Pariser Autosalon Vive l'électricité!

Das Warten aufs Elektroauto ist vorüber. Waren die Autoshows der vergangenen Jahre bloß Schauplätze pompöser Ankündigungen, werden auf dem Autosalon in Paris serienreife Modelle enthüllt. Die deutschen Marken zuckeln dabei hinterher - und könnten schließlich die Gewinner sein.


Beginnt mit dem Autosalon in Paris (2. bis 17. Oktober) ein neues Zeitalter des Automobils? Wer sich bei den französischen Herstellern Peugeot, Citroën und Renault umschaut, kommt an diesem Eindruck nicht vorbei. Gezeigt werden serienreife Elektroautos, von denen erste Exemplare bereits in den nächsten Wochen ausgeliefert werden sollen. Der Peugeot iOn etwa, der ausschließlich per Leasing zu haben sein wird, oder der baugleiche Citroën C-Zero, der 35.164 Euro kostet. Die Deutsche Bahn wird die ersten Citroën-Typen mit reinem Elektroantrieb erhalten, insgesamt werden 2011 aber wohl nur einige hundert der Elektro-Kleinwagen der beiden Schwestermarken des PSA-Konzerns nach Deutschland kommen. Und Renault, die dritte große Marke aus Frankreich, wird 2011 den elektrisch angetriebenen Kastenwagen Kangoo Rapide ZE auf den Markt bringen; Anfang 2012 dann soll die Familienlimousine Fluence ZE folgen.

Auch das erste Diesel-Full-Hybrid-Fahrzeug wird in Paris von einer französischen Marke vorgestellt: Es handelt sich um den Peugeot 3008 Hybrid 4, der im Frühsommer nächsten Jahres für rund 37.000 Euro bei den Händlern stehen soll. Ein Auto mit Allradantrieb, 200 PS, einem Verbrauch von 3,8 Litern und einem CO2-Ausstoß von 99 Gramm je Kilometer.

Vive l'électricité lautet also das inoffizielle Motto der Messe - allerdings nur aus französischer Sicht. Die deutschen Hersteller treten eher konservativ auf. Smart und Mini zeigen zwar Studien von Elektrorollern, doch das muss man vorerst wohl unter Image-Tamtam verbuchen. Wichtigste Auto-Premieren der hiesigen Hersteller sind die jeweils neuen Modelle des VW Passat, des Opel Astra Kombi, der jetzt Sports Tourer heißt, des BMW X3, des Mercedes CLS oder der komplett neue Audi A7 - allesamt grundsolide oder gar luxuriös-feudale Fahrzeuge, denen allerdings der Charme des wirklich Neuen fehlt.

Werden die deutschen Hersteller abgehängt?

Verpennt die deutsche Autoindustrie gerade die Abfahrt in Richtung Elektromobilität? "Der Vorsprung der französischen und japanischen Autobauer kann von den deutschen Herstellern in den nächsten Jahren aufgeholt werden", beruhigt Stefan Bratzel, Professor für Automobilwirtschaft an der Fachhochschule Bergisch Gladbach. Es könne sogar cleverer sein, eine "Fast Follower"-Strategie zu verfolgen, weil man so eventuell "viele Millionen sparen" könne.

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Renault-Elektroautos: Die reine Lehre
"Das französische Vorpreschen beim Elektroauto ist vor allem Resultat kluger Kooperationen und Lieferverträge", sagt Nick Margetts, Deutschland-Geschäftsführer des Marktbeobachters Jato Dynamics. Während der PSA-Konzern mit Mitsubishi zusammenarbeitet und von den Japanern Elektroautos bezieht, ist Renault mit Nissan liiert, jener Firma, die soeben den Elektro-Kompaktwagen Leaf auf den Markt gebracht hat. Auch Margetts hält die gegenwärtige Zurückhaltung der deutschen Hersteller für clever. "Wahrscheinlich werden die Nachzügler die Gewinner sein, weil sie weniger Lehrgeld zahlen müssen."

Deutsche lieben Perfektion, Franzosen Revolutionäres

Es ist wohl auch eine Mentalitätsfrage. Deutsche Ingenieure sind auf Perfektion aus, französische Entwickler schätzen eher das Wagnis - und die Kunden folgen ihnen. Das war schon vor mehr als hundert Jahren so: Erfunden wurde das Auto in Deutschland, in Frankreich aber verbreitete es sich am schnellsten. Um 1905 etwa tuckerten bereits gut 21.000 Exemplare über die Straßen der Grande Nation, in Deutschland waren es zu diesem Zeitpunkt rund 15.000.

Bereits vor 15 Jahren bauten Peugeot und Citroën zusammen rund 10.000 Elektroautos, es waren Kleinwagen der Baureihen 106 und Saxo. Diese Autos waren jedoch für den Massenmarkt nicht relevant - das Bewusstsein für die Gefahren des Klimawandels war zu dieser Zeit noch wenig verankert.

Jetzt sind die Chancen für Elektroauto-Serien erheblich besser. Außerdem lebt etwa jeder sechste Franzose im Großraum Paris - eine Konzentration, die der begrenzten Reichweite elektrischer Mobilität entgegenkommt. Und schließlich zahlt der französische Staat jedem E-Auto-Käufer eine Prämie von 5000 Euro.

Woran es hapert, ist die Infrastruktur

Derartige Zuzahlungen lehnt die Bundesregierung bislang ab. Ohnehin ist es fraglich, ob eine staatliche Zuwendung den Kauf von Elektroautos ankurbeln wird. Denn nicht Geld scheint das Grundproblem zu sein, sondern vielmehr die noch nicht existierende Infrastruktur. Wenn massenhaft Elektroautos auf den Straßen unterwegs sein sollen, wird es mit ein paar Ladestationen in ausgewählten Ballungsräumen nicht mehr getan sein.

Bis solche Fragen geklärt sind, wird die gewohnte Antriebstechnik dominieren. Und die Industrie, speziell die deutsche, darf auf glänzende Geschäfte hoffen. In diesem Jahr, so hat der Automobilwirtschaftler Ferdinand Dudenhöffer von der Uni Duisburg-Essen hochgerechnet, werden sich die weltweiten Pkw-Verkäufe auf 57,3 Millionen summieren. Es wäre das zweitbeste Ergebnis der Automobilgeschichte (nach weltweit 58,8 Millionen Autos im Jahr 2007). Und 2011 soll es ein neues Rekordjahr werden, mit erstmals mehr als 60 Millionen Pkw-Verkäufen weltweit.



insgesamt 47 Beiträge
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Seite 1
duanehanson 29.09.2010
1. Vive l'accent aigu!
Aber trotzdem soll man es, auch bei den Sachen die man liebt, nicht übertreiben und besonders in Überschriften (neudeutsch »Headlines«) könnte man vor der Veröffentlichung zweimal nachsehen ... Ich fahre übrigens regelmäßig über zweitausend Kilometer zu meiner Arbeitsstelle, mit einem Elektroauto wäre ich glatte fünf Tage unterwegs, aber vermutlich immerhin deutlich ausgeruhter als zur Zeit.
Fackus, 29.09.2010
2. super
Zitat von sysopDas Warten aufs Elektroauto ist vorüber. Waren die Autoshows der vergangenen Jahre bloß Schauplätze pompöser Ankündigungen, werden auf dem Autosalon in Paris serienreife Modelle enthüllt. Die deutschen Marken zuckeln dabei hinterher - und könnten schließlich die Gewinner sein. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,720009,00.html
Sehr schön. Und morgen schreibt der SpOn bitte darüber, wo der Strom eigentlich herkommt und die Ökobilanz und so ...
Cleanthinking 29.09.2010
3. Infrastruktur ist nicht das zentrale Problem!
Als Autor, der sich intensiv mit eMobilität befasst und gerade eine Studie des Deutschen CleanTech Instituts zu eMobilität redaktionell begleitet hat, kann ich das Problem Infrastruktur in Sachen eMobilität kaum oder gar nicht erkennen. Momentan ist eMobiliät ein Thema für den urbanen Raum und dort wird in den meisten Fällen das Elektroauto an der heimischen Steckdose aufgeladen werden. Sobald es auf Firmengeländen oder Supermarktparkplätzen weitere "Zapfsäulen" gibt, ist das Problem - zumindest für den urbanen Verkehr - weitgehend gelöst. Die Strom-Infrastruktur und die Versorgung einer größeren Zahl Elektroautos mit sauberem Strom ist schon eher ein Problem - wenn jeder sein Elektroauto direkt nach dem Nachhause-Kommen von der Arbeit auflädt, haben die Netze ein Problem. Preis und Reichweite sind die zentralen Herausforderungen, das Thema Infrastruktur ist zeitnah lösbar, sobald Geschäftsmodelle damit verknüpft werden können. Die Studie des DCTI (Vorabversion) kann hier kostenlos heruntergeladen werden: http://www.cleanthinking.de/dcti-emobilitat/
brux 29.09.2010
4. Pfeifen im Walde
Warum nun gerade die deutsche Automobilindustrie den Erfolg als "fast follower" finden soll, wenn doch jeder andere deutsche Industriesektor dem Prinzip "early achiever" folgt, erschliesst sich mir nicht. Es ist wohl eher so, dass die deutschen Hersteller einmal mehr einen Trend verschlafen. Die Gründe sind bekannt: Typisch deutsches over-engineering (der Entwickler entscheidet, nicht der Kunde), struktur-konservatives Management, und eine Kundenbasis, die ökologisch in der Steinzeit verharrt. Solange Deutsche ihr Auto eher zum Angeben kaufen denn als Mobilitätsinstrument, wird sich da nicht viel ändern. Damit will ich aber nicht sagen, dass Elektroautos wirklich besser sind. Das muss noch bewiesen werden. Was aber schon bewiesen ist, ist die Tatsache, dass noch mehr PS bei jedem neuen Modell einfach nur auf bestimmte individual-psychologische Probleme bei deutschen (und nun wohl auch chinesischen) Männern hinweisen. Der Markt der Zukunft ist das bestimmt nicht.
Cancun, 29.09.2010
5. Die Grande AKW Nation
Da werden sie dann ja wohl jetzt sicherlich noch einen schönen neuen Reaktor vor den Toren von Paris auf die grüne Wiese knallen, damit die ganzen Pendler ihre Elektro-Dosen auch aufgeladen bekommen.
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