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Verkehr in Wien: Es geht auch ohne Auto

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Verkehrskonzept in Wien Auto? Nein danke!

Kaum eine Stadt experimentiert so konsequent mit neuen Mobilitätskonzepten wie Wien. Dabei wird Autofahren nicht, wie sonst oft, bestraft - es gibt einfach attraktivere Angebote.

Die Freude ist groß in Wien: Vergangene Woche wurde der neue Copenhagenize Index vorgestellt, die Rangliste der fahrradfreundlichsten Städte der Welt. Erstmals steigt Österreichs Hauptstadt mit Platz neun in die Top Ten auf.

Damit wurde Wien einmal mehr bescheinigt, auf dem richtigen Kurs zu sein. Seit Jahren schon landet die Stadt in unterschiedlichen Studien, die Lebensqualität untersuchen, auf dem Spitzenplatz. Mobilität und Verkehr spielen dabei eine wichtige Rolle.

Eine Tour mit dem Fahrrad ersetzt oft eine Fahrt mit dem Auto, das weiß man in Wien schon lange. Und weniger Autos in der Innenstadt bedeuten: weniger Staus, weniger Abgase, weniger Lärm, weniger zugeparkte Flächen, damit mehr öffentlichen Raum. In den zurückliegenden Jahren und Jahrzehnten hat Wien eine pragmatische Verkehrspolitik betrieben: Es ging und geht nicht gegen das Auto, wie man im Wiener Rathaus betont, sondern um das bessere Verkehrskonzept, das mehr Lebensqualität verspricht. So viel Auto wie nötig, so wenig Auto wie möglich. Nicht Verbote stünden im Vordergrund, sondern Angebote, heißt es in der Stadtverwaltung.

Frühzeitig haben Politiker erkannt: Es genügt nicht, Autofahrern mit Parkplatzverknappung, teuren Parkgebühren, Tempolimits und anderen Regeln das Leben schwer zu machen, sondern man muss gleichzeitig attraktivere Alternativen bieten. Wer in Wien unterwegs ist, soll nicht in erster Linie das Gefühl haben, der Besitz eines Autos wäre unattraktiv, vielmehr soll sichtbar sein: Das Auto ist entbehrlich. Ziel ist es, heißt es in der Stadtregierung, das Gehen, das Radfahren und die Nutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln so effizient miteinander zu verknüpfen, dass das Auto überflüssig wird.

Radikal bequem

Und das funktioniert so:

  • Die gesamte Innenstadt ist teure Kurzparkzone, nach 120 Minuten muss der Platz geräumt werden.
  • Die Parkgebühren kann man aber bequem per App bezahlen. Nach Überschreiten der Parkzeit klemmt ziemlich rasch ein Strafzettel hinterm Scheibenwischer.
  • Im Bezirk Neubau gilt ab September flächendeckend Tempo 30, in sogenannten Begegnungszonen, in denen Fußgänger "Vorfahrt" haben, sogar nur Tempo 20. Andere Stadtteile erwägen ähnliche Schritte.

Gleichzeitig hat Wien Anreize geschaffen, auf die "Öffis" umzusteigen, wie hier U-, S- und Straßenbahnen sowie Busse genannt werden. Ein gutes und dabei für die Nutzer leistbares öffentliches Verkehrsnetz erleichtern den Verzicht aufs Auto. Die rot-grüne Stadtregierung einigte sich 2012 auf eine Jahreskarte für 365 Euro, eine Verbilligung um 20 Prozent. Der Preis gilt bis heute, eine Steigerung ist wegen der Symbolik - ein Euro pro Tag - eher schwierig durchzusetzen. Einen Fahrplan muss man kaum kennen, Züge und Busse fahren alle paar Minuten.

Wien gilt seither als "Öffi"-Stadt: Rund 822.000 Menschen besitzen inzwischen eine Jahreskarte der Wiener Linien, Tendenz steigend. Der Anteil des öffentlichen Verkehrs am Gesamtverkehr der Stadt macht 38 Prozent aus. Das Auto folgt mit 28 Prozent, Fußwege liegen bei 26 Prozent, Radfahrten bei nur sieben Prozent. Neue Radwege vor allem in den Außenbezirken sollen diesen Anteil erhöhen. "In der Innenstadt fahren viel mehr Menschen Rad als am Stadtrand", sagt Petra Jens von der Mobilitätsagentur, einem 2013 gegründeten städtischen Kommunikationsunternehmen, das die Mobilität mit Rad und zu Fuß verbessern soll. 1993 machte der Autoanteil noch 40 Prozent aus, die "Öffis" lagen bei 20 Prozent.

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Mit den Einnahmen aus den Fahrkarten finanzieren die Wiener Linien sich nach eigenen Angaben zu 60 Prozent. Der Rest kommt von der Stadt. Ausbau der Infrastruktur wie neue Verbindungen oder der Ausbau bestehender Linien wird vom Bund unterstützt. "Öffentlicher Verkehr ist nie kostendeckend", sagt Jens. Er mache aber eine lebenswerte Stadt aus. Viele Politiker in Wien und anderswo finden daher, eine Finanzierung durch die Allgemeinheit sei angebracht.

Eine U-Bahn-Linie ins Nirgendwo - doch später ein Pluspunkt

So mutig wie Wien ist dabei kaum eine andere Stadt: Noch bevor mit der Errichtung eines neuen Stadtteils weit draußen im 22. Bezirk begonnen wurde, baute man als erstes eine U-Bahn-Linie dorthin. "Sie führte damals buchstäblich ins Nichts", erinnert sich Jens. Wäre das Stadtteilprojekt gescheitert, hätte man Wien die Verschwendung von Millionensummen vorgeworfen. Doch das Projekt Seestadt Aspern begann, und sofort war es attraktiv, dorthin zu ziehen, weil der Ortsteil von vornherein gut angebunden war. Am dortigen Bahnhof stehen kostenlose Leihfahrräder für die ersten beziehungsweise letzten Meter zur Verfügung, neuerdings fahren dort auch autonome E-Busse.

Solche Projekte sind Teil einer politischen Strategie und zudem Notwendigkeit: Wien wächst rasant, Jahr für Jahr kommen bis zu 30.000 Menschen hinzu. Entsprechend nimmt auch der Verkehr zu. Damit die Zahl der Autos in der Stadt nicht weiter wächst, soll der Anteil des Carsharings steigen. Überhaupt soll gelten: "Nutzen statt besitzen", wie es im 130 Seiten starken Wiener Mobilitätskonzept "Step2025" heißt. Der Automobilverband ÖAMTC unterstützt das. "Wir verstehen uns seit einigen Jahren als Mobilitätsverband", sagt Ernst Kloboucnik, Landesdirektor für Wien, Niederösterreich und das Burgenland. Wichtig sei, "dass nicht ein Verkehrsmittel gegen das andere ausgespielt wird". Den Wandel bei der individuellen Mobilität wolle man mitgestalten.

Auch sonst ist Wien in Sachen Verkehr experimentierfreudig: Im Jahr 2018 ließ die Verwaltung zu, dass asiatische Firmen die Stadt mit Leihfahrrädern fluteten. Die Hoffnung war, dass der Radanteil deutlich steigen würde. Das ging schief: An immer mehr Ecken türmten sich Fahrradleichen, am Ende blieb die Stadt auf Entsorgungskosten von einer Million Euro sitzen. Die beiden Radverleiher, O-Bike und Ofo, sind inzwischen aus Wien verschwunden. Dafür funktioniert das städtische Citybike, ein Radverleih mit mehr als 120 Stationen, gut.

In diesem Jahr sind E-Scooter der Renner. Sechs Firmen bieten die Flitzer an, insgesamt 7000 Stück sind in Wien registriert. Wieder will die Stadt pragmatisch vorgehen: Man schaue sich das noch bis Herbst an, bewerte dann die Situation und werde dann Regeln aufstellen, heißt es in der Verwaltung. Bis zum Jahr 2050 will Wien die CO2-Emissionen im Verkehr auf null reduzieren, dazu könnten die Scooter beitragen. Doch noch wisse man nicht, ob sie Autos ersetzten oder Radfahrten und Strecken zu Fuß. Das werde derzeit untersucht. Kritisch sehe man allerdings schon jetzt, dass die Zahl der Unfälle zugenommen habe, dass auch hier Fahrzeuge achtlos am Straßenrand liegen und dass die Lebensdauer eines E-Scooters bei maximal zwei Monaten liege - aus ökologischer Sicht spreche also einiges gegen diese Art der Mobilität.