Autogramm Porsche 911 Cabrio In aller Offenheit

Porsches 911 verliert an Reiz - weil Technik menschliche Fahrkunst zunehmend ersetzt. Gut, dass es das Cabrio gibt: In dem fühlt sich vieles ganz anders an.

Tom Grünweg

Der erste Eindruck: Speck lass nach! Genau wie das Coupé ist auch das Cabrio in die Breite gegangen. Und das fällt beim offenen Auto mit seinem modifizierten Heck noch stärker auf.

Das sagt der Hersteller: Ein Coupé mit erweitertem Spaßfaktor - so beschreibt Porsche-Sprecher Holger Eckhardt das neue Cabrio. Weil sie so kurz nach dem Generationswechsel sonst nichts ändern mussten, haben sich die Entwickler auf das Dach konzentriert und dabei Tugenden umgesetzt, die bei der Baureihe 992 sonst nicht so zum Tragen kamen. Das Dach ist besser gedämmt als früher und sein Antrieb schneller geworden. Rund zwei Sekunden weniger braucht das Cabrio jetzt für die elektrisch gesteuerte Offenbarung.

Das ist uns aufgefallen: Das neue Verdeck ist - genau wie das ganze Auto - soweit perfektioniert und so alltagstauglich, dass ein wenig von seinem Reiz verloren geht. Inzwischen ist der Elfer so narrensicher, dass ihn jeder Führerscheinneuling sicher bewegen kann. Und so bequem, dass es sich mit ihm entspannt von Hamburg nach München reisen lässt. Und so geräumig, dass jeder Wohlstandsbauch hinters Lenkrad passt - erst recht, seitdem es nun sogar eine Einstiegshilfe gibt und der Sitz automatisch zurückfährt. Und so intelligent, dass er eine nasse Fahrbahn erkennt und Traktions- und Stabilitätskontrolle ändert - als könnte es der Fahrer nicht selbst registrieren, wann das Wasser auf der Straße steht.

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Porsche 911 Cabrio: Dickes Vergnügen

Für diesen Anspruch der alltagstauglichen Narrensicherheit haben die Porsche-Entwickler sogar mit ein paar Tabus gebrochen. Dass sich der selbst erklärte Gralshüter des Leichtbaus nun einen Zentner mehr Gewicht einfängt, ohne dass das Auto nennenswert größer geworden wäre, ist fast schon peinlich. Und dass Porsche digitale Instrumente einbaut, bei denen zwei von vier Anzeigen vom Lenkrad verdeckt werden, ist auch ärgerlich.

Der Komfortgewinn mag zwar mehr Kunden in Amerika und China bringen. Doch so degradiert Porsche den Elfer zu einem alltäglichen Auto. Wenn jeder einen Sportwagen bedenkenlos fahren kann, dann hebt das Auto sich nur noch über Preis und Power von Golf und Co. ab. Zum Fahrer schaut niemand mehr bewundernd auf, weil er eine Bestie beherrscht. Allenfalls wird registriert, dass er viel Geld hat.

All das geht einem auf den ersten Metern im neuen Elfer durch den Kopf, der mühelos in 3,6 Sekunden von 0 auf 100 km/h beschleunigt, mit traumwandlerischer Sicherheit durch die Kurven schneidet und in dem der Fahrer mitunter nicht merkt, dass er viel zu schnell ist.

Werfen Sie einen Blick in den Innenraum des Porsche 911 Cabrio - mit unserem 360-Grad-Foto:

Und dann öffnet man das Verdeck, und alles ist anders. Denn das Verdeck ist nicht nur Teil des Porsche-Problems, sondern auch eine Lösung: So angepasst und nüchtern der Elfer sein mag - wer das Dach öffnet und Gas gibt, dem bläst der Fahrtwind all die betrüblichen Gedanken aus dem Hirn.

Plötzlich klingt der Motor wieder leidenschaftlich, und der Porsche fühlt sich so schnell an, wie er tatsächlich ist. Während im geschlossenen Auto das Gefühl für die Geschwindigkeit etwas verloren geht, bekommen die Sinne im offenen Cabrio viel mehr geboten.

Das muss man wissen: Porsche bringt das Cabrio zeitgleich mit dem Coupé in den Handel. Beide Karosserievarianten werden ab Mitte März verkauft. Wie das geschlossene Modell gibt es auch den offenen 911 erstmal nur als Carrera S für 134.405 Euro mit Heck- und für 142.259 Euro mit Allradantrieb. Damit ist er etwa 14.000 Euro teuer als das Coupé.

Im Heck steckt dann ein 3,0-Liter-Boxer, der 450 PS und 530 Nm leistet und bei Vollgas bis zu 306 km/h schafft. Zumindest auf dem Prüfstand ist der Porsche halbwegs sparsam und braucht dort 9,0 Liter.

Porsche wäre aber nicht Porsche, wenn es dabei bleiben würde. Weil die Schwaben mit dem Elfer so wie Geld wie möglich einsammeln wollen, wird es bald einen neuen Carrera als Basismodell mit 385 PS geben und auch wieder einen Turbo. Außerdem ist auch der Targa wieder in der Pipeline. Wem das neue Verdeck zu perfektionistisch ist, für den gibt's eine handgeknöpfte Alternative.

Das werden wir nicht vergessen: Die zugunsten der Aerodynamik versenkten Türgriffe, die sich nur mühsam aus dem Blech hervorholen lassen. Während das Cabrio sonst einen so offenen Charakter hat und sich jetzt noch schneller öffnet, gibt sich der Elfer in diesem Detail ziemlich verschlossen.

Fahrzeugschein
Hersteller: Porsche
Typ: 911 Carrera 4S Cabrio
Karosserie: Cabrio
Motor: Sechszylinder- Turbo-Benzindirekteinspritzer
Getriebe: 8-Gang-Doppelkupplung
Hubraum: 2.981 ccm
Leistung: 450 PS (331 kW)
Drehmoment: 530 Nm
Von 0 auf 100: 3,6 s
Höchstgeschw.: 304 km/h
Verbrauch (ECE): 9,0 Liter
CO2-Ausstoß: 207 g/km
Kraftstoff: Super
Kofferraum: 132 Liter
Gewicht: 1.635 kg
Maße: 4519 / 1852 / 1299
Preis: 142.259 EUR


insgesamt 57 Beiträge
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Seite 1
HCG 19.03.2019
1. Gut so!
Die Breite bringt am meisten. Bei den früheren Modellen bin ich (1,85m) immer mit dem rechten Bein an der Mittelkonsole gedrückt gefahren. Grade bei Langstrecke sehr unbequem. Warum soll so ein toller Sportwagen nicht bequem sei ? Ich sehe da keinen Wiederspruch.
albatros0612 19.03.2019
2.
In Zeiten von Dieselfahrverboten, in denen sich der Normalverdiener überlegen muss, wie er demnächst seinen Urlaub mit drei Tagen Anreise im E-Mobil bewältigen soll, dürfte über solche Autos überhaupt nicht mehr berichtet werden. Wenn es nur noch Fahrzeuge mit maximal 1,8 Liter Hubraum und 120 PS gäbe, wäre der Umwelt schon sehr geholfen! Und für alle Zweifler: auch mit solchen Autos kommt man ziemlich zügig ans Ziel...
ManfredBrosemann 19.03.2019
3. Eine harte Bestie.......
..... ist ein 911 schon seit dem 996 nicht mehr. Ich befürchte hier ist dem Autor die Fantasie durchgegangen. Jeder 996 Turbo ist von einer Oma, oder einem Rennfahrer zu fahren. Je nach Vorliebe. Fett, modern und extrem alltagstauglich, das ist sicher zutreffend. Aber lieber Autor, wieviele Wagen die in 3.6 Sekunden auf 100 beschleunigen haben Sie denn schon gefahren? Oder hat den 11er jemand anders für Sie bewegt? Der Wert ist nichts anderes als brachial und damit steht dieses Auto neben einer extrem kleinen Gruppe von Supersportwagen (oder auch fetten Limousinen wie einem E63S). Die Beschleunigng der Standardversion (ich bezeichne den S als solche), das ist die wirklich spektakuläre Essenz. Und, kommen wir zum Beginn, geben Sie Ihrer Oma oder 19 jährigem mal den Wagen und lassen voll beschleunigen. Jetzt! merken Sie, dass hier durchaus noch Bestie vorhanden ist. Das verspreche ich Ihnen. Und diese beiden Testfahrer (Oma und so, Sie verstehen?) werden damit sicher diese Bestie spüren. Denn quer beschleunigt, bringen nur die wenigsten Normalos einen 996T oder 992S an seine Grenzen.
tommahawk 19.03.2019
4. Sinnbild der Gesellschaft
Fett ist er geworden. Und demnächst fährt er autonom, der 911er. Dann kann er am Wochenende die Oma ganz alleine ohne den Fahrer besuchen.
der_anonyme_schreiber 19.03.2019
5.
Ein schönes Auto. Aber der "bessere" Porsche ist eigentlich mittlerweile der 718. Die allgemein zu beobachtende Fehlentwicklung Richtung "schwerer und komfortabler" geht auch an Porsche nicht vorbei.
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