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22. November 2013, 17:46 Uhr

Neuer Testzyklus

Endlich Verbrauchsangaben mit Gewähr

Von Margret Hucko

Auf die Angaben der Autohersteller zum Kraftstoffverbrauch war zuletzt immer weniger Verlass, bis zu 25 Prozent mehr Sprit als offiziell versprochen schluckten viele Fahrzeuge. Jetzt wurde ein neuer Testzyklus beschlossen, der den im Labor erzielten Fabelwerten ein Ende bereiten soll.

Die Luft ist dünn, die Sonne brennt. 30 Grad zeigt das Thermometer. Auf dünnen, vollgepumpten Reifen rollt der BMW die frisch asphaltierten Straßen hinunter. Mit gut geölten Lagern, das Fahrwerk tiefergelegt, taucht der Kombi fischgleich durch den Fahrtwind. Top-Bedingungen, um Sprit zu sparen. 136 PS unter der Haube, aber im Schnitt nur 5,9 Liter Benzin Verbrauch - das kann sich sehen lassen.

Tatsächlich aber fährt der Wagen nicht durch Spanien. Er tut nur so. Der Wagen steht auf dem Prüfstand. Unter den für sie bestmöglichen Laborbedingungen ermitteln die Hersteller dort den Spritverbrauch, den sie später in die Verkaufsprospekte drucken.

In den vergangenen Jahren klaffte die Lücke zwischen Verbrauch unter idealen Laborbedingungen und dem Benzindurst im Auto-Alltag immer weiter. Bei BMW lag der realistische Spritkonsum im Schnitt 30 Prozent über der Werksangabe, so eine Studie der Umweltorganisation Transport and Environment.

Mehr Realismus, bitte!

Diesen Missstand soll ein neuer Messzyklus nun korrigieren. Den sogenannten "World-Harmonized Light-Duty Vehicles Test Procedure" (WLTP) verabschiedete am 14. November eine technische Arbeitsgruppe der Vereinten Nationen. Im März nächsten Jahres muss der Test noch das nächsthöhere Gremium der Uno passieren. Laut Peter Mock, Vertreter der Forschungsorganisation International Council on Clean Transportation (ICCT), ist dies aber nur noch ein formaler Akt. Anschließend liegt es an den Ländern, ihn in nationales Recht umzuwandeln.

Der neue Testzyklus sieht vor, dass die Fahrzeuge nicht mehr 120 km/h in der Spitze fahren, sondern Tempo 130. Das für den Spritverbrauch so günstige Hochsommerklima von 30 Grad im Labor darf künftig nur noch 23 Grad betragen. Auch untersagt der WLTP den Herstellern, ihre Modelle in der spärlichsten Ausstattung auf den Prüfstand zu schicken, um Gewicht zu sparen.

"Das ist ein Schritt in die richtige Richtung", sagt Mock. Die Hoffnung: Statt werbewirksamer Werte wie in der Vergangenheit soll der WLTP die Realität besser abbilden. "Aber auch beim neuen Testzyklus ist die Befürchtung groß, dass die Hersteller Schlupflöcher finden werden."

Eigenbrötler USA

Dabei hatten die Autobauer selbst ein großes Interesse daran, den Fahrzyklus zu ändern. Ihnen ging es weniger um realistische Fahrbedingungen, als vielmehr um eine Vereinheitlichung. Durch einen weltweiten Standard müssten sie ihre Modelle nur noch einmal zertifizieren - statt wie bisher für viele Länder einzeln. Das spart Kosten.

Doch genau in diesem Punkt kann noch kein Erfolg vermeldet werden, ein weltweiter Standard wurde nicht geschaffen. Zwar akzeptieren große Automärkte wie Europa, Korea, Indien oder Japan den neuen Testzyklus, andere wiederum, wie beispielsweise die USA, spielen nicht mit. Selbst Indien, das grundsätzlich den WLTP unterstützt, möchte gerne einige Kenngrößen anpassen - so sei eine Höchstgeschwindigkeit von 130 km/h für das Land zu hoch, merkten die indischen Vertreter an.

Der einflussreiche Automobilclub ADAC hatte sich früh für den WLTP stark gemacht. "Die Autofahrer haben ein Recht darauf zu erfahren, was ihr Auto wirklich verbraucht", sagte der ADAC-Vizepräsident für Technik, Thomas Burkhardt, damals. Seit etwa einem Jahr nutzt der ADAC den kommenden Testzyklus, um einen realistischeren Spritverbrauch von Neuwagen zu ermitteln.

Für die künftigen Verbrauchswerte, die in der EU möglichst noch bis zum Jahresende festgezurrt werden sollen, kommt der neue Testzyklus zu spät. In dem kommenden Gesetz wird er als Fußnote enden - zugunsten der Hersteller. Denn die müssen die angestrebten 95 Gramm - was einem Spritverbrauch von ca. vier Litern entspricht - zwar nach WLTP erreichen. Die Schlupflöcher des alten, großzügigeren Verfahrens werden aber angerechnet. Kommt einem irgendwie spanisch vor, oder?

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