im Wohngebiet sehe. #2: Die Bundespost hat schon in den 1980ern über 70 % der Briefe am nächsten Tag ausgeliefert. Postämter gab es überall, sie hatten viele Schalter, die Postbediensteten wussten zu 100% Bescheid und vor allem: die Postbediensteten waren nicht in prekären Arbeitsverhältnissen beschäftigt. Die schlimmsten sind in meinen Augen die von Hermes. Die armen Typen müssen wohl mit ihrem meist total heruntergewirtschafteten Privatauto ausfahren, manchmal mit rumänischem Kennzeichen, das sagt über die Bezahlung viel. Ich gebe grundsätzlich 1 EUR Trinkgeld (nicht nur Hermes), die tun mir echt leid.
noalk 19.10.2016
4. Einer fehlt noch!
Der Kunde! Ist in diesen Systemen auch daran gedacht, den Kunden zu informieren, wann die Ware geliefert wird, bspw. mit einem Zeitfenster von +-10 min (meinetwegen auch weniger)?
Pyrrhuloxia 19.10.2016
5. Zukunftsmusik
Ein Artikel über "Neue Transport- und Logistiksysteme", in dem Drohnen mit keinem Wort erwähnt werden?
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