Neuer ADAC-Präsident August Markl "Gut, dass die Amigo-Zeiten vorbei sind"

Er soll dem ADAC wieder zu mehr Glaubwürdigkeit verhelfen: August Markl ist zum neuen Präsidenten von Deutschlands größtem Verein gewählt worden. Im Interview erzählt er, warum außer ihm niemand diese Aufgabe übernehmen will.

Glückwünsche bei der Hauptversammlung in München: Der neu gewählte ADAC-Präsident August Markl
DPA

Glückwünsche bei der Hauptversammlung in München: Der neu gewählte ADAC-Präsident August Markl


SPIEGEL ONLINE: Herr Markl, der ADAC ist der größte Verein Deutschlands. Warum standen Sie allein als Präsident zur Wahl?

Markl: Wir haben nach geeigneten Kandidaten von außen gesucht, aber leider niemanden gefunden, der sich in dieser schwierigen Umbruchphase an die Spitze des ADAC stellen wollte. Daher habe ich die Verantwortung übernommen.

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst haben ebenfalls zweimal angekündigt, nicht ADAC-Präsident werden zu wollen. Jetzt sind Sie es trotzdem. Warum?

Markl: Ich habe bei der Hauptversammlung im Mai gesagt, die Reform auch weiterhin begleiten und umsetzen zu wollen. Da war allerdings noch nicht klar, wie lange das tatsächlich dauern würde und wie groß das Ausmaß der Missstände beim ADAC wirklich ist. Seit dem Sommer wissen wir, dass die Reform den ADAC noch sehr lange beschäftigen wird. Schließlich hat mich der unabhängige Beirat, der uns bei der Reform kritisch begleitet, vor einigen Wochen explizit um eine Kandidatur gebeten, ebenso wie zahlreiche Mitarbeiter.

Zur Person
    August Markl, Jahrgang 1948, ist Radiologe und Privatdozent an der Hochschule München. Er ist seit mehr als 40 Jahren Mitglied des ADAC und war zuletzt seit 2001 Vorsitzender des Regionalklubs Südbayern.
SPIEGEL ONLINE: Sie waren mehr als zehn Jahre Vorsitzender des ADAC Südbayern. Warum haben Sie sich in dieser Zeit nie für Reformen eingesetzt, sondern erst jetzt?

Markl: Es war in den vergangenen Jahren, in denen wir als ADAC sehr erfolgreich waren, nicht einfach abzuschätzen, was wirklich überarbeitet werden muss.

SPIEGEL ONLINE: Obwohl Sie an so wichtiger Stelle saßen und dazu noch in Nähe zur Klubzentrale in München?

Markl: Es geht ja nicht nur um strukturelle Veränderungen, sondern auch um eine andere Kultur. Viele ADAC-Mitarbeiter haben sich nicht getraut, an uns heranzutreten. Das laste ich ihnen gar nicht an, es liegt eher am Umgang miteinander. Es ging dabei vor allem auch um Themen in der ADAC-Zentrale und nicht so sehr um meinen Regionalklub.

SPIEGEL ONLINE: Im Hinblick auf die Verhältnisse in Ihrem Regionalklub machen Sie sich also keine Vorwürfe?

Markl: Ich bin stets offen zu allen Mitarbeitern, sowohl im Regionalklub als auch in der ADAC-Zentrale. Dort hat mir der Betriebsrat jetzt in einem Brief bescheinigt, dass sich das Klima im ADAC in den vergangenen Monaten deutlich gebessert habe und man jetzt ganz anders miteinander spreche.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie ein konkretes Beispiel dafür geben, was sich seitdem im ADAC geändert hat?

Markl: Jede Menge. Wir haben uns der berechtigten Kritik gestellt und legen zum Beispiel im Bereich der Compliance, also beim Einhalten von Richtlinien in Unternehmen, jetzt klare Maßstäbe für alle an. Für die Hauptämter und Ehrenämter, in den Regionalklubs und in der Zentrale. Gerade bei der Compliance hat sich gesellschaftlich in den letzten Jahren eine positive Veränderungen ergeben: Alle schauen jetzt genauer hin. Es ist gut, dass die Amigo-Zeiten vorbei sind.

SPIEGEL ONLINE: Warum kommt der ADAC erst jetzt zu dieser Einsicht?

Markl: Wir waren extrem erfolgreich, sind schnell gewachsen und haben dabei zu wenig die moralische Perspektive im Blick gehabt. Uns hat an der Stelle auch die Selbstreflexion gefehlt.

SPIEGEL ONLINE: Ihnen auch?

Markl: Ja. Ich meine zwar, dass ich schon vor der Krise auf die Moral geachtet habe. Aber ich schließe mich explizit nicht von dieser Kritik aus.

SPIEGEL ONLINE: Der ehemalige Präsident Peter Meyer ist immer noch im ADAC aktiv, er ist Vorsitzender des mitgliederstärksten Regionalverbands. Kann jemand wie er den Reformkurs glaubhaft mittragen?

Markl: Er hat in den Sitzungen des Lenkungsausschusses und im Verwaltungsrat für die Reform gestimmt.

SPIEGEL ONLINE: Laut Reformplan will sich der ADAC von einigen Geschäftsaktivitäten trennen. Wie hoch schätzen sie die finanziellen Einbußen, die dadurch entstehen?

Markl: Das lässt sich derzeit noch nicht abschätzen.

SPIEGEL ONLINE: Wird es jetzt Beitragserhöhungen geben?

Markl: Nein.

SPIEGEL ONLINE: In dem ADAC-Beirat sitzen Leute wie Edda Müller, die Vorsitzende von Transparency International Deutschland. Sie hat ihren Reformkurs gelobt.

Markl: Der Beirat begleitet uns kritisch und bringt die Perspektive der Öffentlichkeit in unser Reformprogramm ein. Das hilft uns sehr.

SPIEGEL ONLINE: Warum wird dann der Vorschlag des Beirats abgelehnt, dass ehrenamtliche Mitglieder nicht mehr als ADAC-Vertragsanwälte auftreten sollten? Die Doppelfunktion wird als Verquickung privater finanzieller Interessen kritisiert.

Markl: Der Beirat lehnt diese Doppelfunktion nicht per se ab, sondern fordert nachvollziehbare Kriterien und Prozesse. Genau die schaffen wir. Darüber hinaus: Nicht einmal zehn der insgesamt mehr als 600 ADAC-Vertragsanwälte bekleiden gleichzeitig ein ehrenamtliches Vorstandsamt im ADAC. Sie waren schon Vertragsanwälte, bevor sie ihr Ehrenamt übernommen haben.

SPIEGEL ONLINE: Sind das nicht zehn zu viel?

Markl: Die Berufung wird transparent gemacht. Wer im Vorstand sitzt, kann nicht darüber entscheiden, wer Vertragsanwalt wird. Zusätzlich gibt es künftig ein Vier-Augen-Prinzip mit der Münchner Zentrale.

SPIEGEL ONLINE: Derzeit prüft das Amtsgericht München, ob der ADAC den Status eines eingetragenen Vereins behalten darf. Sollte der Status aberkannt werden - wie sieht dann Ihr Plan aus?

Markl: Die jetzt beschlossene Reform ist das Maximale, was wir selbst für den Erhalt unseres Vereinsstatus leisten können. Darin sind sich alle internen und externen Juristen und Rechtswissenschaftler, mit denen wir gesprochen haben, einig. Wir haben keinen Plan B.

Das Interview führte Christoph Stockburger

insgesamt 19 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Badischer Revoluzzer 06.12.2014
1. Solange der ADAC
keine Steuern bezahlen muß, sind die AMIGO-Zeiten eben nicht vorbei. Die Firmenkonstrukte des ADAC müssen alle auf den Prüfstand. Welcher Staatsanwalt traut sich ?
h.hass 06.12.2014
2.
Der Mann ist 40 Jahre beim ADAC und seit 2001 einer der mächtigsten Manager dieses Vereins - und jetzt froh, dass die Amigo-Zeiten vorbei sind? Hört sich nach Schmierentheater an. Als ihn die Amigo-Kultur karrieremäßig nach oben trug, war sie ihm offensichtlich nicht unrecht. Jetzt will er uns verkaufen, er sei froh, dass sie beendet wird. "Wir waren extrem erfolgreich, sind schnell gewachsen und haben dabei zu wenig die moralische Perspektive im Blick gehabt." Wohlfeile Sprechblasen, die nur verschleiern sollen, dass sich die Funktionäre dieses Vereins, darunter Markl, so lange ordentlich bedient haben, wie es nur irgend möglich war. Erst massiver öffentlicher Druck hat jetzt Veränderungen erzwungen. So zu tun, als sei dies aus eigener Erkenntnis und mit moralischer Zerknirschung erfolgt, ist äußerst peinlich.
adal_ 06.12.2014
3.
"Gut, dass die Amigo-Zeiten vorbei sind" Ja, ne ist klar. Die Regionalfürsten - allesamt noch in Amt und Würden - hatten mit der Vereinspolitik und den Mauscheleien der Münchner Zentrale natürlich rein gar nix zu tun. :-)
rathat 06.12.2014
4. Die Amigo-Zeiten gehen weiter.
Die Umstrukturierung ist keine Reaktion auf die schlechte Presse und die mit Recht empörten Mitglieder. Es ist eine Reaktion auf die Ankündigung des Registergerichts München den Vereinsstatus überprüfen zu wollen. Da ging den Herren der Arsch wohl zu sehr auf Grundeis. In den ausgelagerten Geschäftsbereichen des ADAC werden sich auch in Zukunft an der Spitze Personen finden, mit dessen Hilfe der Vorsitzende seine Wahl gewonnen hat. Reiner Selbstbedienungsladen - steuerfinanziert wohlgemerkt!
Newspeak 06.12.2014
5. ...
Micht stört zweierlei... ...einerseits ist überhaupt kein Bruch zu erkennen. Der neue Präsident ist jahrzehntelanges Mitglied und in den "Amigo-Zeiten" im Verein sozialisiert worden und hat Karriere gemacht. Und so jemand soll für Erneuerung stehen? ...andererseits ist es ein ebenso schlechtes Zeichen, wenn man solche Dinge per Dekret für beendet erklärt, noch bevor man überhaupt irgendetwas verändert hat. Die korrupten Strukturen sind doch überall noch vorhanden. ADAC hin oder her, man hätte den Verein zerschlagen sollen bei komplettem Austausch des Führungspersonals. Außerdem sollte man Vereinen generell nicht erlauben, wie Unternehmen zu handeln, also auch nicht diese Größe zu erreichen. Sieht man auch beim FC Bayern. Jede Wette, daß da auch einiges an Korruption läuft, sieht man ja bei Hoeneß und seinen ominösen Geldquellen oder daran, daß sogar die korrupte Fifa wohl intern gegen Beckenbauer ermittelt.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.