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08. Juni 2014, 06:46 Uhr

Neuer Opel Corsa

Unterwegs im Hoffnungsträger

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Opel hatte noch vor kurzem den Sex-Appeal einer Gehhilfe - mit der kommt man schließlich auch voran. Dank cleverer Werbung und kecker Modelle hat sich das geändert. Über das Schicksal der Marke aber wird ein Auto entscheiden: Der neue Corsa.

"Umparken im Kopf" heißt die aktuelle, vielbeachtete Werbekampagne von Opel. Wenn zum Jahresende der neue Kleinwagen Corsa auf den Markt kommt, wird sich zeigen, ob der Werbespruch nur eine leere Floskel war. Denn die fünfte Generation der Baureihe ist das erste wirklich relevante Modell, dass die Rüsselsheimer seit der Verkündung des ambitionierten Zehnjahresplans "Drive!" im Sommer 2012 zu den Händlern rollen. Das Auto muss ein Erfolg werden. Wie sonst sollte das Ziel erreicht werden, den Marktanteil in Deutschland von derzeit 7,2 auf 10 Prozent bis zum Jahr 2022 zu steigern? Opel braucht dazu vor allem eins: neue, attraktive Autos.

Dass die Rüsselsheimer diese Kernkompetenz eines Pkw-Herstellers noch beherrschen, zeigen die beiden jüngsten Neuerscheinungen. Mit dem Mini-SUV Mokka, der 2012 auf den Markt kam, war Opel einer der ersten Hersteller in dieser Marktnische; der Wagen kam im vergangenen Jahr auf knapp 20.000 Neuzulassungen in Deutschland. Und der poppig-bunte Kleinwagen Adam, der Anfang 2013 debütierte, wurde im vergangenen Jahr hierzulande mehr als 21.000 Mal zugelassen. Das ist respektabel und demonstriert die wieder erwachte Innovationskraft der Marke - doch solche Nischenmodelle sanieren kein Großunternehmen.

Diese Aufgabe fällt vielmehr dem kommenden Opel Corsa zu. Der war im vergangenen Jahr in Deutschland mit rund 50.000 Neuzulassungen die Nummer zwei unter den Kleinwagen nach dem VW Polo (68.000 Neuzulassungen), obwohl das aktuelle Modell nun schon einige Jahre auf dem Markt ist. Mit der neuen Corsa-Generation, die Ende des Jahres auf die Straße kommen wird, soll der Abstand zu VW deutlich kleiner werden. "Am Corsa wird sich zeigen, wie glaubwürdig die neue Opel-Strategie ist", sagt Automobilmarktexperte Ferdinand Dudenhöffer.

Gute Technik, dezent veränderter Auftritt

Ein umfassendes Bild von dem Auto wird man sich erst Anfang Oktober machen können, wenn der Kleine auf dem Autosalon in Paris erstmals vorgestellt wird. Einen ersten Eindruck jedoch gab es bereits jetzt, auf einer Testfahrt in einem getarnten Prototypen auf Nebenstraßen im deutsch-französischen Grenzgebiet.

Was sich danach sagen lässt: Das gründlich überarbeitete Fahrwerk, das neue Sechsgang-Getriebe, die weiterentwickelte Lenkung und vor allem der rundum neue Motor sind ein Gewinn für das Auto. Der 1,0-Liter-Dreizylinder-Turbo im Motorraum des Prototypen ist das modernste Aggregat, das die Rüsselsheimer derzeit zu bieten haben. Eine Ausgleichswelle und dicke Dämmmatten stellen den Motor so ruhig, dass er weitaus ausgereifter wirkt als die Dreizylinder in Konkurrenzmodellen wie VW Polo oder Ford Fiesta.

Kraft genug entwickelt die Maschine auch, die wahlweise mit 90 oder - wie im Prototypen - mit 115 PS angeboten wird. Bei der Testfahrt jedenfalls kamen die Referenzmodelle mit Vierzylinder-Motorisierungen kaum hinterher. Am Format des Corsa wird sich, bis auf das etwas flachere Dach, nichts ändern. Auch in puncto Leichtbau oder Verbrauch setzt der Corsa keine Zeichen. "Wir sind trotz der besseren Ausstattung zumindest nicht schwerer geworden", sagt Projektleiter Werner Joeris. Teure Leichtbaumaterialien sind nicht drin bei einem Kleinwagen, der vor allem auch mit dem Preis überzeugen muss. Immerhin lassen die Opel-Leute durchblicken, dass das neue Auto kaum teurer werde als das bisherige Modell.

Umparken? Ja, aber nicht nur im Kopf

Wenn der Corsa ein Stückzahl-Erfolg werden soll, spielen Technik, Ausstattung und Preisgestaltung sicher eine wichtige Rolle. Doch noch entscheidender könnte die neue Wahrnehmung der Marke werden. "Opel, das war bis vor kurzem noch die amerikanische Controller-Marke. Jetzt wandelt sich das Bild hin zu einer deutschen Ingenieurs-Marke", sagt Dudenhöffer. Wichtigster Grund dafür ist nach Ansicht des Automobilwirtschaftlers von der Uni Duisburg-Essen die clevere Werbung des Unternehmens. "Die Werbung mit Jürgen Klopp, die überraschenden Motive der 'Umparken im Kopf'-Kampagne und nicht zuletzt der neue Chef Karl-Thomas Neumann als sympathische, vertrauenswürdige Gallionsfigur - das sind einprägsame, starke Bilder", sagt Dudenhöffer.

Dennoch ist Opel nach seiner Ansicht "noch nicht über den Berg, aber auf einem guten Weg". Auf diesem liegt beispielsweise noch die endgültige Schließung des Werks in Bochum, die Ende dieses Jahres abgewickelt werden soll. Und ein kapitaler Rückruf sollte das sich gerade erholende Image auch nicht erneut beschädigen. Positiv bemerkbar machen für Opel dürfte sich der Rückzug der GM-Schwestermarke Chevrolet aus Europa bis Ende 2015, denn die bot praktisch Opel-Technik zu billigeren Preisen an.

Es sieht also nicht schlecht aus für Opel, obwohl in diesem Jahr keine wirkliche Neuheit auf den Markt kommt, denn der frische Corsa wird erst ab 2015 eine Wirkung auf Zulassungszahlen und Marktanteile entfalten. Dann aber geht es - so jedenfalls der Plan in Rüsselsheim - Schlag auf Schlag. Bis 2018 sollen 26 weitere neue Modelle und mehr als ein Dutzend neue Motoren präsentiert werden. Denn Umparken im Kopf reicht nicht aus, wenn aus Opel wieder ein profitabler Autohersteller werden soll.

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