Pagani-Sportwagen Im Reich der Straßenraketen

Lamborghini, Ferrari, Bentley - gegen einen Pagani wirken diese Typen beinahe wie Großserie. Kaum eine andere Firma baut so exklusive und exotische Sportwagen wie die Manufaktur aus San Cesario. Jetzt legt die Autoschmiede nach: Der neue Huayra soll noch extremer werden.

Aus San Cesario sul Panaro berichtet


Ein Industriegebiet irgendwo im Nirgendwo. An der Ecke ein Metallbaubetrieb, weiter hinten ein Lager für Baggerketten und dazwischen Investitionsruinen. Eine Kreissäge kreischt, Staub wirbelt durch die Straße. Und hier in dieser trostlosen Gegend sollen die wohl exklusivsten Sportwagen der Welt gebaut werden?

Genau so ist es! Das Brüllen eines Zwölfzylindermotors zerreißt die Stille, dann wischt ein mattschwarzer Keil durchs Bild, verschwindet hinter einem hohen Tor, und es dominiert wieder die Kreissäge in der Via dell'Artigianato.

Willkommen in San Cesario sul Panaro, der Heimat des Pagani Zonda.

Dieser Sportwagen - mehr als 600 PS stark und weit über eine Million Euro teuer - wirkt in dieser Umgebung wie ein Ufo und die kleine Halle mit dem gläsernen Vorbau eher wie ein billiger Tuningschuppen. Doch der Eindruck täuscht: Schon der kleine Showroom sieht mit seinen zwei Rennwagen aus wie eine Garage in der Boxengasse. Hinter einer schlichten Stahltür folgt dann die Montagehalle, die anderen PS-Manufakturen in nichts nachsteht - außer dass hier alles zwei Nummern kleiner ist. Drei Dutzend Techniker schneiden Karbonmatten aus, kleben Karosserieteile und backen sie anschließend in zwei riesigen Autoklav-Öfen. Alle fünf Wochen etwa wird ein neuer Supersportwagen fertig.

Das Modell Zonda gibt es seit zwölf Jahren. 130 Exemplare wurden verkauft - vor allem nach Fernost, in die Emirate und nach Japan; lediglich zwei Dutzend blieben in Europa, sagt Pagani-Sprecher Luca Venturi. Gestern war ein Kunde aus Chile da, um sein Auto zu konfektionieren. "Das sieht man noch an der Flagge seines Heimatlandes auf dem Dach, mit der wir jeden Kunden begrüßen." Wer einen Pagani kauft, ist mindestens einmal vor Ort, um den Wagen zu bestellen und Farben, Leder und Details auszusuchen. Die Autos kommen dann immer wieder, denn zu den großen Inspektionen lassen die meisten Kunden den Wagen nach Norditalien fliegen.

Nach dem Zonda beginnt eine neue Huayra-Ära

Derzeit fertigen die Mitarbeiter die letzten Exemplare des Zonda. Nach den italienischen Sommerferien im August beginnt ein neues Kapitel, das des neuen Modells Huayra. Noch filigraner gezeichnet, noch schärfer abgestimmt, noch stärker motorisiert und noch schneller unterwegs wird das Auto sein. Und der Wagen soll Pagani auch wirtschaftlich in neue Dimensionen führen. "Wir planen etwa 40 Fahrzeuge pro Jahr", sagt Venturi. Die erste Jahresproduktion sei bereits ausverkauft. Die Expansion betrifft auch das Händlernetz. Momentan gibt es 15 Pagani-Stützpunkte weltweit, demnächst wird eine Dependance in den USA eröffnet.

Die Liebe für schnelle Autos und schlanke Formen entdeckte der 56-jährige Firmengründer Horacio Pagani schon früh. Als Beweis dafür stehen in einer Vitrine mitten im Showroom ein halbes Dutzend ziemlich schlichte Fahrzeugmodelle aus Holz, Ton oder Blech, die der Firmengründer im Alter von zwölf Jahren angefertigt hat. Sie sind amateurhaft lackiert, zeigen aber bereits sehr deutlich, dass hier ein Autokonstrukteur heranreifte.

Terri motori sagen die Italiener zu der Vollgasgegend

Dass der Argentinier Pagani seinen Traum ausgerechnet in Italien verwirklichen würde, war ebenfalls schon früh klar. "Es gibt keine andere Region auf der Welt, wo so viel Vollgas-Begeisterung zusammenkommt", sagt der Firmensprecher. In der Emiglia Romana stehen in einem Umkreis von nicht einmal 100 Kilometern die Fabriken von Ferrari, Lamborghini und Maserati. "Wo, wenn nicht hier, soll ein Supersportwagen entstehen?"

Pagani siedelte also über und bekam 1984 seinen ersten Job ausgerechnet bei Lamborghini. Angeblich bedeutete er dem Patriarchen Ferruccio Lamborghini bereits am ersten Tag, dass er die Anstellung lediglich als Zwischenstation zu einer eigenen Sportwagenfertigung betrachte. Er durfte dennoch bleiben, arbeitete als Designer, gestaltete das Interieur des Geländewagens LM002 und werkelte erstmals mit Karbon. Anschließend gründete er ein eigenes Designstudio, und 1999 stellte er 1999 auf dem Autosalon in Genf den Supersportwagen Zonda vor. Pagani war am Ziel.

Konstruktion und Produktion der Autos erfolgten nahezu komplett in San Cesario, Karbon ist dabei das wichtigste Material. Auch beim neuen Modell Huayra wird das so sein. Auf einem Regal liegen das Monocab und die Karosserie aus schwarzem Kohlenstoff, die Sitzschalen, die Türen und Hauben - und sogar ein Lenkrad. Letzteres wiegt nur gut 300 Gramm. Der Huayra insgesamt soll rund 1350 Kilogramm auf die Waage bringen.

Das Kraftwerk im Heck stammt von Mercedes-Ableger AMG

Der Motor der Pagani-Autos allerdings ist eine Organspende. Die V12-Aggregate kommen vom Mercedes-Ableger AMG. Dass es dazu kam, ist unter anderem dem argentinischen Vollgas-Helden Juan Manuel Fangio zu verdanken, der in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag feiern würde. Er hatte als langjähriger Mercedes-Werksfahrer exzellente Kontakte nach Sindelfingen. "So öffnete Fangio seinem Protegé Pagani die Türen und brachte ihn mit den Ingenieuren von AMG zusammen", sagt Venturi. Zum Dank dafür sollte der Zonda ursprünglich Fangio F1 heißen, doch nach dem Tod des fünffachen Formel-1-Weltmeisters 1995 nahm Pagani davon Abstand.

Angetrieben werden die Pagani Modelle also von einem AMG-V12-Motor aus Affalterbach. Beim Zonda war es noch ein Triebwerk von der Stange, für den Huayra erhält Pagani einen Motor, der speziell für dieses Auto modifiziert wird.

Wie ambitioniert die Sportwagen aus San Cesario sind, kann man in den Fachzeitungen nachlesen, wo die Tester stets das präzise, bis in den Grenzbereich neutrale Fahrverhalten loben. Man kann auch eine Ausfahrt mit Davide Testi wagen, dem Testfahrer von Pagani. Er fährt den 650 PS und 780 Nm starken Zonda Roadster F so selbstverständlich wie unsereins einen VW Golf. Nur eben schneller, viel schneller sogar.

Auto am Maximum

Testi wirkt, als sei er mit dem Auto verwachsen; seine Bewegungen sind sparsam und sein Englisch ungenügend. Doch wie er fährt, dafür hätte er sich eine Eins mit Stern verdient. Als Beifahrer hat man alle Hände voll zu tun, im Sitz hocken zu bleiben, so brachial reißt einen die Fliehkraft nach da und dort.

Der Mann kennt die Gegend um die Pagani-Zentrale natürlich wie seine Westentasche. Er lächelt die Schilder mit den Tempolimits einfach weg, beschleunigt am Ortsausgang ausschließlich im ersten Gang auf Tempo 100. Nach 9,8 Sekunden sind 200 km/h möglich, und wenn es hier irgendwo eine Gerade gäbe, die lang genug wäre, Testi würde vermutlich auch die Höchstgeschwindigkeit von 345 km/h vorführen. Wie schnell der Zonda wirklich ist, zeigte das Auto im vergangenen Jahr auf dem Nürburgring: Mit 6:47 Minuten stellte die Rennversion des Sportwagens den aktuellen Nordschleifen-Rekord auf. Lange wird diese Bestzeit wohl nicht mehr halten. Der Huayra ist noch leichter und stärker als der Zonda.

Für Horacio Pagani sei "ein Auto nicht nur ein technisches Meisterstück, sondern immer auch ein Kunstwerk", wirbt Venturi. Natürlich kann man über Geschmack streiten, doch den Sinn für das Außergewöhnliche erkennt man bei Pagani fast überall. An den Gemälden und Skulpturen in der Firmenzentrale und in den Autos an den vielen ausgefeilten Details und der verschwenderischen Ausstattung. Weiche Lederhäute, verspielte Nähte, Konsolen aus blankem Aluminium, Instrumente wie vom Uhrmacher und Schalter, die aus dem Vollen gefräst sind - innen wirkt ein Pagani fast so vornehm wie ein Rolls-Royce.

Vom Hinterhof in einen schicken Neubau

Der Vergleich mit der britischen Nobelmarke hinkt allerdings. Denn ein Pagani ist sehr viel schneller und noch wesentlich teurer. "Konkurrenten müssen wir kaum fürchten", sagt Venturi. "Außer Bugatti aus dem VW-Konzern und Koenigsegg aus Schweden kommt in Leistung und Preis keiner an uns heran." Und selbst wenn es so wäre: Die Kunden kaufen nicht nach dem Entweder-oder-Prinzip, sondern nach dem Motto Sowohl-als-auch.

Wenn der letzte Zonda gebaut ist, heißt es für die Pagani-Mitarbeiter übrigens: Umzugskisten packen. Drei Straßen weiter steht schon der Rohbau für die neue Fabrik, derzeit werden die Bewerber auf die etwa 15 neuen Jobs in der Produktion getestet, und nach den Sommerferien geht es los. Das Hinterhof-Dasein ist damit passé. In der Via dell'Artigianato herrscht dann endgültig tote Hose - und eine einsame Kreissäge.



insgesamt 49 Beiträge
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assiwichtel 22.05.2011
1. McLaren F1
Dann doch lieber versuchen, sich einen McLaren F1 zu ergattern, kostet ca. das gleiche, ist noch seltener, bringt trotz seines Alters von 15 Jahren bessere Fahrleistungen, wiegt 300 kg weniger, sieht besser aus und hat dazu noch drei Sitze. Pagani ist einfach überbewertet!
Satiro, 22.05.2011
2. °
Da es sich angeblich um einen Roadster handelt, würde mich interessieren, wo man das Verdeck verstaut, wenn man das Auto mal offen fahren möchte. Braucht man dafür ein Begleitfahrzeug? :-)
README.TXT 22.05.2011
3. Was sind das für Anschlüsse in den Sitzen?
Flaschenhalter, Pinkelschächte? Für das Styling gebe ich die Empfehlung: Weniger ist mehr. Viel zu viel Firlefanz im Innenraum, das Heck sieht auch so verspielt aus.
hilfloser, 22.05.2011
4. Was soll ich sagen,
vielleicht ist es ein bißchen Nostalgie und das Gefühl nicht etwas Falsches gekauft zu haben. Aber nachdem ich den Pagani fuhr muß ich gestehen das ich dennoch zu meinem Ferrari Testarossa zurückkehrte. Den Pagani nimmt nun manchmal mein 19 Jähriger wenn er "auf tour ist". Wie gesagt, kein schlechtes Kfz. aber mir ein wenig zu unvertraut. Mehr etwas für die Jugend würde ich sagen. Und nun darf ich mich bitte verabschieden und weiter meine Investmentfonds pflegen. Äh, wann tätigt D noch die nächste Überweisung in den Rettungstopf? Tztztz, ich werde langsam alt das mir solche Kleinigkeiten entgehen.
Rainer Unsinn 22.05.2011
5. ...
Aha. 1 Mio. Euro für ein Auto das sehr häßlich ist, das Geschwindigkeiten erreicht die ich als Privatperson jenseits irgendwelcher Teststrecken nie fahren werde. Selbst wenn ich sie fahren dürfte sind meine Fahrkünste und Reflexe so bescheiden das ich vermutlich ohne Zwischenstop direkt zu Hölle fahren würde. Dieses Auto is ungefähr so überflüssig wie Furunkel am ... aber lassen wir das. Vor allem finde ich stigmatisiert es den Käufer als hochgradig gestörten Narzisten der unter extremem Realitätsverlust leidet. Zu viel Geld zu haben alleine ist keine Ausrede.
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