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Québec: Angst vor dem Abgrund

Foto: John Mahoney/ Montreal Gazette

Provinz Québec Land der zerbröselnden Straßen

Gesperrte Autobahnen, marode Brücken, einstürzende Tunnel: Die Zustände der Straßen in der kanadischen Provinz Québec erinnern an Entwicklungsländer. Einheimische Autofahrer fahren weite Umwege, um halbwegs sicher ans Ziel zu kommen. Ihre Wut wächst.
Von Mathias Weber

Das Unglück ist den Québecern im Gedächtnis, als wäre es gestern passiert: Tatsächlich geschah es am 30. September 2006, auf einer Brücke über der Autobahn 19, in der kanadischen Provinz, nördlich von Montreal. Gegen 12.30 Uhr treten damals auf einer Brücke Risse auf, die Fahrbahn sackt ein wenig herab. Sicherheitsexperten der Verkehrswacht werden herbeigerufen, doch die Fachmänner sehen keinen Grund zum Handeln.

Ein fatale Fehleinschätzung: Kurze Zeit später löst sich eine komplette Fahrbahn und kracht auf die Autobahn. Zwei Autos werden zerquetscht, fünf Menschen sterben sofort. Oben, auf der Überführung, können mehrere Fahrer nicht mehr rechtzeitig bremsen und fallen in den Abgrund, der sich plötzlich vor ihnen auftut. Sechs Autofahrer erleiden schwere Verletzungen. Eine Szene wie nach einem Erdbeben.

Doch nicht nur wegen der Toten und Verletzten erinnern Zeitungen und Fernsehsender regelmäßig an das Unglück. Die apokalyptischen Bilder illustrieren vielmehr eindrücklicher als alle anderen, mit welchem massiven Problem die Provinz Québec  zu kämpfen hat: mit einem miserablen Zustand der gesamten Infrastruktur.

Wie in einem Entwicklungsland

Über die Risse und Schlaglöcher in den Straßen wundert sich schon lange niemand mehr. Doch der Zustand von Brücken, Tunneln und Überführungen ist regelrecht furchteinflößend: Unter dem bröckelnden Putz sind vielerorts bereits die korrodierten Stahlträger zu sehen, Geländer wackeln an durchgerosteten Stützen, ganze Betonplatten lösen sich von Decken und Wänden. Eine Fahrt durch Québec mutet an, als wäre man in einem Entwicklungsland.

"Die Menschen haben Angst vor ihren eigenen Straßen", sagt Lokalreporter Andy Riga, der das Drama seit Jahren verfolgt. "Es ist ihnen peinlich, und es macht sie wütend. Viele Autofahrer würden ihre Routen eher nach dem Straßenzustand planen als nach den Staumeldungen und gefährliche Bauwerke meiden. Er selbst habe seiner Frau versprechen müssen, auf dem täglichen Weg zur Arbeit eine einsturzgefährdete Brücke nicht zu befahren. Eine Online-Umfrage bestätigte jüngst, dass Rigas Beschreibung keineswegs nur auf Eindrücken aus seiner nächsten Umgebung beruht. Darin gaben 88 Prozent der Montrealer an, sie seinen "besorgt" über den Zustand der Straßen, die Hälfte der Nutzer war sogar "verängstigt".

Buch des Schreckens

Doch erst ein weiteres spektakuläres Unglück im vergangenen Juli führte endlich dazu, dass sich auf politischer Seite etwas bewegte. In einem Tunnel hatte sich ein 15 Tonnen schweres Stück Beton von der Decke gelöst und war auf die Straße gefallen. Wie durch ein Wunder kamen die Autofahrer mit dem Schrecken davon. Um dem Druck auf die Provinzregierung zu erhöhen, veröffentlichte Montreals Bürgermeister Gérald Tremblay einen internen Bericht über den baulichen Zustand aller Straßen, Brücken und Überführungen in Montreal. Es ist ein Buch der Schreckens.

Von 520 Straßenbauwerken werden 81 als "verfallen", 38 als "minderwertig" und 44 als "statisch instabil" eingestuft. Zwölf Bauwerke sind gar in einem "kritischen" Zustand: Zum Teil dürfen sie gar nicht mehr befahren werden, müssen abgerissen und neu gebaut werden. Die Veröffentlichung des Berichts war eine politische Sensation: Bisher wurden interne Berichte über den Zustand der Infrastruktur immer unter Verschluss gehalten - zu erschreckend, zu peinlich waren den Behörden wohl die Ergebnisse.

Ein einmaliges Phänomen

Wie konnte es so weit kommen? Schließlich ist der schlechte Zustand der Infrastruktur ein einmaliges Phänomen der Provinz Québec. Wer über die Grenzen nach Ontario oder in die USA nach Vermont fährt, kann sich sofort über gut gepflegte Straßen freuen.

"Zwei große Probleme gibt es in hier", erklärt Riga. "Das eine ist die verkrustete Bürokratie. Viele Bauwerke werden von zwei verschiedenen Behörden verwaltet, die oft nicht einmal miteinander reden." Die Mercier-Brücke über den Sankt Lorenz-Strom etwa gehört bis zur Hälfte der Stadt Montreal, danach, über dem Wasser, dem Staat. Weil sich die jeweils zuständigen Behörden bei den Reparaturen nicht absprechen, ist die eine Seite in einem weit schlechteren und gefährlicheren Zustand als die andere.

Größtes Problem: Korruption

Das größte Problem aber - und dafür ist Québec in ganz Kanada bekannt - ist die Korruption. Die meisten der heute baufälligen Brücken, Straßen und Tunnel wurden zur Zeit des großen Wirtschaftsbooms der sechziger und siebziger Jahre errichtet. Damals landete viel von dem Geld, das eigentlich für die Bauprojekte gedacht war, in den Taschen von Gangs und Politikern. Dem Pfusch am Bau folgte jahrelange Vernachlässigung bei der Wartung. Jetzt holt die Vergangenheit die Regierung ein.

Und so bleibt dem Verkehrsministerium nichts anderes übrig, als viel Geld für Reparaturen in die Hand zu nehmen. Sanierung und Neubau von Brücken, Autobahnkreuzen und anderen Teilen der Infrastruktur verschlingen allein in diesem Jahr vier Milliarden kanadische Dollar. Trotzdem wird es Jahrzehnte dauern, bis die schlimmsten Mängel beseitigt sind. Und Reporter Riga bleibt skeptisch, ob sich in Québec etwas grundsätzlich ändern wird. "Korruption und Unfähigkeit gab es hier schon immer und wird es immer geben", sagt er resigniert. Er fragt: "Wie viel von dem Geld wird tatsächlich in die Straßen investiert werden, und wie viel in irgendwelchen Taschen verschwinden?"