Dieselaffäre Kraftfahrt-Bundesamt prüft auch neueste Opel-Modelle

Das Verkehrsministerium geht nach SPIEGEL-Informationen dem Verdacht nach, dass Opel auch neueste Fahrzeuge manipuliert haben könnte. Bislang galten Autos mit Euro 6d-temp-Norm als sauber.

Opel Insignia
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Die Woche startete für den Opel-Konzern schlecht. Gleich am Montagmorgen standen Ermittler vor den Werkstoren, die das Unternehmen nach Hinweisen für einen Abgasbetrug bei Dieselfahrzeugen durchsuchten. Dann schickte das Bundesverkehrsministerium eine geharnischte Pressemitteilung heraus, in der sie einen "unmittelbar bevorstehenden Rückruf" für 100.000 Fahrzeuge aus den Jahren 2013 bis 2016 anordnete, dieser ist jetzt erfolgt. Opel habe eine Anhörung zu gleich fünf illegalen Abschalteinrichtungen "mit immer neuen technischen Argumenten verschleppt". Man habe die Staatsanwaltschaft in Frankfurt bereits vor Monaten informiert.

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Heft 43/2018
Wie ein grausiges Verbrechen die Weltpolitik erschüttert

Wie die Woche begonnen hatte, so hörte sie auf: mit einer weiteren Strafmaßnahme des Bundesverkehrsministeriums. Nach Informationen des SPIEGEL geht das Haus von Minister Andreas Scheuer (CSU) dem Verdacht nach, dass auch die Abgassysteme der derzeit im Verkauf befindlichen Dieselautos von Opel manipuliert sind. Es hat das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) angewiesen, etwa die Software des Opel Insignia mit der modernsten Abgasnorm Euro 6d-temp zu untersuchen. Ab September 2019 müssen alle Pkw nach dieser Vorschrift zugelassen werden. Für neu auf den Markt gebrachte Typen ist sie jetzt auch schon zwingend vorgeschrieben.

Bei der Zulassung werden die Fahrzeuge dabei nach dem sogenannten RDE-Testverfahren (Real Driving Emissions) überprüft. Dabei wird der Wagen nicht mehr im Labor auf seinen Schadstoffausstoß getestet, sondern auf der Straße mittels eines mobilen Messgeräts. Das erlaubt realistischere Informationen über die Emissionen aus dem Auspuff. Es ist aber dennoch nicht ausgeschlossen, dass die Autoentwickler das Motorverhalten so abstimmen, dass der Wagen die Überprüfung besteht, aber im Alltag deutlich mehr Schadstoffe ausstößt.

Denn auch die RDE-Testfahrt entspricht nicht dem Fahrgeschehen. Sogenannte Abschalteinrichtungen in der Motorensoftware können die Abgasreinigung in Fahrsituationen reduzieren, die nicht bei der RDE-Testfahrt auftritt. Das war auch bei dem Opel Zafira der Fall, den SPIEGEL, ARD und die Deutsche Umwelthilfe getestet hatten: Bei einer etwas stärkeren Beschleunigung schaltete die Motorelektronik die Abgasreinigung herunter, und sie blieb praktisch abgeschaltet, bis der Wagen wieder bei einer Drehzahl angekommen war, wie der Wagen sie an einer Ampel im Standgas hat. Bei einer Autobahnfahrt würde der Wagen theoretisch über Stunden mit abgeschalteter Stickoxid-Reinigung unterwegs sein. Eine solche Abschalteinrichtung ist nach Ansicht des KBA nicht zulässig und ist jetzt Gegenstand des amtlichen Rückrufs, den die Behörde vorbereitet.

Umweltverbände befürchten weitere Schummeleien der Autohersteller

Bei der Aufdeckung der Dieselaffäre bei Volkswagen handelte es sich bei der Abschalteinrichtung noch um eine klassische Prüfstandserkennung: Dabei nimmt die Sensorik des Wagens wahr, dass er sich in einer Testsituation befindet. Beim RDE-Verfahren ist so etwas auch möglich, etwa dadurch, dass die Sensoren des Wagens erkennen, dass sich ein Messgerät an Bord befindet. Das Risiko, mit einer solchen Manipulation aufzufliegen, dürfte drei Jahre nach Ausbruch des Dieselskandals kein Hersteller mehr eingehen. Stattdessen befürchten Umweltverbände eine Optimierung des Abgasreinigungsverhaltens an die RDE-Testsituation. Auch in diesem Fall würden die Autos im realen Fahrgeschehen noch mehr Schadstoffe ausstoßen.

Die Dieselmodelle von Opel stehen im Visier der Behörden, seit im Mai 2016 bei Untersuchungen des SPIEGEL, des ARD-Magazins "Monitor" und der Deutschen Umwelthilfe drei Abschalteinrichtungen in der Software eines Opel Zafira aufgefallen waren. Damals hatte der Computerexperte Felix Domke die Motorsteuerung des Familienwagens analysiert.

Opel weist die Vorwürfe zurück

Daraufhin untersuchte das KBA die Autos und fand weitere Manipulationen, die letzte davon in diesem Frühjahr. Die neuerlichen Kontrollen sind für die Debatte über Diesel-Fahrverbote von großer Bedeutung. So wollen die Konzerne mit einem groß angelegten Prämienprogramm ältere Diesel-Modelle durch neue ersetzen. Sollten auch bei diesen noch Abgastricksereien gefunden werden, dürften sich immer weniger Kunden für einen neuen Diesel entscheiden. Opel erklärte auf Anfrage, man verwahre sich gegen den Vorwurf, unzulässige Abschalteinrichtungen zu verwenden.

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insgesamt 41 Beiträge
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Seite 1
Benno Groß 19.10.2018
1. Unbegreiflich
Es ist kaum begreiflich, warum - außer im Fall einer drohenden Motorzerstörung - Hersteller die Abgasreinigung überhaupt abschalten. Und auch in diesem Fall sollte eine Warnlampe angehen, damit der Fahrer das in einer Werkstatt checken lassen kann. Wenn die Hersteller früher die Abgasreinigung abschalteten, um sich Kosten und dem Kunden etwa das Nachfüllen von Harnsäure zu ersparen, war zumindest die (gleichwohl kriminelle!) Idee dahinter nachvollziehbar. Heute, wo Kunden zweiffellos bereit sind, bei Bedarf Harnsäure nachzukippen und wo den Herstellern klar sein dürfte, dass sie gewaltige Imageverluste erleiden während gleichzeitig die Entdeckung solcher Schummeleien als sicher gelten kann, verstehe ich nicht, wieso sie immer noch betrügen.
MtSchiara 19.10.2018
2. saubere Autos erkennt man daran, ...
... daß sie nicht fossile Kohlenwasserstoffe verbrennen, sondern Ammoniak, daß aus Wasser und Luft im Haber-Bosch-Verfahren bei über 900 Grad in Thorium-Reaktoren hergestellt wurde - und in Motoren oder Brennstoffzellen wieder zu Wasser und Luft verbrannt wird. Wenn wir endlich begreifen, daß es saubere Autos bisher auf deutschen Straßen nicht gibt, dann hören wir auch damit auf, einzelne Gruppen herauszupicken und mit Fahrverboten zu belegen, denn das stellt eine grobe Ungleichbehandlung dar. Die ganze Energie, die wir beim sogenannten Dieselskandal vergeuden, sollten wir stattdessen in die Entwicklung oben genannter Thoriumreaktoren und Ammoniak-Autos stecken. Erst wenn es saubere Autos gibt, ergibt es Sinn, für andere Autos Fahrverbote zu erlassen, vorher nicht.
tlb021099 19.10.2018
3. Inkompetenz des KBA
Die Untersuchung der neuen Modelle ist ein Armutszeugnis für das KBA. So wurde der gezeigte Insignia B erst lange nach der Dieselaffäre auf den Markt gebracht,hätte also schon zu diesem Zeitpunkt (2017) daraufhin geprüft werden sollen.Von der nachträglichen Prüfung neuer VW Motoren zb des 3l V6 Diesels im Touareg hört man nichts.So oder so agiert das KBA hilflos und verspielt einerseits seine eigene Glaubwürdigkeit und den Ruf der Industrie, denn zwar sollte diese in die Pflicht genommen werden,aber das unbeholfene hin und her schadet mehr als es nützt.Auf diesem Weg planiert das KBA mit seinem katastrophalen Mediensperrfeuer grade noch den ohnehin schon wankenden Traditionshersteller Opel, anstatt sich auch mal um Hersteller wie Toyota zu kümmern, die ebenfalls auffällige Motoren (die ach so dreckigen BMW Diesel) verbauen. Kompetent kann man das schwer nennen, gegen Opel wurden mehrmals Ermittlungen eingestellt weil die Beweislage nicht ausreichend war,das scheint jetzt aber niemanden mehr zu interessieren. Ein Exempel an Opel und Audi (800.000.000?) statuieren, um handlungsfähig zu wirken.
jasper366 19.10.2018
4.
Zitat von Benno GroßEs ist kaum begreiflich, warum - außer im Fall einer drohenden Motorzerstörung - Hersteller die Abgasreinigung überhaupt abschalten. Und auch in diesem Fall sollte eine Warnlampe angehen, damit der Fahrer das in einer Werkstatt checken lassen kann. Wenn die Hersteller früher die Abgasreinigung abschalteten, um sich Kosten und dem Kunden etwa das Nachfüllen von Harnsäure zu ersparen, war zumindest die (gleichwohl kriminelle!) Idee dahinter nachvollziehbar. Heute, wo Kunden zweiffellos bereit sind, bei Bedarf Harnsäure nachzukippen und wo den Herstellern klar sein dürfte, dass sie gewaltige Imageverluste erleiden während gleichzeitig die Entdeckung solcher Schummeleien als sicher gelten kann, verstehe ich nicht, wieso sie immer noch betrügen.
Dies war vielmehr ein US als ein Deutsches Problem. Die (mengenmäßig) meisten deutschen Fahrzeuge die z.B. bei VW betroffen sind, haben bis dieses Jahr nämlich überhaupt keinen SCR Kat besessen (Golf, Beetle, Scirocco, alle Passat bis auf ein Modell), ebenso sämtliche Mercedes Diesel unterhalb der C-Klasse (hier macht ja der 1,6 dci von Renault die Probleme).
jeffhealey 19.10.2018
5. Alles nur Zufall, ganz bestimmt.
Ist es nicht ein merkwürdiger Zufall? Da wird Opel von Herrn Scheuer's KBA just in dem Moment höchst medienwirksam dazu verdonnert ganze 9000 Fahrzeuge (!) in Deutschland zwecks Softwareupdate zurückzurufen, wo Opel alle seine aktuellen Modelle nach dem neuen WLTP zertifiziert hat und VW auf Grund fehlenden WLTP-Zertifikaten massive Absatzprobleme bekommen hat. Wer es nicht glaubt, die Medien haben sehr sparsam darüber im September berichtet: Opel lag beim Fahrzeugabsatz in Deutschland hinter Daimler und BMW, aber vor VW, sehr plötzlich nach Jahren der absoluten VW-Dominanz. Alles bedingt dadurch, dass VW den Umschwung zum neuen, realitätsnäheren WLTP-Testzyklus komplett verschlafen hat. Da ist doch so eine Razzia bei Opel sehr hilfreich. Es ist schon nicht unbedingt von Nachteil, wenn der Staat 20% Aktienanteil am Unternehmen hält und hochrangige Politiker der großen Parteien abwechselnd im Aufsichtsrat sitzen, das hat sich VW schon clever ausgedacht. Wegen 9000 Autos also ne fette Razzia bei Opel. Es ist einfach lächerlich. Wie viele Betrugsdiesel vom VW-Typ EA189 fahren in Deutschland rum?
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