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Autogramm Porsche 911 Carrera 4S Die fetten Jahre beginnen jetzt

Der Porsche 911 geht in die achte Generation und ist breiter denn je. Das dürfte vielen Fans gefallen - ein spezielles freies Plätzchen im Getriebe hingegen weniger.

Der erste Eindruck: Ist der breit, Mann! Der neue Porsche 911 kommt wuchtig daher. Das liegt am Vorderwagen, der - verglichen mit dem Vorgänger - im Quermaß um 45 Millimeter gewachsen ist. Hintenrum legen zudem die Hecktriebler um 44 Millimeter zu, weil sie die größere Karosserie der Allradmodelle übernehmen.

Das sagt der Hersteller: Breite verkauft sich gut, erklärt Ulrich Morbitzer, Projektleiter Fahrwerk für den 911. Das Wachstum zu den Seiten ist aber auch dem Umstand geschuldet, dass der Elfer erstmals auf unterschiedlich großen Rädern steht: Die S-Modelle rollen vorn auf 20- und hinten auf 21-Zöllern. Das balanciere den Wagen besser aus, er fahre sich ausgewogener, so Morbitzer. Damit er trotz der großen Hinterreifen gut durch die Kurven kommt, musste er vorn breiter werden. "Beim 911, ähnlich wie damals beim VW Käfer, ist der Vorderwagen durch das Heckmotorkonzept sehr leicht", sagt Morbitzer. Dadurch würde der Wagen eigentlich untersteuern, also weniger einlenken als vom Fahrer befohlen. "Die 46 Millimeter breitere Spur an der Vorderachse hilft, das zu verhindern."

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Porsche 911 Carrera 4S: Breites Grinsen

Foto: Porsche

Die breitere Spur entfernt die 992 getaufte Baureihe jedoch weiter von ihren Ahnen, gibt Morbitzer zu: "Wenn man den Ur-Elfer neben den 992 stellt, ist der Unterschied natürlich gewaltig." Trotzdem seien in der achten Generation alle Eigenschaften, die den 911 auszeichnen, erhalten geblieben. Der 992 lasse sich auch ohne elektronische Helfer problemlos sportlich fahren.

"Sie können aus engen Kurven, sogar aus Kehren, Vollgas geben - auch im ersten oder zweiten Gang", begeistert sich Morbitzer. Die größeren Hinterräder sollen diesen Effekt noch verstärken. Sie bringen jedoch auch einen Nachteil mit sich: Sowohl der 911 S, als auch der 4S sind 45 Kilogramm schwerer als ihre Vorgänger.

"Als Fahrdynamiker ärgert mich ein höheres Gewicht natürlich. Trotzdem ist der 911 immer noch ein leichtes Auto", sagt Morbitzer. 1515 Kilogramm bringt das S-Modell auf die Waage, die Allradvariante 4S 1565 Kilogramm. Damit es nicht noch mehr wurden, verordneten die Entwickler dem Auto eine strikte Aluminiumdiät. Die Hülle besteht nun bis auf die Bug- und Heckverkleidung komplett aus dem Leichtmetall. Den Stahlanteil reduzierte Porsche um 33 Prozent.

Das ist uns aufgefallen: Alu wirkt, das Gewicht merkt man dem Wagen kaum an. Der 992 folgt engen Landstraßen, als klemmte er in der Schiene einer Carrerabahn. Er lässt sich extrem direkt durch Kurven dirigieren, von Untersteuern keine Spur. Latscht der Fahrer am Kurvenausgang voll aufs Gas, zerrt die Vorderachse den 4S auf die Gerade, bevor der Wagen der nächsten Kurve entgegen schießt - ohne brachial zu wirken.

Die 450 PS des überarbeiteten Sechszylinders krallen sich am Körper fest, treten einem aber nicht ins Kreuz. Trotz der straffen Abstimmung traktiert der Wagen auch bei Bodenwellen nicht die Bandscheiben des Fahrers. Springt man rabiater mit dem Porsche um, bleibt das Fahrverhalten vorhersehbar. Etwas zu spät angebremst? Einen Tick zu hart eingelenkt? Der 992 verzeiht - wenn auch manchmal spürbar ackernd - viele Fehler und lässt den Fahrer stets spüren, wie viele Reserven er noch hat.

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Bei Nässe schränkt die achte Generation den Fahrer zu dessen Sicherheit jedoch etwas ein: So steckt im 992 serienmäßig Technik, die den Fahrer auf Aquaplaning hinweist. Ein Sensor im vorderen Radkasten hört, wie viel Wasser auf der Straße steht - und bietet dem Fahrer den "Wet-Mode" an.

Der Wagen passt dann Gasannahme, Spoilerposition sowie ABS und Traktionskontrolle an den Asphalt an. Der Modus sei auch manuell wählbar und warne vor mehr als Aquaplaning, erklärt Fahrwerkentwickler Morbitzer: "Dieser Fahrmodus ist generell bei rutschigen Verhältnissen, zum Beispiel auf verschneiten Straßen, deutlich sicherer." Beschleunigt man bei Nässe provokant am Kurvenausgang, greift der elektronische Co-Pilot massiv ein - und verhindert ein Übersteuern: Der 911 nimmt das Gas weg, Pedalposition hin oder her, und ruckelt den Wagen zurück in die Spur.

Das muss man wissen: Die Designer haben allerlei Hinweise auf ältere Generationen des Wagens über den 992 verteilt: Das Leuchtband am Heck erinnert an den 993, die Vertiefung in der Fronthaube an das G-Modell. Hinter dem Lenkrad sitzen wie beim Ur-Elfer fünf Rundinstrumente. Allerdings flankieren heute vier digitale Anzeigen den mittig angebrachten analogen Drehzahlmesser.

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Das Kernstück des S-Modells, der Sechszylinder-Boxermotor im Heck, leistet nun 450 PS und bringt zwischen 2300 und 5000 Umdrehungen pro Minute sowie satte 530 Nm Drehmoment auf die Straße. Dies ermöglichen bessere Injektoren und anders angeordnete Turbolader. Die sind nun keine Gleichteile mehr, sondern spiegelgleich angeordnet und bekommen so besser Luft. Die wiederum wird günstiger temperiert, weil der Ladeluftkühler an den Lufteinlass unterhalb der Heckscheibe umgezogen ist.

Im Getriebe verbirgt sich dagegen eine Neuheit, die manch eingefleischten Liebhaber verstören könnte. Im neu entwickelten Achtgang-Doppelkupplungsgetriebe ist noch ein Plätzchen frei - für einen Hybridantrieb. Für Ulrich Morbitzer ist das jedoch kein Tabubruch: "Am Charakter des 911 würde das nichts ändern." Auch frühere Veränderungen wie die Einführung der Wasserkühlung oder die Umstellung auf Turbomotoren in allen Modellen hätten den Wagen nicht grundlegend verändert.

Das werden wir nicht vergessen: Die lieblos gestaltete dritte Bremsleuchte. Die soll sich eigentlich in den Lufteinlass unterhalb der Heckscheibe einfügen. Tatsächlich wirkt sie wie ein Pickel, der sich nicht mehr ignorieren lässt, sobald man ihn einmal entdeckt hat. Schade, ansonsten haben die Designer dem 992 durch das durchgehende Leuchtband und den ausfahrbaren Spoiler ein gelungenes Heck verpasst. Aber vielleicht bietet ja demnächst ein Zubehörlieferant die Rettung an - in Form einer dunklen Scheibe für das Bremslicht.

Hersteller:Porsche
Typ:911 Carrera 4 S
Getriebe:Achtgang-Doppelkupplung
Hubraum:2.981 ccm
Leistung PS:450 PS
Leistung kW:331 kW
Drehmoment:530 Nm
Von 0 auf 100:3,6 Sek.
Höchstgeschw.:306 km/h
Verbrauch (ECE):9 Liter
CO2-Ausstoß:206 g/km
Kraftstoff:Super Plus
Gewicht:1.565 kg
Maße:4519 / 1852 / 1300
Preis:127.979 €