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02. April 2012, 16:10 Uhr

Pannenservice für Elektroautos

Hilfe, Hochspannung

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Was passiert, wenn man mit einem Elektroauto eine Panne hat? Ausgebildete Helfer gibt es in wachsender Zahl - schwierig wird es aber, wenn der Wagen in eine der wenigen Werkstätten muss. Unser Überblick zeigt, welcher Hersteller welchen Service bietet.

Irgendwann erwischt es jeden. Auf der einsamen Landstraße oder mitten im Berufsverkehr. Plötzlich ist die Fahrt vorbei: Autopanne. Was jetzt zählt, ist schnelle Hilfe. Was hat man als Fahrer eines Elektroautos in so einer Situation zu erwarten? Erst mal selber nach dem Rechten zu sehen, wäre jedenfalls die schlechteste aller Ideen.

Antriebsmotoren von Elektroautos sind sogenannte Hochvoltsysteme, auf ihnen liegen Spannungen von bis zu 400 Volt. Mit einem Wort: Starkstrom. "Nur wer eine spezielle Fachkunde besitzt, darf an solchen Systemen arbeiten", warnt Claudia Weiler vom Zentralverband des deutschen Kraftfahrzeuggewerbes (ZDK). "Wird an den Systemen nicht nach Vorschrift gearbeitet, kann das im schlimmsten Fall tödlich enden." Selbst Automechaniker mit jahrelanger Erfahrung dürfen gerade noch die Haube von Elektroautos aufklappen - dann heißt es: anfassen verboten.

Dabei benötigen Autohandwerker nur ein bisschen Nachhilfe. "Alle Kfz-Mechaniker, Kfz-Elektriker und Kfz-Mechatroniker können die Fachkunde für Hochvoltsysteme in einer zweitägigen Schulung erlangen", sagt Weiler. Die Nachfrage hält sich allerdings noch in Grenzen: Insgesamt vertritt der ZDK über 270.000 Mitarbeiter im Kfz-Gewerbe. Nur 4000 von ihnen haben die Schulung absolviert.

800 auf einen Streich

Für Pannenhelfer beim ADAC ist eine Schulung für Hochvoltsysteme seit zwei Jahren Pflicht. Sie müssen sogenannte EUP sein: elektrisch unterwiesene Personen. "Alle unsere 1700 Servicemitarbeiter haben den Kurs belegt und sind mit dem entsprechenden Werkzeug für die Kontrolle von Elektromotoren ausgerüstet", sagt ADAC-Pressesprecher Christian Buric.

Und wie sieht es bei Notlagen mit der Hilfe vom Hersteller aus? "An 300 von unseren insgesamt 510 Autohäusern arbeiten Angestellte, die im Umgang mit Hochvolt geschult sind", sagt beispielsweise Helmut Bauer. Er ist Pressesprecher bei Mitsubishi, wo man das Elektrofahrzeug iMiev anbietet.

Der Hamburger Autobauer Karabag wirbt seit kurzem damit, von allen Herstellern von E-Mobilen deutschlandweit das dichteste Netz an Pannenhelfern zu bieten. Auf einen Schlag präsentierte Karabag 800 mobile Mitarbeiter mit Hochvoltausbildung.

Möglich wird das durch eine Kooperation mit dem Unternehmen Still. Der Hersteller von Gabelstaplern mit elektrischem Antrieb nutzt für die Motoren und Steuerelektronik seiner Fahrzeuge die gleichen Komponenten wie Karabag. Nach einer Einweisung können sich die für Hochvoltsysteme geschulten Servicekräfte von Still auch um die Elektroautos kümmern.

Das Problem mit den Werkstätten

Sitzt man als Fahrer eines Elektroautos bei einer Panne also auch nicht tiefer in der Patsche als mit einem Benziner oder Diesel? Das hängt von der Schwere des Problems ab: Kann der Defekt direkt behoben werden, spielt der Unterschied zwischen Elektroauto und herkömmlichem Wagen keine Rolle. Ruft man den ADAC, ist der Service nach Angaben des Automobilclubs innerhalb von 40 Minuten vor Ort. Still und Karabag versprechen, dass einer ihrer Helfer immer höchstens 25 Kilometer entfernt ist.

"Bei Pannen handelt es sich meistens um einen Defekt in der Multibox", sagt Karabag-Pressesprecher André Schmidt. In dem Kasten befindet sich die Technik, die die Motorsteuerung und das Batteriemanagement regelt. "Die Servicekräfte können diese Mulitbox vor Ort austauschen", sagt Schmidt.

Komplizierter wird es allerdings, wenn das E-Mobil mit defektem Motor in die Werkstatt muss. Die Karabag-Elektroautos müssen in eine Still-Niederlassung abgeschleppt werden - und die gibt es in Deutschland nur an 14 Standorten.

Bei Opel, wo es den Ampera zu kaufen gibt, haben laut Pressesprecher Patrick Munsch Mitarbeiter in 65 Vertragswerkstätten eine interne Schulung für Elektrofahrzeuge absolviert. Eine geringe Zahl - immerhin hat sich der Konzern zum Ziel gesetzt, in diesem Jahr 10.000 Amperas zu verkaufen. Insgesamt zählt Opel 600 Standorte in Deutschland.

Zwar darf jeder Opel-Handwerker einen Achsenbruch am Ampera beheben. Sobald jedoch Arbeiten am Motor nötig sind, dürfen nur Mitarbeiter ans Werk, die eine spezielle Schulung in Rüsselsheim absolviert haben.

Die Werkstätten mit Elektro-Know-how sind meist in größeren Städten oder deren Umkreis angesiedelt. Bei einer Panne sind die Wege hier kurz. Bleibt man mit dem Elektroauto aber auf einer Überlandfahrt oder auf der Autobahn im Niemandsland liegen, kann aus der Abschleppaktion eine weite Reise werden. Immerhin: Der iMiev wird laut Mitsubishi-Pressesprecher Helmut Bauer in 300 Vertragswerkstätten repariert.

Der große Vorteil des Elektromotors

Es ist ein bisschen wie mit den Stromtankstellen: Ehe die Bereitschaft wächst, die Infrastruktur für E-Mobile auszubauen, müssen erst mal mehr davon auf die Straße. Das ist ärgerlich für all jene, die jetzt bereits elektrisch unterwegs sind. Bleiben sie mit leerem Akku liegen, wird ihre Hoffnung auf rasche Hilfe - zum Beispiel durch Schnellladesysteme - vom ADAC enttäuscht. "Solche Systeme haben unsere Servicewagen nicht", sagt Pressesprecher Christian Buric. "Bisher ist die Zahl der Elektroautos einfach noch nicht relevant."

Die gute Nachricht für Fahrer von E-Mobilen: Motorschäden haben sie kaum zu befürchten. "Hochvoltsysteme sind zuverlässig und haben einen viel geringeren Verschleiß als Verbrennungsmotoren", sagt Dieter Krenz, der beim ADAC Schulungen für Pannenhelfer leitet.

Wo in Benzin- und Dieselfahrzeugen Kraftstoff verbrennt und Kolben stampfen - wo also Hitze und Wucht herrschen, läuft ein Elektromotor im wahrsten Sinne des Wortes beinahe reibungslos. Es gibt schlicht weniger bewegliche Teile - und damit kann auch weniger kaputtgehen.

"Wenn wir zur Pannenhilfe bei Elektroautos gerufen werden, handelt es sich meistens um gewöhnliche Probleme, zum Beispiel platte Reifen", sagt Krenz. "Oft ist auch die zwölf Volt starke Batterie leer, über die die Schaltung und Elektronik des Elektroautos gesteuert werden. Der 300-Volt-Akku kann voll geladen sein - wenn aber diese kleine Batterie keinen Saft hat, geht nichts mehr."

Um die Batterie wieder zum Laufen zu bringen, reicht ein kurzer Impuls. Und dazu braucht man nichts weiter als den Klassiker der Pannenhilfe: das Überbrückungskabel.

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