NSU Ro 80 Wankelmütiges Wunderwerk

Kult wurde er nie, noch war er sparsam oder günstig. Doch als der NSU Ro 80 der Welt im Herbst 1967 vorgestellt wurde, war er der Star der Automesse IAA. In sich vereinte der keilförmige Neuling aus Neckarsulm modernstes Design und zukunftsweisende Technik.

Neckarsulm - Großartig, revolutionär und insgesamt einfach umwerfend - wenn es nach den Ankündigungen der Hersteller geht, ist eigentlich jedes neue Modell ein Meilenstein der Technik. Tatsächlich stehen im Scheinwerferlicht der großen Autoshows in der Regel Autos, bei denen Bewährtes und Bekanntes wieder einmal weiter entwickelt wurde. Nur selten gehen die Ingenieure vollkommen neue Wege. Dann kommen am Ende wirklich überraschende Fahrzeuge wie die legendäre DS von Citroën heraus, oder eben das, was im baden-württembergischen Neckarsulm als NSU Ro 80 gebaut wurde und zu den bemerkenswertesten Autos der sechziger Jahre zählt.

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NSU Ro 80: Nie Kult, aber begehrter Klassiker

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Als die Internationale Automobil-Ausstellung (IAA) im Herbst 1967 ihre Tore öffnete, war schnell klar, wer der Star der Messe sein würde. Denn der Traditionshersteller NSU hatte, statt von der Konkurrenz abzukupfern, etwas geschaffen, das sowohl in Hinblick auf das Design als auch bei der Technik Neues brachte.

Die erste Überraschung bestand schon darin, dass man in Neckarsulm überhaupt ein derart großes und auch teures Auto baute. Bisher war das Unternehmen im Autobereich vor allem für die eher kompakten Gefährte mit dem Namen Prinz bekannt. Die Wurzeln der Firma lagen allerdings auf ganz anderem Gebiet: 1873 gegründet, stellte NSU zunächst Strickmaschinen und Fahrräder her. Nach dem Zweiten Weltkrieg galt NSU als größte Motorradfabrik der Welt.

Und nun dies: ein Auto, das alle staunen ließ. Allein schon die Form. Während Ford beim Taunus noch in Barock schwelgte und bei Mercedes der Wechsel zum sachlich-klobigen Strich-Achter noch bevor stand, lieferte NSU eine aerodynamisch bis ins Detail ausgefeilte Karosserie. Der damals noch recht exotische Windkanal war während der Konstruktionsphase ausgiebig genutzt worden. Heraus kam eine keilförmige Silhouette mit bemerkenswert flacher Frontpartie und sehr stark geneigter Windschutzscheibe.

Wankelmotor in der flachen Frontpartie

Die flache Front wurde aber erst durch die zweite Besonderheit des Ro 80 möglich - den Motor. Das Kürzel Ro steht schließlich für Rotationskolbenmotor, auch bekannt als Wankelmotor. Felix Wankel hieß der Mann, der von den herkömmlichen Otto- und Dieselmotoren nicht wirklich überzeugt war, und etwas Neues schaffen wollte. Das Prinzip der immer wieder von oben nach unten rasenden Kolben hielt er für alles andere als perfekt. Schon 1954 hatte er seine Idee des Motors mit drehendem Kolben umgesetzt. Bald erkannte man bei NSU die Bedeutung des neuen Drehs und setzte einen solchen Motor in kleiner Serie im so genannten Wankel-Spider ein.

Doch erst im Ro 80 sollte der Wankelmotor viele seiner Vorzüge wirklich zur Geltung bringen können. So sind beim Wankelmotor weniger Bauteile nötig als bei herkömmlichen Aggregaten. Außerdem wiegt er weniger und benötigt auch nicht so viel Platz - weswegen die Frontpartie des Ro 80 so niedrig sein konnte. Der Fahrer kommt in den Genuss eines vibrationsarmen Motorlaufs nach Turbinen-Art, der nicht durch hoch und runter rumpelnde Kolben gestört wird.

Der Ro 80 bekam sogar gleich die nächste Evolutionsstufe des Motors unter die Haube, den Zweischeiben-Kreiskolbenmotor. Zwei so genannte Kammern mit jeweils 497,5 Kubikzentimetern Hubraum brachten es auf eine Motorleistung von immerhin 115 PS. Damit beschleunigte der NSU in 12,8 Sekunden aus dem Stand auf Tempo 100 und ließ Autobahngeschwindigkeiten bis zu 180 km/h zu. Als sparsam gilt der Wankelmotor jedoch bis heute nicht. Angegeben wurde der Verbrauch des NSU Ro 80 mit 15 Litern, zeitgenössische Tests Berichten allerdings von 17,4 Litern. Dass Normalbenzin ausreichte, ist da wohl eher ein kleines Trostpflaster.

Für Sparsame war der große NSU ohnehin nicht die richtige Wahl. Schon von der Anschaffung her lag er über den meisten Konkurrenten. Wie sehr, dass geht aus einem Vergleichstest der Zeitschrift "auto motor und sport" aus dem Jahr 1968 hervor. Dort trat der 14.190 Mark teure Ro 80 unter anderem gegen einen 13.154 Mark teuren Mercedes 230 mit 120 PS und den 130 PS starken Opel Commodore GS an, den es bereits für 11.191 Mark gab.

Starten mit Bedienungsanleitung

Immerhin bekamen NSU-Käufer neben der serienmäßigen Extravaganz auch eine reichhaltige und moderne Ausstattung. Ab Werk gab es die Servolenkung ebenso wie ein halbautomatisches Getriebe. Für die Verzögerung sorgten an allen Rädern Scheibenbremsen. Auch über die Sicherheit hatte man sich Gedanken gemacht: Der Kraftstofftank wurde vor die Hinterachse verbannt, lag also nicht mehr im Aufprall-gefährdeten Bereich. Für den Komfort war ebenfalls gesorgt - die heizbare Heckscheibe gehörte zum Lieferumfang wie eine Mittelarmstütze hinten oder die elektrische Scheibenwaschanlage.

Tatsächlich hatte aber nicht jeder Käufer seine uneingeschränkte Freude am Ro 80. Vor allem nicht jene, die sich den Blick in die Bedienungsanleitung ersparen wollten und lieber gleich zum Zündschlüssel griffen. In solchen Fällen konnte es passieren, dass der NSU sich zickig zeigte. Grundsätzlich startete der Wagen einwandfrei, wenn alle Vorschriften befolgt wurden. Und die besagten eben, dass beim Anlassen kein Gas gegeben werden sollte. Wer den Startprozess jedoch mit dem Gasfuß unterstützte, hatte es schnell mit einem komplett abgesoffenen Motor zu tun.

Gerade bei frühen Modellen sorgte der Motor noch auf andere Weise für unangenehme Momente. Er galt zunächst als recht anfällig für Defekte, immer wieder wurden Motorschäden gemeldet. Das wurde zwar schnell mit ein paar konstruktiven Änderungen behoben, auch sorgte NSU kulant für Ersatz. Trotzdem hatte der Ruf des Ro 80 einen Kratzer bekommen. Später kam dann noch eine Korrosionsneigung des Autos hinzu, die den zeitweisen Einsatz billigen Recyclingblechs zum Grund hatte.

Der Letzte mit Markenzeichen NSU

Trotz solcher Einschränkungen galt der Ro 80 als hochwertiges Auto mit hohem Status. Einen Weg in eine goldene Zukunft bildete er für NSU dennoch nicht - im Gegenteil. Die Verkaufszahlen bewegten sich in eher bescheidenem Rahmen, im Jahr 1969 endet die lange NSU-Geschichte mit der Fusion zur Audi-NSU-Union. Der Ro 80 war damit nicht das erste Auto einer neuen Generation, sondern das letzte mit dem Markenzeichen NSU. Eine weitere Neuentwicklung fand zwar noch den Weg auf die Straßen, trug aber nicht mehr die drei Buchstaben in der Bezeichnung. Nach dem Wankel-Modell hatte man bei NSU noch eine Limousine mit herkömmlichem Benzinmotor entwickelt - verkauft wurde die am Ende jedoch als VW K 70.

Der Ro 80 selbst ließ zwar nicht die Kunden in Scharen die Autohäuser stürmen - er weckte jedoch manchen anderen Autohersteller auf. Mercedes baute ein Rekordfahrzeug mit Wankelmotor, andere versuchten sich an Serienmodellen. Heute allerdings hält nur noch Mazda am Prinzip der drehenden Kolben fest. Dem nicht wirklich sparsamen Ro 80 selbst versetzten Nachwehen der Ölkrise den Todesstoß, so dass die Produktion im März 1977 nach insgesamt zehn Jahren und 37.398 Exemplaren endete.

Von Heiko Haupt, gms

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