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Neues Lada-Design: Das Ende der Ostalgie

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Neues Lada-Design "Das ist die Gelegenheit, bei null anzufangen"

Lada besitzt das größte Autowerk in Russland - und in der westlichen Welt einen ganz schlechten Ruf. Klapprige Autos, kein Fahrvergnügen und ein biederes Äußeres. Ausgerechnet ein Ex-Mercedes-Designer will Lada nun in Form bringen.
Zur Person
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Steve Mattin, 47, hat fast zwei Jahrzehnte lang in Sindelfingen Luxuskarossen für Mercedes entworfen. 2005 wechselte er nach Schweden und entstaubte das Design der Marke Volvo. Seit zwei Jahren ist Mattin nun verantwortlich für etwas, das es vorher nie gab: ein einheitliches Design der Fahrzeuge des russischen Autobauers Lada. Der erste Lada der neuen Generation soll 2015 vom Band rollen. Die Entwürfe sind verwegen. Noch 2009 musste der Kreml den Konzern vor der Pleite retten.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben für Mercedes neben anderen Autos die S-Klasse (W220) und den Mercedes GL gestaltet. Das billigste Modell Ihres derzeitigen Arbeitgebers dagegen kostet gerade einmal gut 6000 Euro. Wie landet man als Premium-Designer ausgerechnet bei Lada?

Mattin: Zu einem bestimmten Zeitpunkt denkst du: Es ist Zeit, zu wechseln. Das war so, als ich von Mercedes zu Volvo gegangen bin. Es ist jetzt bei Lada ähnlich, nur ist die Herausforderung natürlich viel größer. Einerseits tauche ich in das Unbekannte ein, andererseits kann ich bei Lada eine viel größere Wirkung entfalten.

SPIEGEL ONLINE: Mit Witzen über klapprige Ladas könnte man Bücher füllen. Vorsichtig formuliert: Gibt es überhaupt eine größere Herausforderung für einen Autodesigner?

Mattin: Nicht wirklich. Ich war auch skeptisch, als ich das erste Mal von der Idee hörte. Ich hab mich mit ihr angefreundet. Lada ist eine einmalige Chance für einen Designer: Das ist die Gelegenheit, bei null anzufangen, sozusagen mit einem weißen Blatt Papier. Es geht hier ja nicht nur um ein neues Design, es geht um das ganze Image der Marke.

SPIEGEL ONLINE: Bei Volvo haben Sie oft davon gesprochen, dass sie das Erbgut der Marke modernisieren wollen. Was ist Ladas DNA?

Mattin: Normalerweise hat jede Marke Elemente, die alle Modelle gemein haben, eine Form, ein Merkmal. Bei Audi ist das der große, durchgehende Kühlergrill. Wer ihn sieht weiß: aha, ein Audi.

Bei Lada gibt es das nicht. Viele der Autos wurden zu sehr unterschiedlichen Zeiten entworfen. Lada baut etwa seit 30 Jahren einen Geländewagen. Der Niva hat ein Facelift bekommen, wurde ansonsten aber nie wirklich verändert. Der Lada Priora dagegen wurde mehrfach überarbeitet. Das sind also völlig unterschiedliche Fahrzeug-Generationen, die gleichzeitig verkauft werden. Es gab keine Strategie in der Firma. Jedes Auto sieht anders aus, hat ein anderes Gesicht, eine andere Front. Lada hat keine DNA, aber die schaffen wir jetzt: mit einer kühnen und charakteristischen X-Zeichnung, die sich über Scheinwerfer, Kühlergrill und die unteren Lufteinlässe erstreckt.

SPIEGEL ONLINE: Wieso hat Lada nie eine eigene DNA entwickelt?

Mattin: Konsistenz wurde nie gebraucht. Im Sozialismus war Design unwichtig. Wer ein Auto wollte, kaufte Lada. Der russische Markt hatte es lange nicht nötig, sich mit Design zu beschäftigen. Lada hat lange mit dem niedrigen Preis gepunktet. Vielen Käufern fehlt das Geld für ein anderes Auto. Doch die Dinge ändern sich.

Russen haben riesiges Interesse an Design. Sie lieben es, sich mit Produkten individuell abzusetzen. Man sieht das in Moskau, da fahren sehr viele Autos, die getunt wurden oder besonders lackiert.

SPIEGEL ONLINE: Die Kollegen haben doch bestimmt Witze gemacht, als Sie von Ihrem Wechsel erfuhren.

Mattin: Klar. Ich lese die auch ständig in den Zeitungen, vor allem die britische Presse macht sich lustig. Manchmal lache ich ein bisschen mit. Aber Lada ist auch einzigartig. Für die Russen ist das eine Hass-Liebe. Fast alle sind mit einem Lada aufgewachsen. Andererseits kauft jeder, der genug Geld hat, lieber ein Auto aus dem Ausland.

SPIEGEL ONLINE: Womit fängt man denn an, wenn man das Image eines Autos von null neu definieren muss?

Mattin: Jeder, der Lada hört, hat dieses Bild vor Augen: unmoderne, klobige Wagen. Ich muss die Menschen dazu bringen, sich davon zu lösen, auch unsere Mitarbeiter. Wenn du nicht nach dem Besten strebst, wirst du nie ein gutes Produkt erreichen. Eine solche Tradition gab es bei Lada vorher nicht. Nur mit dieser Einstellung aber werden wir verhindern können, dass unsere Kunden bei der Konkurrenz kaufen, sobald sie genug Geld dafür haben.

SPIEGEL ONLINE: Sie erklären alles, was Lada bislang gemacht hat, als untauglich für die Zukunft. Wie viel Rückhalt hat Ihr neuer Kurs im Konzern?

Mattin: Die Bereitschaft für Wandel ist groß, und ich spüre den Rückhalt seit dem ersten Tag. Das hat auch mit meiner Erfahrung zu tun. Jeder weiß, was ich gemacht habe. Die Leute kennen meinen Namen. Jedem ist aber auch klar: Lada muss sich verändern. Hyundai, Kia oder auch Volkswagen verkaufen gut in Russland, auch im preiswerteren Segment. Die chinesischen Autobauer sind im Kommen. Der Wettbewerb wird härter.

SPIEGEL ONLINE: Wie gehen Sie vor?

Mattin: Wir wollen unsere Wagenpalette erweitern. Ein Crossover soll dazu kommen, sicherlich ein Geländewagen und ein Kompaktwagen. Als Schnittpunkt zwischen diesen Varianten haben wir ein Konzept-Auto entwickelt. Die XRAY-Studie wird zwar nie in Serie gehen. Sie soll aber allen zeigen: Lada wird anders. Das inspiriert auch die Leute in unserer Firma. Lada brauchte einen neuen Look.

SPIEGEL ONLINE: Wie wird das neue Gesicht von Lada aussehen?

Mattin: Die Frontansicht eines Autos muss markant sein, unverwechselbar. Lada hat dieser Charakter immer gefehlt. Wir haben eine einfache, aber kühne Zeichnung gewählt: Ein X, dass Scheinwerfer und Grill umfasst. Eingefasst wird das X von zwei markanten Chrom-Flügeln. Das X greifen wir auch auf den Seiten auf. Und wir machen das Lada-Emblem auf dem Kühler mehr als doppelt so groß. Wir wollen unsere Marke nicht mehr verstecken.

SPIEGEL ONLINE: Wann kommt Ihr erster Lada auf den Markt?

Mattin: 2015 und dann jedes Jahr mindestens zwei neue Modelle.

SPIEGEL ONLINE: Bauen die auf bisherigen Modellen auf?

Mattin: Nein. Wir entwerfen neue Autos auf komplett neuen Plattformen. Es geht um die Modernisierung der Marke. Das ist das Aufregende an dem Job. Ich kam genau in dem Moment zu Lada, als die Grundlagen der neuen Autos diskutiert wurden. Sonst übernimmt man alte Projekte, hier war nichts vorgegeben.

SPIEGEL ONLINE: Lada war immer bekannt für seinen robusten Stil, für einfache Autos, die auch für ländliche Gebiete geeignet sind. Bleiben Sie diesem Minimalismus treu oder steigen Sie ein in das technische Wettrüsten?

Mattin: Wir müssen unsere derzeitigen Kunden behalten. Wir müssen Autos für die besonderen Erfordernisse Russlands bauen. Gleichzeitig müssen wir neue Käufer für die Marke gewinnen, dabei wird das Design eine wichtige Rolle spielen, und auch die Erweiterung der Produktpalette. Um wettbewerbsfähig zu sein, müssen wir auf dem aktuellen Stand der Technik sein. Trotzdem wird der niedrige Preis ein Verkaufsargument bleiben.

SPIEGEL ONLINE: XRAY sieht beeindruckend aus, nur eben nicht mehr wie ein Lada.

Mattin: Es ist ein Lada, wie wir ihn noch nicht kennen. Er kommt gut an bei den Kunden. Wir haben XRAY auf der Moscow Motorshow vorgestellt. Ich war verblüfft von der Zahl der Leute, die das Auto vom Fleck weg kaufen wollten. Die kamen auf mich zu und sagten: Egal was es kostet, ich will dieses Auto, ich zahle Cash.

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