Geplatzte Porsche-Auktion "Das war von vorne bis hinten unprofessionell"

Es roch nach Rekord: Für den ersten Porsche der Firmengeschichte wurde bei einer Auktion ein Zuschlag bei mindestens 20 Millionen US-Dollar erwartet. Doch die Versteigerung geriet zum Debakel - weil der Auktionator patzte.

Jack Schroeder/ Courtesy of RM Sotheby's

"Ein einziger Albtraum", sagt Markus Eisenbeis. "Da wird mir als Berufskollege richtig schummrig." Eisenbeis, 50, Inhaber des Auktionshauses Van Ham in Köln, ist fassungslos, nachdem er das Video aus dem kalifornischen Monterey gesehen hat. Der Film dokumentiert, wie die mit Spannung erwartete Auktion eines Porsche Typ 64 zum Desaster wird - für den Auktionator und das Auktionshaus RM Sotheby's.

Dabei fängt es so gut an. Der Saal ist brechend voll. Los 362 wird von einem Sprecher des Auktionshauses RM Sotheby's als "heiliger Gral" angekündigt. Auf den großen Videobildschirmen ist ein silberfarbener Sportwagen auf einer Rennstrecke zu sehen. Der Porsche Typ 64. Das erste Auto, mit dem Schriftzug "Porsche" auf der Frontpartie. Gebaut wurde der aerodynamisch verkleidete Zweisitzer für das Propagandarennen "Berlin-Rom", das 1939 stattfinden sollte, nach dem Überfall Nazideutschlands auf Polen am 1. September 1939 allerdings abgesagt wurde.

Der Wagen basiert auf der Technik des VW Käfers, zwischen 1938 und 1940 wurden lediglich drei Exemplare gebaut. In Monterey rollte am Samstagabend Ortszeit das einzig noch existierende Exemplar auf die Bühne. Alle im Saal erwarteten ein Bietergefecht bis über 20 Millionen Dollar. Dann nahm die Katastrophe ihren Lauf.

Dreizehn oder dreißig?

Gleich als erstes Gebot ruft der Auktionator "30 Millionen" auf. Im Video ist eine Stimme aus dem Publikum zu hören, die "13 Millionen" sagt, doch das geht im Raunen unter. In der nächsten Minute geht es Schlag auf Schlag - bis auf "70 Millionen". Auf den Videobildschirmen wird das gleich umgerechnet in unterschiedliche Währungen, bei "Euro" wird die Summe 63.350.000 angezeigt. Begeisterungsrufe, Verblüffung, ungläubiges Kopfschütteln im Saal.

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Dann stockt der Auktionator kurz und sagt: "Ich meine 17 Millionen." Auch die Bildschirmanzeige wechselt auf einmal auf 17 Millionen, quittiert von Buhrufen, Gelächter, Verärgerung. Die Leute von RM Sotheby's sind irritiert, der Auktionator am allermeisten. Immer wieder ruft er in den nächsten rund drei Minuten "17 Million Dollar", doch es kommt kein Gebot mehr. Die ersten stehen auf und verlassen schimpfend den Saal. Dann wird die Auktion abgebrochen, drei Hammerschläge, 17 Millionen, das Auto bleibt unverkauft.

Eine einzige Kette von Fehlern

"An diesem Abend lief alles schief, was schieflaufen kann", sagt Auktionsprofi Eisenbeis. "Wenn der Auktionator, nachdem er seinen Fehler bemerkt hatte, sich entschuldigt hätte, vielleicht einen Witz gemacht hätte und dann, in aller Ruhe, von vorne begonnen hätte, wäre die Sache vielleicht noch zu retten gewesen." Stattdessen tat er so, als sei nichts gewesen - und blamierte sich umso mehr. "Das war von vorne bis hinten unprofessionell, und zwar nicht nur vom Auktionator, sondern auch von den anderen Mitarbeitern, die es einfach so laufen ließen", sagt Eisenbeis.

Rein formal ist der Nichtverkauf des Porsche Typ 64 übrigens korrekt. Anders als im deutschsprachigen Raum nämlich gilt bei Auktionen im angelsächsischen Raum ein Objekt als nicht verkauft, wenn es den zuvor vom Verkäufer mit dem Auktionshaus vereinbarten Mindestpreis (reserve) nicht erreicht. Der lag bei dem Porsche-Unikat offenbar bei 18 Millionen Dollar. Die Gebote, die der Auktionator genannt hatte, waren offenbar sogenannte biddings against the chandelier (Gebote gegen den Kronleuchter). Darunter versteht man in der Branche das - durchaus erlaubte - Hochschrauben des Preises durch den Auktionator, um die Preisuntergrenze zu übertreffen und damit zu einem gültigen Abschluss zu kommen.

Treibt das Debakel den Preis noch weiter in die Höhe?

Von RM Sotheby's hieß es zerknirscht, es sei "trotz Interesses mehrerer Sammler nicht gelungen, eine Verhandlungsbasis zwischen Verkäufer und Käufer zu erzielen". Das Auto ist weiterhin als "zu verkaufen" gelistet. Und möglicherweise treibt das Auktionsdebakel sogar den künftigen Preis in die Höhe. So geschah es mit dem Werk des Street-Art-Künstlers Banksy, für dessen Bild "Girl with Balloon" bei 1,2 Millionen Euro der Hammer fiel und das sich unmittelbar danach durch eine eingebaute Mechanik selbst schredderte. Die Papierstreifen heißen nun "Love is in the Bin" und werden auf ein Vielfaches des ursprünglichen Auktionspreises geschätzt.

Wobei: Der Porsche Typ 64 scheint allgemein schwer verkäuflich zu sein. Diese Erfahrung machte schon der österreichische Rennfahrer Otto Mathé, dem das Auto 46 Jahre lang gehörte. 1988, so berichtet es Autor Wolfgang Blaube in seinem Buch "Deutsche Auto-Ikonen", wollte Mathé den einzigartigen Wagen Ferry Porsche schenken und transportierte ihn auf einem Anhänger nach Stuttgart-Zuffenhausen. Dort jedoch kam er nicht am Pförtner vorbei. "Für Spontanbesucher sei der Seniorchef nicht zu sprechen - und alten Schrott hätte man selbst zur Genüge..."



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TS_Alien 19.08.2019
1.
Eine Auktion ist keine Raketentechnik. Was soll da schief gehen? Vielleicht sollten die Verantwortlichen weniger koksen.
2cv 19.08.2019
2. Die Gier und "Fachpersonal"
Ich kenne RMSothebys von diversen Oldtimer-Messen --- bzw. deren Personal. Die sonnen sich gern im vermeintlichen Glanz der Exponate, machen ihre VIP lounges und verkaufen möglichst viele "Kataloge" sprich Eintrittsgebühren zur Besichtigung der Fahrzeuge vor Ort. Die meisten der Wagen kann man idR nicht mal starten, geschweige denn fahren - und wenn man ein Stethoskop mitbringt, um beispielsweise die Kurbelwellenlager auf Verschleiß zu prüfen, wird abgewiesen und möge sich trollen (so schon erlebt)... Wer mal wissen will, in welchem Zustand die versteigerten oder zu versteigernden Autos wirklich sind, schaue sich die Abstellhalle *nach* der Auktion an - oftmals finden sich wahre Seenlandschaften von ausgelaufenen Motor- und Hydraulikölen. Und es gibt genügend Spinner, die die kalten Motoren direkt in den ersten 2 Sekunden auf Drehzahlgrenze hochtouren lassen - da wendet sich das Oldie-Herz mit Grauen ab... Ich habe mir schon mehrfach zumindest 2CV auf ihre vermeintliche "Originalität" angeschaut: was da zusammengeschweißt und -gespachtelt wurde, war teils haarsträubend, teils noch nicht mal im Baujahr korrekt, Karosserieteile aus verschiedenen Jahrzehnten zusammengesetzt etc. - absolut nicht original, höchstens "originell". Ich bin dann zur Auktionator gegangen, habe diese auf die Falschinfos im Prospekt und inkorrekte Details hingewiesen: kein Interesse - die Angaben seien vom Verkäufer und man sei nicht in der Situation, diese zu hinterfragen. Also - Augen zu und raus mit der Möhre, hauptsache die 18% Auktionsgeld - oder welche Höhe auch immer - kommen rein. Bei besagten 2CV sind die Regel daher eher ca. 50% bis 200% zu teuer.... Die Bubis und Mädels vom Standpersonal wirkten wie von einer Partyjacht teleportiert, aber nicht wirklich an ihrem Job interessiert. Bei RM wird entweder auf Hype / Spekulationsgier / Sachunkundigkeit des Käufers gesetzt, oder Autos präsentiert, die oftmals woanders nicht verkauft werden konnten - überteuert und nicht dem Marktwert entsprechend. Deshalb ganz dringender Tip: Finger weg! Und vernünftige Autos über Markenclubs und Typenexperten kaufen. Da hat man mehr Spass dran... ...und erst Recht kein Geld für einen "Pseudo-Porsche" ausgeben, der noch nicht mal von Porsche AG und Porsche Museum homologiert wurde. Spätestens hier zieht der seriöse Käufer die Reißleine. Merci und schönen Tag!
dasfred 19.08.2019
3. Auktionsbedingungen
Auch bei uns kann jeder Einlieferer mit dem Auktionator ein Limit vereinbaren, unter dem ein Objekt nicht verkauft wird. Danach wird es dann zum Limit im Nachverkauf angeboten und ein Interessent hat die Möglichkeit auch unterm Limit über das Auktionshaus nachzuverhandeln. Auktionen ohne Limit betreffen meist Konkursversteigerungen, bei denen alles raus muss.
steppenwolf81 19.08.2019
4.
Nein, also wirklich. Ein Schock für die Multimillionäre, ein Eklat. Da zersprang vor Entrüstung sicher einigen das Champagnerglas, nicht minder durch Millionen schwere Damen mussten sich mit dem Fächer Luft zuwedeln. Nur folgerichtig, das diese Impertinenz jetzt öffentlich und als Meldung durch die Presse getragen wird. Mein nächstes Auktionshaus wird nicht Sotheby's. Ganz nebenbei gefragt: War der Spiegel eigentlich früher mal links?
ditor 19.08.2019
5. Mangelnde Transparenz
"Was soll da schief gehen?" Offenbar so einiges wenn man sich statt für Transparenz auf ein Abzockmodell im Auktionsverfahren einig und krampfhaft Superlative will. Verdeckte Mindestgebote -dass sich die Bieter nicht blöd vorkommen bei sowas mitzumachen.
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