Dieselskandal Die Nebelkerzen von Opel-Chef Neumann

Opel-Chef Karl-Thomas Neumann widerspricht einem SPIEGEL-Bericht über Abgasmanipulationen. Doch einen Gegenbeweis bleibt er schuldig - das hat System.

Opel-Chef Karl-Thomas Neumann
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Opel-Chef Karl-Thomas Neumann

Von , Margret Hucko und


Es ist Dienstag, 9.27 Uhr, als Opel-Chef Karl-Thomas Neumann seine Twitter-Botschaft absetzt: "Thema Diesel: Die Anschuldigungen der DUH sind falsch!/KTN". Neumann scheint persönlich angefasst. Denn die Kurznachricht trägt sein persönliches Kürzel KTN, nur diese Nachrichten stammen direkt von ihm und nicht etwa von einem Ghostwriter aus der Presseabteilung. In der angehängten Mitteilung dann die gesamte Botschaft: "Wir bei Opel setzen keine illegale Software ein", bekräftigt er. "Unsere Motoren entsprechen den gesetzlichen Vorschriften." Opel gehe davon aus, "dass auch die Behörden das so sehen".

Damit versucht Neumann, gemeinsamen Recherchen des SPIEGEL, der Deutschen Umwelthilfe (DUH) und der "Monitor"-Redaktion zu widersprechen. Der Rechercheverbund hätte Opel die Methoden und Protokolle ihrer Testaktivitäten noch nicht zur Verfügung gestellt, "deshalb kann das Unternehmen diesen Teil der Behauptungen nicht überprüfen", hieß es in der persönlichen Mitteilung weiter. "Aufgrund unserer eigenen sowie unabhängiger Messungen - und den bisherigen Erfahrungen mit den von der Deutschen Umwelthilfe veröffentlichten Experimenten - glauben wir aber nach wie vor nicht, dass diese neuen Ergebnisse objektiv und wissenschaftlich fundiert sind."

Doch der SPIEGEL und das ARD-Politikmagazin "Monitor" bleiben bei Ihrer Darstellung, die auf gemeinsamen Recherchen mit der Deutschen Umwelthilfe beruht. Das Rechercheteam hatte Opel am Montag vor der Veröffentlichung mit allen Vorwürfen bis in die technischen Details konfrontiert. Opel entschied sich, nicht auf die konkreten Vorwürfe einzugehen. Auf das Angebot, weiterführende Gespräche über die Recherche-Ergebnisse zu führen, reagierte Opel nicht.

Opel liebt den Gegenangriff

Jetzt behauptet der Opel-Chef pauschal, die Anschuldigungen seien falsch. Auf die konkreten Vorwürfe, der bislang unbekannten Abschaltfunktionen in der Motorsteuerung (reduzierte Abgasreinigung ab 145 Stundenkilometer, ab 2400 Umdrehungen/min, unter 915 Millibar), geht er erneut nicht ein. Das Rechercheteam hat seine Ergebnisse dem Bundesverkehrsministerium zur Verfügung gestellt. Für Mittwoch hat Alexander Dobrindt (CSU) Opel-Chef Neumann und dessen Manager in sein Ministerium vorgeladen.

In diesem Rahmen wird Opel erneut die Gelegenheit haben, die Abschaltfunktionen in der Software der Motorensteuerung zu erläutern und die massiv überschrittenen Grenzwerte bei Stickoxid-Emissionen des Opel Zafira 1,6 Liter Diesel Euronorm 6 sowie des Opel Astra 1,6 Liter Euronorm 6 zu erklären. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE wird dann auch bereits ein Gutachter anwesend sein, den Beamte von Alexander Dobrindt dazubestellt haben. Der Fachmann soll die Opel-Angaben für die Ministerialen bewerten. Ob Opel für diese Untersuchung erstmals Einblick in seine Software für die Motorsteuerung gewährt, ist offen.

Die Kommunikationsstrategie Opels, die Vorwürfe zu ignorieren und stattdessen Gegenangriffe zu fahren, ist nicht neu.

Bereits bei ersten Messungen eines Opel Zafira durch die DUH auf einem Rollenprüfstand der Berner Fachhochschule ging Opel in die Verteidigungsoffensive. Im Oktober 2015, kurz nach Bekanntwerden des VW-Abgasskandals, hatte die DUH einen bis zu 17-fach höheren Stickoxid-Ausstoß gemessen als nach dem Grenzwert Euro-6 erlaubt. Nach Erscheinen der Messergebnisse hatte der Autohersteller geschickt versucht, die öffentliche Meinung zu manipulieren. Opel versuchte den Eindruck zu erwecken, dass sich die Fachhochschule von den eigenen Testergebnissen distanziere.

Die Wirklichkeit hat Opel längst überholt

Dazu führte der Hersteller auch gegenüber SPIEGEL ONLINE ein Zitat aus einem Brief der Abgasprüfstelle der Fachhochschule Bern an, in dem es laut Opel angeblich geheißen haben soll: "Die Fakten könnten aus unterschiedlichen Gründen verzerrt, manche auch lückenhaft oder tendenziös sein." Doch das ist eine irreführende Übersetzung aus dem englischen Original des Briefes. Richtig hätte es heißen müssen: "In einigen verbreiteten Informationen, können die Fakten womöglich aus unterschiedlichen Gründen verzerrt, unvollständig oder tendenziös sein." Die Fachhochschule hatte also lediglich festgestellt, dass einige veröffentlichte Informationen - von wem auch immer - zu den Messungen der DUH nicht durch die Ergebnisse der Berner Prüfer gedeckt seien.

Die Wirklichkeit hat Opel bei den Stickoxid-Werten mittlerweile längst überholt. Denn die Prüfer der vom Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt eingesetzten "Untersuchungskommission Volkswagen" haben bei ihren Tests am Opel Zafira ebenfalls eine Überschreitung der Grenzwerte festgestellt - bis zum Elffachen. Dies musste Opel mittlerweile kleinlaut einräumen und eingestehen, dass der Wagen erst ab 17 Grad Außentemperatur beginnt, die Abgase von Stickoxiden zu reinigen. Opel hat sich inzwischen bereit erklärt, alle betroffenen Zafiras in die Werkstätten zurückzurufen.

Wie schmutzig mittlerweile der Kampf um die öffentliche Meinung im Abgasskandal geworden ist, zeigt exemplarisch eine Pressekonferenz der DUH im Dezember des vergangenen Jahres. Unter den Teilnehmern waren etwa die Hälfte Anwälte und Mitarbeiter von Autokonzernen und keine Journalisten - wie die "taz" berichtete. Mit Smartphones nahmen einige Industrievertreter jedes gesprochene Wort auf und fotografierten die am Eingang ausliegende Teilnehmerliste. "Das Ziel war klar", schrieb die taz. Die Hersteller "wollen unliebsame Berichte verhindern." Damals hatte die DUH über auffällig hohe Stickoxid-Werte bei einer Mercedes C-Klasse informiert.

Brief an den WDR-Intendanten

Auch Opel-Chef Karl-Thomas Neumann versuchte bereits, unliebsame Berichte aus dem Internet entfernen zu lassen. In einem Brief an den WDR-Intendanten Tom Buhrow schrieb er im Dezember:

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Brief Dr. NeumannPDF-Größe: 72 kB

"Ich habe noch nie gegenüber einem Intendanten oder Chefredakteur mein Unverständnis über einen redaktionellen Beitrag zum Ausdruck gebracht. Aber der jüngste Monitor-Beitrag über den Opel Zafira lässt mir keine andere Wahl: Die verbreiteten Fehlinformationen haben unserem Unternehmen Schaden zugefügt. (...) Ich darf Sie bitten, in Zukunft journalistische Sorgfalt zu gewährleisten - und den fehlerhaften Beitrag aus Ihrer Mediathek zu entfernen."

Das ARD-Fernsehmagazin hatte damals berichtet, dass der Autohersteller selbst in einer eigenen Prüfung deutlich überhöhte CO²-Werte bei einem Fahrzeug festgestellt habe. Opel wies die Anschuldigungen zurück. Doch einen Gegenbeweis blieb der Hersteller auch in diesem Fall bislang schuldig. Der Beitrag steht nach wie vor in der Mediathek.

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insgesamt 140 Beiträge
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vantast64 17.05.2016
1. Ich bewundere seine Chuspe, wie auch die von Herrn Lawow,
mit ernsten Gesicht blauäugig die Unwahrheit zu sagen, eine Herkulesaufgabe. Da versteht man schon, warum diese Leute viel verdienen. Die meisten von uns könnten das sicher nicht.
tachzusammen 17.05.2016
2. Hoffentlich...
... verklagt Opel jetzt Monitor, Spiegel und DUH richtig saftig wegen Rufschädigung. Dann hat sich wieder ein Käseblatt nicht nur hinsichtlich der Glaubhaftigkeit sondern die auch wirtschaftlich erledigt.
cindy2009 17.05.2016
3. schmieren theater
Was für eine verlogene Position. Statt einfach die Manipulation zuzugeben und sich wenigstens einen Vorteil mit Glaubwürdigkeit zu verschaffen, mauert man immer noch. Ich kaufe keinen Opel mehr. Oder VW, oder Mercedes, oder...
Hilfskraft 17.05.2016
4. frage mich ...
... warum es überhaupt noch Dieselkraftfahrzeuge = PKW u. LKW gibt?
Braveheart Jr. 17.05.2016
5. Am Mittwoch wir also ...
KTN sein Sprüchlein von den widersprüchlichen bzw. verzerrten Meßwerten wiederholen und der vom Ministerium eingeladene Sachverständige wird alles abnicken. Warum sind zu diesem Gespräch keine Vertreter vom SPIEGEL oder DUH geladen? Audiatur et altera pars, hieß es bei den alten Römern; Aber (nicht nur) auf diesem Ohr ist Herr Dobrindt so was von stocktaub ...!
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