Notrufsystem eCall Der langsame Start eines Lebensretters

Für die klassischen Notrufsäulen an deutschen Bundes-, Landes- und Kreisstraßen kommt das Aus. Sie werden bis zum Jahresende fast im gesamten Bundesgebiet abgebaut. Künftig setzen die Retter auf ein intelligentes Auto. Doch das neue System hat noch Schwächen.

Steiger-Notrufsäule: Ein Rettungstelefon an der B31 bei Überlingen
DPA

Steiger-Notrufsäule: Ein Rettungstelefon an der B31 bei Überlingen


Wer kennt sie nicht, die orangefarbenen Notrufsäulen am Fahrbahnrand. Sie haben zum Zeitvertreib der Kinder beigetragen, in dem die Kleinen während der Fahrt die Leitpfosten zwischen den Notrufsäulen gezählt haben. Und - das ist das Wichtigste - sie haben Leben gerettet. Doch jetzt sollen sie einem moderneren System weichen. Außerhalb Baden-Württembergs sollen die Säulen bis Ende 2011 abgebaut werden.

Wegen der hohen Unterhaltskosten hatte der Betreiber, die Björn-Steiger-Stiftung aus Stuttgart, nach eigenen Angaben bereits 2006 mit dem Abbau der Notrufsäulen an Bundes-, Landes- und Kreisstraßen begonnen. Zum Jahresende sollen auch die noch 234 verbliebenen Telefone am Straßenrand außer Dienst gestellt werden. Im Heimat-Bundesland bleiben den Verkehrsteilnehmer allerdings knapp 2000 Notruftelefone erhalten.

Unsicherer soll der Verkehr jedoch nicht werden. Nach dem Willen der EU sollen in einem Unfall verwickelte Fahrzeuge in Zukunft automatisch eine Sprachverbindung aufbauen sowie einen Notruf absetzen und so die Rettungskette alarmieren. Zwar haben einige Autohersteller wie etwa von BMW und Volvo eigene Notrufsysteme entwickelt, doch die EU will, dass alle Pkw zum automatischen Unfallmelder werden. Das eCall genannte System übermittel per Mobilfunk sofort nach dem Unfall unter anderem Daten zum genauen Standort und gegebenenfalls die Fahrtrichtung auf der Autobahn an die nächstgelegene Notrufleitsteller. Das verringert die Anfahrtszeit der Rettungskräfte um bis zu 50 Prozent.

Nicht nur retten, sondern auch sparen

Nach Angaben der EU sollen so die Zahl der Verkehrstoten um mehrere hundert Opfer zurückgehen. Der eCall soll in den Mitgliedsstaaten der EU sowie Island, Norwegen und der Schweiz funktionieren. In Russland setzen die Verantwortlichen auf ein eCall-kompatibles System, so dass es auch dort arbeiten können soll.

Die Technik soll nicht nur Leben retten, sondern auch Geld sparen. In einem Informationsblatt rechnet die EU vor, dass durch eCall die Unfallstelle schneller geräumt werden könne. Das reduziere die Zahl der Folgeunfälle sowie die Dauer und Länge der Staus. Damit sinke auch der Kraftstoffverbrauch. Den volkswirtschaftlichen Schaden aller Verkehrsunfälle beziffert die EU auf mehr als 160 Milliarden Euro. Wären alle Autos mit eCall ausgestattet, ließen sich jährlich mehrere Milliarden Euro sparen.

Doch bis tatsächlich alle Fahrzeuge mit dem automatischen SOS-Sender ausgestattet sein werden, dürfte es nach Einführung des Systems noch gut zehn Jahre dauern. Das war 2010 nach Angaben des Kraftfahrtbundesamtes das Durchschnittsalter bei Außerbetriebsetzung eines Wagens in Deutschland. In anderen europäischen Ländern dürfte die Nutzungsdauer noch höher liegen.

Viele Probleme sind noch nicht gelöst

Und bis der elektronische Lebensretter tatsächlich einsatzfähig ist, wird es noch etwas dauern, weil noch einige Probleme zu überwinden sind:

  • Alle Autohersteller müssen alle neuen Fahrzeuge mit einem einheitlichen eCall-Modul ausstatten.
  • Die Betreiber der Mobilfunknetze müssen veranlassen, dass der eCall mit den entsprechenden Angaben vorrangig durchgestellt wird.
  • Die Notrufzentralen und Rettungsdienste müssen über Geräte verfügen, die den eCall empfangen und auswerten können.

Nicht nur technischen Hürden sind zu überwinden - allein die Koordination mit den Mitgliedsländern ist aufwendig. Allein dafür hat die EU ein eigenes Projekt mit dem wohlklingenden Namen HeERO, das steht für Harmonised eCall European Pilot. Noch bis zum 31. Dezember 2013 soll dieses Projekt laufen. "Berücksichtigt man das gesetzgeberische Verfahren, ist mit einem Start des voll funktionsfähigen eCall-Systems frühestens Ende 2014 zu rechnen", sagt Bernfried Coldewey, eCall-Experte beim ADAC.

Im Prinzip wären mit dem System sämtliche Notrufsäulen überflüssig. Allerdings sollte den Autofahrern bewusst sein, dass es nur dann funktioniert, wenn das Modul Kontakt zu einem Mobilfunknetz hat - und das ist nicht überall der Fall.

Deshalb hat die Björn-Steiger-Stiftung noch genug zu tun. Denn ein wichtiger Schritt in der Rettungskette ist die Erste Hilfe am Unfallort. Und auch darum will sich die Stiftung künftig weiter kümmern. Man wolle man mit Initiativen wie Sani Sanelli Grundschülern spielerisch das Verhalten im Notfall und das Absetzen eines Notrufs beibringen. "Wir haben in Deutschland keine Erste-Hilfe-Kultur", sagte Melanie Storch, Pressesprecherin der Stiftung. "Dabei sind Kinder schon ab der 7. Klasse physisch und geistig in der Lage, eine Herz-Lungen-Wiederbelebung durchzuführen."

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insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
iron mace 30.06.2011
1. Ein weiterer Schritt zum Überwachungsstaat.
Ganz nebenbei übermittelt ecall ständig Positionsdaten an Funknetze, es lassen sich Geschwindigkeiten berechnen usw. Orwell war ein Optimist, ich glaube der wusste gar nicht was für ein Optimist er war. Aber die EU wird alles was sich dieser Mann vorgestellt hat noch in den Schatten stellen.
felix1961 30.06.2011
2. Die totale Verkehrsüberwachung...
Zitat von iron maceGanz nebenbei übermittelt ecall ständig Positionsdaten an Funknetze, es lassen sich Geschwindigkeiten berechnen usw. Orwell war ein Optimist, ich glaube der wusste gar nicht was für ein Optimist er war. Aber die EU wird alles was sich dieser Mann vorgestellt hat noch in den Schatten stellen.
...kommt auch ohne eCall. Googeln Sie z.B. mal unter "Section Control".
kezia_BT 30.06.2011
3. Liever dood als Slav!
Zitat von sysopFür die klassischen*Notrufsäulen an deutschen Bundes-, Landes- und Kreisstraßen kommt das Aus. Sie werden bis zum Jahresende fast im gesamten Bundesgebiet abgebaut. Künftig setzen die Retter auf*ein intelligentes Auto. Doch das neue System hat noch Schwächen. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,771486,00.html
Vordergründig mag es um Unfallrettung gehen. Aber doch noch viel mehr ums Sparen. Und nicht zuletzt darum, daß nicht nur ein Handy (das man ja nicht unbedingt dabeihaben muß), sondern auch ein Auto jederzeit verraten können, wer wo ist. Auf die Gefahr hin, am Straßenrand zu verbluten bleibe ich meinem Motto treu: Liever dood as Slav! (für hochdeutsche Leser: Lieber tot als Sklave!)
Niamey 01.07.2011
4. Notrufsystem
Zitat von sysopFür die klassischen*Notrufsäulen an deutschen Bundes-, Landes- und Kreisstraßen kommt das Aus. Sie werden bis zum Jahresende fast im gesamten Bundesgebiet abgebaut. Künftig setzen die Retter auf*ein intelligentes Auto. Doch das neue System hat noch Schwächen. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,771486,00.html
Na liebe Politiker, Verkehrsplaner und sonstige mit der Wirtschaft verquickte Gesellen, haben wir wieder etwas gefunden das wir verschlimmbessern können und dabei auch noch die eine oder andere "Spende" einstecken können? So wie bei den Telefonzellen, dem Bildungssystem (13 auf 12 Klassen, die Einführung minderwertiger Studienaschlüsse, Autobahnmaut im Großkotzerstil denn eine Vignette hätte es auch getan etc.) Wo wollen wir in Zukunft denn noch Steuergelder zum Nachteil des Steuerzahlers sparen, damit man noch ein paar mehr faule Säcke mit Versorgungspöstchen ausstatten kann? Klar, die Industrie will ja auch was verdienen. Das hätte ich ja fast vergessen. Was zählt da schon ein Menschenleben, das durch eine Notrufsäule eventuell hätte gerettet werden können, diese aber gerade abgebaut worden ist. Ich hoffe sie können alle noch gut schlafen mit dem Wissen!
schroeders_erben, 01.07.2011
5. für ein titelfreies Forum
Zitat von iron maceGanz nebenbei übermittelt ecall ständig Positionsdaten an Funknetze, es lassen sich Geschwindigkeiten berechnen usw. Orwell war ein Optimist, ich glaube der wusste gar nicht was für ein Optimist er war. Aber die EU wird alles was sich dieser Mann vorgestellt hat noch in den Schatten stellen.
vermutlich werden diese Daten dann im Rahmen der Terrorabwehrgesetze auch den USA zur Verfügung gestellt werden. Nein im Ernst, wenn das wirklich so ist, wie Sie sagen, wäre das ein deutlicher Schritt hin zur totalen Überwachung. Zusammen mit der allfälligen Vorratsdatenspeicherung liessen sich auch im Nachhinein noch minutengenaue Bewegungsprofile erstellen. Zunächst mal sehe ich das Ganze jedoch als intelligente Möglichkeit, Leben zu retten. Natürlich muss mir als Besitzer des Fahrzeuges im Zweifelsfall auch die Wahlfreiheit gelassen werden, ob ich das Gerät in Betrieb nehmen will oder nicht.
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