Mobilität

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PS-Kraftprotze auf der IAA

Ein bisschen Speed muss sein

Sie können es einfach nicht lassen. Einerseits legen sich die Autohersteller zur IAA ein grünes Mäntelchen um, andererseits funktioniert die Party nicht ohne PS. Deshalb bollern auch diesmal wieder die Turbos. Dem Publikum ist das wahrscheinlich ganz recht so.

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Mittwoch, 12.09.2007   09:10 Uhr

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So viel ist auch schon vor der offiziellen Eröffnung sicher: Mit Dutzenden Umwelt-Autos, Sparwundern und schadstofffreien Zukunftsmodellen wird diese Internationale Automobilausstellung (IAA) zum grünsten Branchengipfel der Neuzeit. Doch längst nicht alle Premieren sind dem Sparen verpflichtet. Weil eine Automesse ohne Traumwagen so fad wäre wie Prosecco ohne Kohlensäure, zeigen sich viele Hersteller in den Frankfurter Messehallen auch von einer anderen Seite. Hinter der Phalanx der grünen Autos dreht manch neues Modell ganz wie in alten Tagen bis in den tiefroten Bereich.

Das beste Beispiel dafür ist der neue RS6 Avant, der als stärkster Serien-Audi aller Zeiten ins Rennen geht. Zu einem Preis von rund 102.000 Euro gibt es den Bollerwagen mit dem eingebauten Alibi des großen Kofferraums ab nächstem Frühjahr mit dem bekannten V10-Motor, der nun aber mit zwei Turboladern bestückt wurde und so auf erschreckende 580 PS und 650 Nm kommt.

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Weil jedes PS nur 3,5 Kilogramm Auto bewegen muss, sprintet der Wagen genauso schnell wie der Sportwagen R8 auf Tempo 100 - nämlich in 4,6 Sekunden. Gerade einmal 10,3 Sekunden später streift die Tachonadel über die 200er-Markierung, und kurz darauf dreht die Elektronik dem Motor den Hahn zu. Den Verbrauch von 13,9 Litern hält Audi "angesichts des Potenzials für einen sehr guten Wert". Doch käme ein normaler A6 Avant damit fast doppelt und ein Hybridmodell gleicher Bauart wahrscheinlich gleich dreimal so weit.

Aber keine Sorge: Die Herren der Ringe bekommen nicht den schwarzen Peter auf der grünen Messe, sondern befinden sich in illustrer Gesellschaft. Denn auch Porsche versucht es in Frankfurt mit einem Spagat zwischen Vernunft und Vollgas. Auf der einen Seite zeigen die Schwaben einen Prototypen mit Hybridantrieb, der den Verbrauch des Geländewagens Cayenne im nächsten Jahr unter zehn Liter drücken soll. Und nebenan steht als sportliche Spielart der Cayenne GTS. Er wird 76.725 Euro kosten und hat jene Rallye-Fahrzeuge zum Vorbild, die kürzlich von Moskau nach Ulan Bator gepflügt sind.

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Deshalb gibt es nicht nur ein strammeres Fahrwerk und ein noch breiteres Design, sondern auch wieder mehr Leistung. Der V8-Saugmotor leistet nun 405 PS, geht mit maximal 500 Nm zu Werke und beschleunigt den Zweitonner auf bis zu 253 km/h. Der Verbrauch ist auch hier weit weg von dem, was in Frankfurt sonst so postuliert wird: 15,1 Liter mit Schaltgetriebe lautet der Durchschnittswert. Mit dieser Menge Sprit können sparsame Autofahrer in normalen Wagen eine ganze Woche fahren - ein GTS-Pilot nur eine halbe Stunde.

PS-Zahl statt CO2-Wert

Die deutschen Hersteller in der Oberliga können diesem Zwiespalt nicht entkommen: Mercedes zum Beispiel stellt zwar auf der einen Seite eine eindrucksvolle Flotte von Sparmodellen aus, zeigt aber auch die offene Variante des Supersportwagens SLR und gleich zwei AMG-Versionen der C-Klasse, die es auf 457 PS bringen. Von BMW wird einerseits das Debüt eines Hybridantriebs erwartet, während die Szene der 3er-Fans den 420 PS starken M3 herbeisehnt. Und aus dem VW-Konzern kommt als "stärkster Bentley aller Zeiten" der Continental GT Speed mit 610 PS sowie angeblich ein neues Extremauto von Lamborghini.

Die Hersteller aus anderen Nationen sind übrigens ebenso leistungsversessen wie die Deutschen. Selbst der mit dem Hybridantrieb zum umweltfreundlichen Musterschüler aufgestiegene Gigant Toyota lässt in Frankfurt die Muskeln spielen. Als Antwort auf AMG & Co feiert die Tochter Lexus dort das Europa-debüt des IS-F, der für das Prestigeduell auf der Überholspur einen 400 PS starken V8-Motor bekommt.

Das große Glaubwürdigkeitsproblem der Branche

Für Kritiker wie Gerd Lottspiepen, den verkehrspolitischen Sprecher des Verkehrsclub Deutschlands (VCD), sind solche Fahrzeuge wie Wasser auf den Mühlen. Sie zeigten den Zwiespalt, in dem sich die IAA befinde, schreibt er in einem Gastbeitrag für die Tageszeitung "Die Welt": "Einerseits müssen die Hersteller mit dringend nötiger Spritspartechnik Vertrauen zurück gewinnen; andererseits präsentieren sie Traummaschinen in Chrom, Lack und Leder, als wäre nichts gewesen. Mit Musik und leicht bekleideten Tänzerinnen preisen sie Antriebe, die bei Vollgas schon mal einen Liter pro Minute brauchen und genug Kraft haben, um ein Großraumflugzeug zu schleppen." Seiner Meinung hat die IAA "ein großes Glaubwürdigkeitsproblem".

Den Messegästen werden solche Fragen vermutlich kaum den Spaß verderben. Es wird sicher nicht nur an den hübscheren Modells liegen, dass auch in diesem Jahr das Gedränge um das neue Mercedes-AMG-Modell größer ist als vor der A-Klasse und dass den Porsche GT2 eben doch mehr Menschen sehen wollen als den Polo Bluemotion. Für Analyst Christoph Stürmer von Global Insight ist das keine Überraschung: "Ohne solche Hochleistungsvarianten würde der Industrie ein ganz wesentlicher Faszinationsfaktor fehlen."

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