Neue Pick-Ups in Detroit Aufmarsch der schweren Geschütze

Aus europäischer Sicht sind Pick-ups plumpe Folklore-Fahrzeuge. In den USA jedoch gelten die Pritschenwagen als rollendes Kulturgut - für die Hersteller sind sie fette Gewinnbringer. Jetzt rüsten die Protagonisten auf, Beobachter sprechen vom "Battle of Pick-ups".

Tom Grünweg

Aus Detroit berichtet


Für Pick-up-Fans inszenierte Ford auf der Detroit Autoshow schon einmal das Jüngste Gericht. Ein Auto schwebte - engelgleich - von der Decke auf die Bühne. Dort standen Männer in Arbeitsoveralls, die dem Fahrzeug mit funkensprühenden Schweißbrennern und rhythmisch schlagenden Niethämmern einen martialischen Empfang bereiteten. Showtime in Motor City! Ford beschert der Autowelt die Pick-up-Studie Atlas Concept, und dieses Auto, das von oben kam, ist sozusagen ein Fingerzeig des Himmels auf die kommende Generation des Ford F-150.

Mit der spektakulären Premiere war eröffnet, was die Tageszeitung "USA Today" als "Battle of pickup trucks" annoncierte: Die drei großen US-Autokonzerne zeigten in Detroit allesamt Neuheiten im Pritschenwagen-Segment. "Für uns ist 2013 das Jahr des Pick-ups", erklärte Michele Krebs, Analyst der Auto-Datenbank Edmunds.com. Und Rebecca Lindland vom Marktanalyse-Unternehmen IHS Automotive sagt: "Der Pick-up ist das Fahrzeug in der gesamten Autowelt, das einzig und allein amerikanisch ist. Hier geht es nicht nur um Profit, hier geht es um ein Lebensgefühl, um Rock'n'Roll und Apple Pie."

Genau dieses Lebensgefühl greift Ford seit dem ersten F-Modell aus dem Jahr 1948 auf und transferiert es so erfolgreich wie keine andere Marke in ein Auto. Seit Jahrzehnten ist der F-150 das meistverkaufte Auto in den USA. Auch 2012 fuhr er in der Absatzstatistik weit voraus - mit 645.316 Neuzulassungen.

Popstar mit Pritsche

Die Studie Atlas Concept sieht noch größer und gewaltiger aus als der F-150, automatisch ausfahrende Trittbretter sind da hochwillkommen, um überhaupt auf den Fahrersitz dieses Kolosses zu gelangen. Sie sollen zugleich aber auch die Aerodynamik des Trumms verbessern, denn auch bei Pick-ups ist Spritverbrauch inzwischen ein Thema.

"Dieses Auto wird sparsamer als je zuvor", sagt Ford-Chefentwickler Raj Nair. Unter der Haube steckt ein V6-Motor mit Turboaufladung und Direkteinspritzung, es gibt eine Start-Stopp-Automatik, einen beweglichen Spoiler am Unterboden, Felgen, in denen sich die Speichenzwischenräume ab einer gewissen Geschwindigkeit automatisch schließen und allerlei Alu anstelle von Stahlbauteilen. Das senkt das Gewicht um rund 350 Kilogramm.

Rund 20 Prozent Spritersparnis könnte das einbringen, vermuten die ansonsten mit Zahlen geizenden Ford-Entwickler. Allerdings wird es wohl noch zwei Jahre dauern, bis ein neuer F-150 vorfährt. Dass schon jetzt ein derartiges Tamtam um den Nachfolger gemacht wird, soll den Bestseller, von dem es ansonsten nichts Neues zu berichten gibt, im Gespräch halten. "Wir wollen uns die Führungsrolle nicht streitig machen lassen", sagt Nair.

Schwere Geschütze von GM

Die Gegenseite in dieser "Schlacht der Pick-ups" hat nämlich schweres Geschütz aufgefahren, und zwar in Form des jüngst runderneuerten Chevrolet Silverado sowie seines etwas feineren Zwillingsmodells GMC Sierra - beide aus dem General-Motors-Konzern. Die Autos fahren mit neuen oder zumindest überarbeiteten V6- und V8-Motoren mit Zylinderabschaltung vor und sollen den Rückstand zu Ford deutlich verkürzen. 2012 wurden von Silverado (418.312) und Sierra (157.185) zusammen rund 70.000 Exemplare weniger verkauft als von der Ford F-Serie. "Jetzt geht es um den Thron im bedeutendsten Segment des größten Marktes der Welt", sagt Analyst Krebs.

Im Ringen um Stückzahlen mischt natürlich auch der Chrysler-Konzern mit, nämlich mit dem Ram, der im vergangenen Jahr neu vorgestellt wurde, als erstes Auto dieser Spezies auf Spritspartechnik setzte und dafür jetzt die prestigeträchtige Auszeichnung "Truck of the Year" erhielt (293.363 verkaufte Neuwagen 2012). Und dann gibt es auch noch Modelle wie den Toyota Tundra oder den Nissan Titan, die in den USA ebenfalls auf ordentliche Zulassungszahlen kommen.

Beobachter freuen sich auf eine "Schlammschlacht"

Die amerikanischen Medien beobachten dieses Gerangel mit großem Vergnügen. Die "USA Today" freut sich schon auf eine "Schlammschlacht", die jetzt bei den Autohändlern entfesselt werde. Das Fachblatt "Autonews" wiederum bedient sich des Wrestling-Vokabulars und schreibt vom "Smack-Down" unter den Pick-up-Herstellern. Allerdings ist noch nicht klar, wer wen zu Boden werfen wird.

In Europa mutet solch' eine Aufregung um aufgehübschte Nutzfahrzeuge übertrieben an. In den USA, wo die Markenloyalität zu einer Pick-up-Marke quasi zu Familientradition gehört, wirkt sie vollkommen normal. "Im Prinzip ist der Pick-up der moderne Erbe des Planwagens, mit dem wir einmal unser Land besiedelten", sagt Bob Hegbloom aus dem RAM-Produktmanagement. "Und genau so wurden die Autos früher auch gebaut: vorn eine durchgehende Bank und hinten eine große Pritsche."

Das hat sich geändert. Die aktuellen Typen glänzen vor Chromschmuck, bieten großzügige Kabinen mit vier Türen und drinnen Lederausstattung und das ganze Programm an elektronischen Komfort- und Assistenzsystemen. Sie sind damit Spiegel einer segmentübergreifenden Entwicklung: Längst sind die Käufer dieser Autos nicht mehr nur Erdnussfarmer, Rinderzüchter oder Handwerker.

Der drittgrößte US-Pick-up-Markt: New York City

"Der Pick-up ist längst bei den Familien angekommen", sagt Hegbloom. Zwei Drittel der Ram-Käufer nutze den Kleinlaster privat, um damit zum Campen oder in die Berge zu fahren. Auf der Ladefläche lasse sich einfach mehr Ausrüstung mitnehmen als in jedem SUV. Der Wandel schlägt sich auch in der regionalen Verkaufsstatistik nieder. Nach wie vor setzt Ram Trucks die meisten Pick-ups in Texas ab, doch an Nummer drei folgt bereits New York City.

Das Gerangel um die Pick-up-Kundschaft, vor allem um die Neueinsteiger in diesem Segment, kommt zum passenden Zeitpunkt. Automarktanalysten rechnen mit weiter steigenden Zulassungszahlen bei diesen Fahrzeugen. Argument eins ist das allgemein freundlichere Wirtschaftsklima. Argument zwei: Der Eigenheimerwerb in den USA nimmt wieder Fahrt auf. "Das ist traditionell ein Zeichen, dass auch unsere Zahlen nach oben gehen werden", sagt ein Automanager. "Denn die Einkäufe aus dem Baumarkt müssen ja irgendwie nach Hause kommen."

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insgesamt 57 Beiträge
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Seite 1
a24 20.01.2013
1.
---Zitat--- Felgen, in denen sich die Speichenzwischenräume ab einer gewissen Geschwindigkeit automatisch schließen ---Zitatende--- Ich will ja nicht alles schlecht reden, aber so ein Gimmick erhöht das Gewicht an den rotierenden Massen. In einem Land in dem eh nicht schneller als 90 Meilen gefahren darf, dürfte das doch den Spritverbrauch doch eher erhöhen als senken. ---Zitat--- Sie sind ein Lebensgefühl, wie Rock'n'roll und Apple Pie. ---Zitatende--- Rock'n'roll - was war das noch mal? War das nicht eine Musikrichtung und Subkultur aus den 50ern und 60ern?
powerhorse 20.01.2013
2. ...nicht mit europäischen Verhältnissen vergleichbar .....
wer in USA lebt, denkt ein wenig anders. Lange Strecken wollen bequem zurückgelegt werden. Viel häufiger der Grund sich einen pick-up zuzulegen, als nur zum Transport irgendwelcher sperriger Sachen. AUch wenn z.B. der Ford Explorer das gleiche Chassis hat wie der F-150, ähneln diese SUV´s schon kaum noch ihrem Ursprung. Wenn ich also weiterhin ein Fahrzeug mit den ehemaligen Vorzügen eines echten SUV´s haben möchte/brauche, dann bin ich fast schon gezwungen, einen pick-up zu kaufen. Denn sonst hab ich nur nen cross-over.... Aber wie immer wird soetwas aus deutscher Sicht betrachtet. Und entsprechend dargestellt, dass diese Fahrzeuge blödsinnig sind. Wer in USA lebt, denkt anders drüber ....
nick999 20.01.2013
3.
Zitat von sysopFordAus europäischer Sicht sind Pick-ups plumpe Folklore-Fahrzeuge. In den USA jedoch gelten die Pritschenwagen als rollendes Kulturgut - für die Hersteller sind sie fette Gewinnbringer. Jetzt rüsten die Protagonisten auf, Beobachter sprechen vom "Battle of Pick-ups". http://www.spiegel.de/auto/aktuell/pick-up-battle-ford-chevrolet-und-ram-mit-pritschenwagen-neuheiten-a-878369.html
25% sparsamer? 2009 brauchte ein im Urlaub gemieteter Pick-Up mit Wohnmobilaufsatz 16l Diesel auf 100km/h, ohne Wind, bei ebener Straße und 72km/h. Der 2 Wochen Durchschnittsverbrauch lag über 19l/100km/h. Da die Amis meist mit Benzin fahren, wären das dann mit der 25% Einsparung etwa 16L/100km. Der beschriebene Aerodynamik Schnickschnack ist gut, solange er als Kaufargument wirkt. Bei 55 Meilen/h (in Ausnahmefällen bis 75 Meilen/h) Höchstgeschwindigkeit spielt die Aerodynamik nicht die Rolle wie in anderen Ländern. Aber es ist ja nur ein Konzeptfahrzeug. Auf der anderen Seite, wenn sich die US Autoindustrie auf Segmente konzentriert, auf denen Deutschland nicht vertreten ist, kann das für uns nur gut sein. Denn diese US-Entwicklungskapazitäten fehlen dann in anderen Automobilmarktsegmenten.
erfuhrford 20.01.2013
4. Amarok
Würde mich interessieren, ob der VW Amarok in den USA gekauft wird. Wahrscheinlich nicht, der hat ja eher wenig mit Rock'n Roll und Apple Pie zu tun..
ramalamadingdong-der-zwei 20.01.2013
5. Drei Dinge die ein Texaner benötigt...
woman, gun and pick-up truck
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