Weltpremiere für Porsches Elektroauto Feigenblatt mit 761 PS

Nach vier Jahren PR-Vorspiel zieht Porsche endlich das Tuch vom seinem ersten, richtigen Elektroauto: Taycan. Der Flitzer mit 761 PS ist für den Hersteller aus Zuffenhausen Rettungsboot und Risiko zugleich.

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Aus Neu Hardenberg berichtet Thomas Geiger


Es ist kurz vor 15.30 Uhr in Neuhardenberg, in einem riesigen Solarpark nahe Berlin geht Porsche-Vorstandchef Oliver Blume steil: "Dieser Tag markiert den Beginn einer neuen Ära", ruft er ins Publikum. Parallel enthüllt der Sportwagenhersteller am Wasserkraftwerk der Niagarafällen im US-Staat New York (9.30 Ortszeit) und auf der Insel Pingtan in einem Windpark vor der Küste Chinas (21.30 Ortszeit) jenes Auto, das Porsche eine Existenz auch in Zukunft sichern soll: den Taycan.

Es ist das erste richtige Elektroauto, das die Sportwagen-Schmiede auf die Räder stellt. Gut, vor 120 Jahren gab es schon mal eins aus dem Hause Porsche, den sogenannten Lohner-Porsche. Doch das war eine teilelektrifizierte Kutsche und reichte nur zur Randnotiz in der Automobilhistorie. Der Taycan soll einen anderen Stellenwert bekommen: Der Flachmann mit der Silhouette des 911 und den vier Türen des Panamera soll Porsche vorbei an Tesla an die Spitze der Luxus-Stromer bringen. Zumindest das Kundeninteresse scheint vorhanden: 30.000 Menschen haben nach Angaben von Porsche in den vergangenen Monaten quasi blind eine Anzahlung geleistet und sich damit einen Platz ganz vorn auf der Liste erkauft. Und das nicht billig: Zunächst mindestens 152.136 Euro kostet Porsches Elektro-Premiere.

In der dreifachen Weltpremiere an symbolträchtigen Orten rund um die Welt gipfelt eine PR-Kampagne, wie sie bislang kaum ein anderer Hersteller orchestriert hat. Vier Jahre ist es her, seit Porsche auf der IAA in Frankfurt die Studie Mission E enthüllt und den Einstieg in die Elektromobilität verkündet hat. Seitdem ist kaum ein Monat vergangen, in dem die Schwaben nicht irgendeine neue Mikro-Information zum Projekt nach allen Regeln der Kunst in die Öffentlichkeit geblasen haben. Zumindest in dieser Disziplin hat Porsche zu Tesla und Elon Musk aufgeschlossen.

Zum Erfolg verdammt

Marken-Experte-Professor Franz-Rudolf Esch aus Saarlouis findet so auch lobende Worte für die emsige Kommunikation: "Porsche hat mit dem Mission E zum Ausdruck gebracht, wie wichtig gerade der neue Taycan für die Zukunft des Unternehmens ist. Gleichzeitig wurde bei den Kunden eine große Erwartungshaltung an einen elektrischen Porsche geschaffen und dieser komplett mit der DNA der Marke verwoben."

Es gab eine eigene Microsite mit dem Titel "Tribut von Morgen". Eine eigens entwickelte App für eine virtuelle Testfahrt. Selbst an die Käufer von morgen wurde gedacht und der Mission E im aktuellen "Playmobil"-Film platziert. Für Esch sind 30.000 Vorbestellungen Beleg genug für den Erfolg der Kampagne. "Das ausgerechnet aus dem Elektro-Pionierland Norwegen die meisten Vorbestellungen kommen, ist ein weiterer Indikator für den Erfolg der Kampagne", urteilt der Experte.

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Weltpremiere für den Porsche Taycan: Extremes Elektroauto

Porsche ist als eng mit dem Rennsport verbandelte Firma, die Zigtausend Siege in ihren Annalen stehen hat, bei seiner Mission auch zum Erfolg verdammt. Der gigantische Marketing-Feldzug ist Risikominimierung, die Premiere, für die bei der Anreise der Gäste mehr CO2 verblasen wurde, als die erste Jahresproduktion des Stromers vielleicht einspart, ein notwendiges Übel.

Bei Teilen der Kundenbasis ist Porsches E-Strategie umstritten

"Für Porsche ist der Taycan sowohl ein überlebenswichtiges als auch ein risikoreiches Projekt", erklärt Automobilwirtschaftler Stefan Bratzel den gigantischen Aufwand der Schwaben. "Einerseits werden Klima- und Umweltschutz auch für Sport- und Luxusautobauer zum Hygienefaktor. Andererseits ist die Elektrifizierung der Porsche-DNA ein diffiziles Unterfangen, das bei der bisherigen Kundenbasis umstritten ist", umschreibt der Professor an der Hochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach die Gratwanderung. "Da muss der erste Schuss sitzen."

Sechs Milliarden Euro will Porsche bis 2022 in die Elektromobilität investieren und bis 2025 auf einen Elektrifizierungsanteil von 50 Prozent kommen (ein Großteil davon Plug-in-Hybride). Die nächsten Neuheiten sind mit dem Taycan Cross Tourismo als aufgebocktem Kombi und dem elektrischen Macan schon angekündigt. Bis es auch einen waschechten Sportwagen vom Format eines 911 oder 718 ohne Verbrenner gibt, ist es wohl nur noch eine Frage der Zeit.

Die Sportlichkeit, die sogenannte DNA der Marke, ist überhaupt Dauerthema, auch auf der Premiere nahe Berlin. Entwicklungsvorstand Michael Steiner stößt ins gleiche Horn: "Wir haben für das Zeitalter der Elektromobilität einen echten Porsche versprochen - einen faszinierenden Sportwagen, der nicht nur technologisch und fahrdynamisch begeistert, sondern Menschen weltweit genauso fasziniert wie seine legendären Vorgänger. Jetzt liefern wir."

781 PS - Porsches eigene Definition von Nachhaltigkeit

Der Mann, der diese Begeisterung schüren und diese Lieferung übernehmen soll, heißt Stefan Weckbach und hat das Projekt mit dem intern nüchternen Kürzel "J1" geleitet. Und er hat dem Taycan alles mitgegeben, was es dafür braucht. Bis zu 761 PS und 1050 Nm Drehmoment leisten die beiden Motoren und katapultieren den Allradler deshalb in bestenfalls 2,8 Sekunden von null auf hundert. Weil Porsche anders als Mercedes beim EQ C und Audi beim e-tron ein zweistufiges Getriebe einbaut, sind ebenso konkurrenzlose wie unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten sinnlose 260 km/h Höchstgeschwindigkeit möglich. Und weil der Taycan einen tieferen Schwerpunkt hat als ein 911 GT3, weil er Luftfederung und Allradlenkung bekommt, steht er - das haben letzte Testfahrten gezeigt - den Spagat zwischen luxuriösem Reisekomfort und Rundstreckentauglichkeit.

Während Weckbach damit die Werte der alten Welt bedient, macht er immerhin beim Interieur den Sprung in eine neue Zeit: Konsequent hat er fast aller Schalter ausgemustert und das Cockpit so voller Displays und Touchscreens gepflastert, wie man es bislang nur von Byton kennt. Auch den bislang heiligen Drehzahlmesser an prominenter Position hinter dem Lenkrad gibt es (logisch) nicht mehr. Aber immerhin überlebt der Startknopf, der als Sensorfeld auch weiterhin links vom Lenkrad sitzt.

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Autogramm Porsche Mission E Cross Turismo: Studienausflug

Die Frischzellenkur wirkt: Selbst die riesigen Tablets von Tesla sehen dagegen ziemlich angestaubt aus. Und auch beim Laden geht Porsche einen Schritt weiter als die Konkurrenz: Weil der Taycan erstmals mit einer Bordspannung von 800 statt 400 Volt arbeitet, zapft er den Strom schneller als andere. An der richtigen Säule eingestöpselt, reichen fünf Minuten Ladezeit für 100 Kilometer und kaum mehr als 20 Minuten für einen Ladestand von 80 Prozent.

Die Vergangenheit, sie lässt Porsche nicht los

Glaubt man den Expertem, könnte die Rechnung für Porsche aufgehen: Alles spricht dafür, dass der Taycan ein außerordentliches Auto wird", sagt der sonst gern eher kritische Professor Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg Essen. "Nach meiner Einschätzung ist dies das erste Auto, das den Namen Tesla-Jäger verdient. " Zugleich schaffe es Porsche mit dem Taycan, sich fest im Zukunftsfeld Elektroauto zu positionieren: "Der Taycan hat das Zeug zum Klassiker, zum 911 für das Elektrozeitalter", sagt Dudenhöffer und sieht darin auch eine Ohrfeige für die Konkurrenz: "Ferrari, Lamborghini, Aston Martin, McLaren, Mercedes AMG, Lotus haben eine Chance verpasst."

Für die Gusseisernen im Kundenstamm hat Porsche-Chef Blume bei der Premiere übrigens eine Beruhigungspille parat. Für ihn sind vollelektrische Autos wie der Taycan nicht der neue Markenkern, sondern, wie er sagt, höchstens die "dritte Säule": sportlich, voll vernetzt, elektrisch. Aber natürlich werde es im Unternehmen immer "auch Platz für Verbrenner wie im 911 geben".

Dazu passt ein kleines Detail, das zeigt, dass die Schwaben die alte Welt noch nicht ganz abschütteln können - was bisweilen zu etwas widersinnigen Entscheidungen führt. Zum Beispiel bei der Nomenklatur: Wie eh und je heißen die Topmodelle der Baureihe auch beim Taycan "Turbo" und "Turbo S" - obwohl es im Motorraum längst keinen Turbolader mehr gibt.



insgesamt 77 Beiträge
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Seite 1
abergdolt 04.09.2019
1. Richtig so - für die Umwelt!
Es gibt sie einfach, die rein spaßorientierten Fahrer. Bietet man Ihnen ein passendes elektrifiziertes Spaßmobil, dann werden viele umsteigen - und einen steigenden Anteil Sonne und Wind auf der Straße lassen. Bietet man nichts, dann werden sie weiterhin Benzin verbrennen...
Speedwing 04.09.2019
2. Irgendwie ist das Design
Ja gelungen obwohl es letztlich Geschmackssache ist. Trotzdem sieht er von vorn irgendwie aus als wenn er weinen würde, wenigstens kein Aggro Look, viel Erfolg Porsche. Nachhaltigkeit und Umweltbilanz bei der Akkuherstellung lassen wir hier mal außen vor, man wird sehen oder auch nicht....
axelkl 04.09.2019
3. Schicker Wagen.
Ich habe gerade mal ein bisschen im Konfigurator gespielt. Zumindest in einem Punkt bleibt der Taycan ein ganz alter Porsche: die Aufpreispolitik für angesichts des Grundpreises eigentlich selbstverständliche Dinge wie z.B. anklappbare Außenspiegel bleibt schlichtweg unverschämt.
Kreklova 04.09.2019
4. Rettungsauto
Genau solche Vehikel braucht es, um zu verhindern, dass sich die Menschheit auf diesem Planeten selbst abschafft!
Tante_Frieda 04.09.2019
5. Leise?
Für eine bestimmte,äußerst zahlungskräftige Klientel ist dieses Vehikel doch in Ordnung.Man kann sie sich geradezu vorstellen,wie sie über die Straßen von Monaco oder der Filmmetropole Los Angeles rollen - und das ökopolitisch durchaus korrekt.Das Preisschild wird dafür sorgen,dass von dem elektrischen Spaßmobil nur eine überschaubare Zahl gebaut wird.Und alle Nichtbesitzer eines Porsche werden jetzt hoffen,dass im Taycan ein relativ leiser Motor arbeitet statt der prollig lauten Antriebsmaschinen in den Verbrennern.
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