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07. April 2006, 14:37 Uhr

Pirelli-Kalender

Kult um den Unverkäuflichen

Jedes Jahr wird er mit Spannung erwartet und ist heiß begehrt - und doch war der Pirelli-Kalender, von seinen Fans liebevoll "The Cal" genannt, in seinen über 40 Jahren nie käuflich. Eine Ausstellung in der Berlinischen Galerie zeigt die Historie der berühmten Reifen-Pin-ups.

Berlin - Ein schüchternes Mädchen im weißen Bikini, den Kopf gesenkt, aufgenommen aus sicherer Entfernung. Eine Frau, die mit treuherzigem Blick eine Hand in ihrer Bluse verschwinden lässt - mehr Sex war nicht drin, als die Reifenfirma Pirelli 1964 zum ersten Mal ihren Pin-up-Kalender an einen ausgewählten Kundenkreis verschenkte.

Über 40 Jahre später sind auch die letzten Hüllen längst gefallen. Der Kundenkalender ist zum Inbegriff der erotischen Fotografie geworden. Stars wie Kate Moss und Heidi Klum haben für Pirelli posiert, in Szene gesetzt von Künstlern wie Peter Lindbergh und Herb Ritts. Jetzt hat "The Cal", wie seine Macher ihn nennen, die Museumsreife erlangt: Die 120 schönsten Nackten aus vier Jahrzehnten sind ab heute an den Wänden der Berlinischen Galerie in Kreuzberg zu besichtigen.

Die Bilder aus 33 Jahrgängen sind zugleich eine Zeitreise durch die Geschichte der Fotografie, der Körperkultur und Erotik. In den ersten zehn Jahren drapierten Fotografen wie Harri Peccinotti, Brian Duffy und Peter Knapp ihre Models vor exotischer Kulisse - etwa am Südseestrand bei Sonnenuntergang. Ab 1984 wurden auch die Produkte des Reifenherstellers Pirelli in Szene gesetzt - der Schatten eines Pneus huschte über Wasser, oder Spuren im Sand wiesen auf das eigentliche Intention der Herausgeber hin: die Werbung für ein gänzlich unerotisches Autozubehör.

Erst in den Neunzigern tauchten Glanz und Glamour auf den Aktfotografien auf. Die Zeit der Supermodels brach an: Cindy Crawford, Laetitia Casta, Kate Moss, Gisele Bündchen und immer wieder Naomi Campbell. Insgesamt setzten 27 Fotografen ihre Phantasien über Erotik für Pirelli um, sieben von ihnen sogar zweimal. Darunter waren drei Frauen: die Französin Sarah Moon (1972) und die Amerikanerinnen Joyce Tennyson (1989) und Annie Leibovitz (2000). Unter dem Motto "libres et puissantes" - von Pirelli als "Verführung und Ausdrucksfreiheit" übersetzt - hat das anglo-türkische Fotografen-Duo Mert Alas und Marcus Piggot seine Impressionen für den aktuellen Kalender fast ausschließlich in Schwarzweiß festgehalten.

Neben den Kalenderbildern zeigt die Berlinische Galerie auch bislang unveröffentlichte Fotos, die bei der Produktion entstanden: "Alles, was Liebhaber des weltweiten Mythos The Cal gerne immer schon gewusst hätten", verspricht der Vertreter der Reifenfirma. Erstmals sind auch die bisher noch nicht gezeigten Fotos des nie gedruckten allerersten Kalenders von 1963 zu sehen.

Das Landesmuseum für moderne Kunst, Fotografie und Architektur ist in der Zwickmühle. Sein Auftrag ist die Präsentation heimischer Künstler, doch es benötigt dringend mehr Besucher. Die Pirelli-Mädchen könnten sie in die Alte Jakobstraße locken, das Kalkül gibt Galerie-Direktor Jörn Merkert bei der Eröffnung unumwunden zu. Darüber hinaus habe er "kein Problem damit, dies als künstlerische Fotografie zu zeigen." Die Pin-ups zeigten nicht nur nackte Wahrheiten, sondern spiegelten den Zeitgeist der letzten 40 Jahre wider.

abl/mir

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