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NextEV Nio EP9: Das ist der Nürburgring-Rekordhalter

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Elektro-Sportwagen NextEV Nio EP9 Ein Tausender mehr

Entworfen in München, präsentiert in London: Der EP9 ist das erste Modell des chinesischen Elektroautoherstellers NextEV. Sensationell sind an dem Wagen bisher nur die Rundenzeiten auf dem Nürburgring.
Von Michael Specht

William Li ist 42 Jahre alt und Multimillionär. Der Chinese gründete in seiner Heimat die Internetplattform bitauto  und zählt zu den größten Anbietern von Marketing-Dienstleistungen für die chinesische Fahrzeugindustrie. Vor zwei Jahren stieg er mit seinem Unternehmen NextEV und der Automarke Nio selbst in den Markt ein. Das Logo ist ein Symbol aus Erde und Horizont, in chinesischen Schriftzeichen bedeutet Nio "Weilai", das heißt so viel wie: "Der Himmel wird blau". Es sieht ganz so aus, als möchte William Li die Welt verbessern.

Wie der erste Schritt dazu aussieht, stellte er diese Woche der Öffentlichkeit vor: Li enthüllte in London das Elektroauto Nio EP9. Es hat 1000 kW, das entspricht 1360 PS. Und es wiegt rund 1,7 Tonnen.

War da nicht was in Las Vegas?

Verbessert werden somit erst einmal die Autosammlungen von ein paar Superreichen. Derzeit gib es laut Li sechs Exemplare des EP9, eines gehöre ihm, die anderen fünf seien bereits an Kunden aus China verkauft. Zum Preis macht NextEV keine Angaben, dafür beziffert Designchef Kris Tomasson den "Produktionswert" auf 1,2 Millionen Dollar .

Fragt man Li und Tomasson, der früher unter anderem für BMW und Ford arbeitete, nach erschwinglicheren Modellen, verweisen die beiden auf das kommende Jahr. Ende 2017 soll ein zweiter Wagen vorgestellt werden. Zu Bauart, Größe und Verkaufspreis wolle man aber noch nichts sagen.

William Li vor seinem EP9

William Li vor seinem EP9

Foto: Michael Specht

Die NextEV-Veranstaltung in London erinnerte ein bisschen an eine ähnliche Fahrzeugpräsentation, die Anfang des Jahres in Las Vegas über die Bühne ging. Dort zeigte das Unternehmen Faraday Future, ebenfalls von einem chinesischen Millionär gegründet, ebenfalls ein Elektroauto: Mit 735 kW, was immerhin 1000 PS entspricht. Der Clou an dem Wagen war das Chassis, das angeblich variabel sein sollte und als Plattform für weitere Modelle tauge. Zudem versprach Faraday Future, im US-Bundesstaat Nevada eine Fabrik zu bauen, wo E-Mobile mit Akkus vom Band laufen sollten, die doppelt so leistungsfähig seien wie jene etablierter Hersteller.

Zuletzt war bekannt geworden, dass Faraday Future die Arbeiten an der Fabrik einstellte und mehrere Führungskräfte das Unternehmen verlassen haben. Offenbar stockt der Geldfluss.

Ist von NextEV mehr zu erwarten? Und warum muss es zum Auftakt immer ein völlig abgehobener Supersportwagen sein und nicht ein alltagstaugliches Elektroauto für den Massenmarkt?

"Anders, vor allem besser"

Stefan Bratzel warnt davor, die Start-ups aus China zu unterschätzen: "Einige chinesische Hersteller sind im Bereich der Elektromobilität durchaus ernst zu nehmen", sagt der Direktor des Center of Automotive Management in Bergisch Gladbach. "Mittel- und langfristig könnten sie sogar zu einer Bedrohung für europäische Hersteller werden."

Nach der Gründung vor zwei Jahren hat sich NextEV tatsächlich schon global ausgebreitet. Die Zentrale befindet sich in Shanghai, produziert wird in Nanjing, die Konstruktions-, Forschungs- und Entwicklungszentren sind in San José, Peking, Hongkong und London angesiedelt. Auch in Deutschland gibt es einen NextEV-Standort: In München ist Sitz des Designbüros sowie der Marken- und Produktentwicklung. Im vornehmen Stadtteil Bogenhausen arbeiten derzeit 75 Designer aus 26 Nationen, weltweit beschäftigt NextEV nach eigene Angaben knapp 2000 Mitarbeiter.

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"Nicht wenige Kollegen stammen von Audi, BMW, Bentley, Aston Martin, Mercedes und Alfa Romeo", sagt Designchef Tomasson - ein deutlicher Gruß an das europäische Establishment. Doch sein Boss wiegelt ab: "Unser Bestreben ist es, die Marke Nio erst einmal in China fest zu etablieren, bevor wir an Export denken", sagt William Li. Spricht man ihn auf das Schicksal von Faraday Future an, kommt nach einem kurzen Schmunzeln eine selbstbewusste Ansage: "Wir werden es anders, vor allem besser machen."

Technologie aus der Formel E, weniger Reichweite als bei Opel

Dass NextEV mit einem 1360-PS-Boliden debütiert, hängt unter anderem mit der Investition des Unternehmens in die Formel E zusammen. Dort holten sich die Chinesen in der Saison 2014/2105 sogar den Titel in der Fahrerwertung. Zwischen Rennsport und Kleinstserie findet ein Technologietransfer statt. So sollen sich die beiden Batterie-Pakete des Nio EP9 bei Bedarf in acht Minuten austauschen sowie innerhalb von 45 Minuten vollladen lassen. 427 Kilometer Reichweite versprechen die Chinesen - wollen jedoch weder die Kapazität der Akkus verraten noch den Zulieferer der Zellen nennen.

Gerade bei der Akku-Technik liegt nach Ansicht von Experten aber der Knackpunkt der E-Mobilität. Das kürzlich vorgestellte Serienauto Opel Ampera E hat auf dem Datenblatt eine größere Reichweite stehen als der Nio EP9, das gleiche gilt für die Modelle von Tesla.

Würde sich die Angabe von 1360 auf die Reichweite in Kilometern beziehen und nicht auf die PS-Leistung, wäre der Nio eine Sensation. Aber so sei der Wagen "eine Marketing-Masche", sagt Ferdinand Dudenhöffer, Chef des Center Automotive Research der Uni Duisburg-Essen. Dagegen sei ein Know-how-Vorsprung bei der Zellforschung seiner Einschätzung zufolge "in China nicht erkennbar".

Weilai, "Der Himmel wird blau": Ob William Li mit vernünftigen E-Mobilen wirklich dazu beitragen wird, dass sich der Abgas-Smog über den chinesischen Metropolen lichtet, wird sich erst noch zeigen. Vorerst hat er die Welt nur auf dem Nürburgring verbessert: Dort brach sein Nio EP9 kürzlich den Rundenrekord für Elektroautos. Die neue Bestmarke liegt jetzt bei 7:05,12 Minuten.