Nissan Qashqai Käsch wie?

In der Kompaktklasse haben es Importeure schwer. Nissan zieht daraus die Konsequenz und nimmt Abschied vom Japan-Golf. Für den bleichen Almera kommt jetzt der bunte Qashqai, ein kompaktes Auto mit Geländewagen-Styling. Die Idee ist gut - nur was bitte soll der Name?


Schluss, aus, vorbei! Nissan ist es endgültig leid, in der Kompaktklasse einen Kampf auf verlorenem Posten zu kämpfen. Weil in dieser Liga ohnehin keiner einen Fuß auf den Boden bekommt, bei dem nicht der Name Golf, Astra oder Focus auf dem Heckdeckel klebt oder wenigstens ein französisches Markenzeichen den Kühler schmückt, ziehen die Japaner nun die Konsequenzen und verabschieden sich aus dem Revier des Wolfsburger Platzhirschs. Nicht dass sie im wichtigsten Segment des europäischen Marktes keine Autos mehr verkaufen wollten. Doch das klassische Modell mit vier Türen und schräger Heckklappe hat bei Nissan vorerst ausgedient.

Als Nachfolger des farblosen Almera zeigt Nissan deshalb auf dem Pariser Autosalon den Qashqai, der so gar nichts mehr mit dem gewöhnlichen Kompaktklässler europäischen Zuschnitts gemein hat. Mit dem auffälligen Design, das wirkt, als hätten die Stylisten den modischen SUV Murano geschrumpft, einer höheren Sitzposition und der Option auf Allradantrieb soll er vom Frühjahr 2007 an zu Preisen um 19.000 Euro an der Golf-Klasse vorbei seinen Weg in die deutsche Zulassungsstatistik finden.

Konzernchef Carlos Ghosn hat selbstkritisch beobachtet: "Schon viel zulange zeichnet sich die Kompaktklasse durch konventionelle Fahrzeuge mit konventionellen Leistungsmerkmalen aus. Nützlich, aber einfallslos, berechenbar, ohne Herz und ohne Leidenschaft." Aus der Marktforschung allerdings weiß Ghosn: "Die Kunden wollen mehr als das." Selbst wenn sie dabei scheinbare Gegensätze vereint wissen wollen. "Sie wollen etwas Praktisches mit einem ansprechenden Interieur – aber nicht zu groß in der Stadt. Sie wollen sich im Stadtverkehr sicher und souverän fühlen, aber kein voluminöses, bedrohlich wirkendes Auto fahren. Sie wollen die Dynamik eines Sportwagens, die Robustheit eines SUV und das alles im Format und mit dem Verbrauch eines kompakten Schrägheckmodells", fasst er die Anforderungen zusammen und zieht daraufhin das Tuch von einem Auto, das all diese Gegensätze vereinen soll.

Kaum länger als ein VW Golf, kompakter als ein SUV

Mit 4,31 Metern ist der muskulös gezeichnete Qashqai nur wenig länger als ein VW Golf, dafür aber deutlich kürzer als die meisten kleinen Geländewagen vom Schlag des Toyota RAV-4. Außerdem fügt er sich mit 1,61 Metern Höhe im Profil irgendwo zwischen Limousine und Van ein. Außerdem lockt er mit einem Innenraum, dem ein großes Glasdach, eine in den gehobenen Versionen vornehme Materialanmutung, eine Vielzahl praktischer Ablagen und nette Extras wie die Rückfahrkamera Wohlbehagen schaffen sollen. Das klingt viel versprechend, wird aber in der Praxis nicht viel mehr heißen, als dass der Quashqai wendig ist, man mit ihm auch in enge Parklücken kommt, einen guten Überblick hat und sich vor der Bordsteinkante nicht zu fürchten braucht. Gemessen an einem Geländewagen sind das bescheidene Ziele, für einen Golf-Konkurrenten allerdings große Fortschritte.

Der Name allerdings ist ein echter Zungenbrecher, und jeder Verkäufer wird in Lautschrift ein "Käsch-Kai" aufs Kennzeichen malen müssen, wenn er seinen Kunden die peinliche Sprachprobe ersparen möchte. Doch ist die Bezeichnung mit einem gewissen Hintersinn gewählt: Denn Pate stand ein Stamm von Wüstenkriegern aus dem Südwesten Irans, dem nun mit dem Stadt-Nomaden eine rollende Referenz erwiesen wird.

Mutige Strategie für ein technisch konventionelles Auto

So mutig die Strategie auch ist, und so ansehnlich der Qashqai mit seiner hoch aufragenden Front, der stark konturierten Haube, den muskulösen Flanken und der sanft gerundeten Heckansicht auch sein mag – unter dem Blech wird der in London designte und in Sunderland gebaute Wagen nach einem schlichten Muster gestrickt. Die Kunden haben die Wahl zwischen Frontantrieb oder dem Allrad-Paket aus den Nissan X-Trail, für das die Japaner die Ansprüche freilich etwas dämpfen: "Auch wenn er etwas mehr Bodenfreiheit hat als gewöhnlich, will sich der Qashqai nicht mit vollwertigen Geländewagen messen", rudern sie zurück. "Der Allradantrieb dient vor allem dazu, auch bei widrigen Witterungs- und Fahrbahnverhältnissen mehr Traktion aufzubauen."

Die nötige Kraft dafür liefern zunächst je zwei Benzin- und Dieselmotoren. Den Einstieg markiert ein Selbstzünder mit 1,5 Liter Hubraum und 106 PS und ein Benziner mit 1,6 Liter Hubraum und 115 PS. Und an der Spitze stehen zwei Zweiliter-Aggregate, die mit Diesel auf 150 und mit Benzin auf 140 PS kommen. Geschaltet wird von Hand mit fünf oder sechs Gängen, einem Wandlerautomaten mit sechs Stufen oder einem stufenlosen CVT-Getriebe.

Wer das neue Auto kaufen soll, wissen die Japaner auch noch nicht so genau. Weil der Quasquai nicht streng der Norm folgt, rechnet Nissan aber mit vielen Eroberungskäufen von Kunden, die Neuheiten gegenüber aufgeschlossen sind. Denn so viel steht für den zuständigen Absatzstrategen Carlos Tavares fest: "Ab jetzt braucht niemand mehr ein langweiliges Auto zu fahren."

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