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25. Juli 2012, 06:06 Uhr

Olympia-Gassen in London

Straßenblockade wie bei den Sowjets

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London ist berüchtigt für seinen Dauerstau, nun droht der Olympia-Kollaps. Schuld sind die Olympic Lanes, für Athleten und Funktionäre reservierte Fahrspuren. Viele Briten wettern gegen die VIP-Straßen. Und die Medien haben einen reißerischen Vergleich parat.

Wenn Grant Taylor die fünf Olympischen Ringe auf der Straße sieht, kriegt er einen Wutanfall. "Gucken Sie mal hier, gleich zwei Spuren ", sagt der Londoner Taxifahrer. Taylor erregt sich in seinem schwarzen Arbeitsgefährt, während er die Park Lane im Stadtteil Mayfair entlangfährt. Hier liegen viele Luxushotels, in denen die Sportfunktionäre während der Olympischen Spiele absteigen.

Die Park Lane ist Teil des olympischen Straßennetzes. Zwei der vier Spuren sind mit weißen Olympischen Ringen auf der Straße gekennzeichnet. Sie sind ab Mittwochmorgen sechs Uhr für die Wichtigen reserviert. Als wichtig gelten Athleten, die Delegationen der 205 Teilnehmerländer und die akkreditierten Journalisten. Sie sollen über die Spuren schnell zwischen ihren Unterkünften und den Wettkampfstätten hin und her fahren können.

Allen anderen Autofahrern droht eine Strafe von 130 Pfund, wenn sie auf einer der markierten Gassen gesichtet werden. Wer hier parkt, muss sogar 200 Pfund zahlen - plus Abschleppkosten. Auch Radfahrer sind von den Strafen betroffen. Anders, so haben die Planer entschieden, ist der Verkehrsfluss in der notorisch verstopften Metropole nicht zu gewährleisten.

Strenge Regeln in Pink

48 Kilometer solcher VIP-Fahrspuren sind während der 17-tägigen Spiele eingerichtet. Insgesamt ist das olympische Straßennetz sogar noch länger. Auf insgesamt 175 Kilometern quer durch London wurden Ampeln neu getaktet, Barrieren errichtet und neue Abbiegeregeln eingeführt. So sollen die Gäste aus aller Welt dem Londoner Dauerstau entkommen.

Für die gewöhnlichen Autofahrer dürften die Straßen dadurch allerdings erst recht zum Alptraum werden. Taylor, der sich seit 19 Jahren mit seinem Taxi durch die überfüllte Stadt kämpft, prognostiziert Chaos. Vertraute Routen funktionieren auf einmal nicht mehr, veränderte Ampelschaltungen und neue Abbiegeverbote sorgen für Verwirrung. Die Durchschnittsgeschwindigkeit auf manchen Straßen, die schon in normalen Zeiten nur Schritttempo beträgt, dürfte weiter Richtung null sinken.

"Letzte Woche haben wir alle ein Handbuch zu den Olympia-Routen bekommen", sagt Taylor und wedelt mit einem pinkfarbenen Ordner durch die Luft. "Erwarten die, dass wir das in einer Woche durcharbeiten?" Er hat es mal durchgeblättert und entschieden, dass er weiter fährt wie bisher. Wenn er auf ein unerwartetes Hindernis stößt, sucht er sich einen Weg drum herum.

Wie einst das Politbüro

Wie viele andere Taxifahrer fürchtet Taylor erhebliche Umsatzeinbußen. Denn wer im Stau steht, verdient weniger. Am Montag blockierten 50 Cabbies die Tower Bridge und forderten Zugang zu den Olympia-Spuren. Ihr Protest stößt bei der Regierung jedoch auf taube Ohren.

Sie verteidigt sich mit dem Hinweis, dass die Spuren in jeder Olympia-Stadt vorgeschrieben seien. Obendrein habe man sie auf ein Minimum beschränkt. In Peking habe es vor vier Jahren 300 Kilometer VIP-Spuren gegeben, in Athen vor acht Jahren 160 Kilometer. Dagegen nehmen sich die 48 Kilometer in London fast bescheiden aus.

In den britischen Medien werden die Olympia-Fahrbahnen nur "Zil Lanes" genannt - so wie die Spuren, auf denen einst die Mitglieder des sowjetischen Politbüros mit ihren Wagen der Marke Zil durch Moskau fuhren. Dass die ausländischen Olympia-Kommissare nun zu ihren Terminen an ihnen vorbeirauschen, während die Einheimischen im Stau schmoren, bringt die Volksseele zum Kochen.

Hinzu kommt, dass die Wettkampfstätten und VIP-Unterkünfte über die gesamte Stadt verstreut sind. Das olympische Straßennetz verbindet den Flughafen Heathrow im äußersten Westen mit dem Olympia-Gelände im äußersten Osten. Fußball wird im Nordwesten in Wembley gespielt, Tennis im Südwesten in Wimbledon und das Reiten findet im Südosten in Greenwich statt.

Die Autofahrer werden dem Olympia-Wahnsinn also kaum entkommen können. Der Londoner Verkehrsbeauftragte Peter Hendy empfiehlt, das Auto nach Möglichkeit stehen zu lassen. Doch was machen die, die im Auto ihr Geld verdienen? Taylor erzählt von Kollegen, die extra in den Urlaub gefahren sind, um während der Spiele nicht im Taxi sitzen zu müssen. Er selbst habe entschieden, er wolle das Großereignis miterleben. In den vergangenen Tagen ertappe er sich aber immer häufiger bei einem Gedanken: "Ich wäre besser auch weggefahren."

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